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WÜRZBURG: NABUCCO

24.02.2017 | Oper

WÜRZBURG: NABUCCO am 22.2. 2017 (Werner Häußner)

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Zwischen Macht und Elend: Anna-Maria Kalesidis als Abigaille. Foto: Nik Schölzel

Der neue Gott trägt britische Uniform. Wenn er die Faust auf seinen Schreibtisch knallt, gibt es Qualm, Feuer und Explosionen. Wenn er sein „son‘ Dio“ den fassungslosen Menschen entgegenschleudert, hebt er eine Bronzebüste hoch. Später versteckt er sie in seinem Bett. Will er seinen eigenen Charakterspiegel nicht mehr sehen?

Verdis „Nabucco“ ist eine Geschichte von Überhebung und Fall einer Macht, die sich selbst als transzendente Größe stilisiert. In Würzburg münzt die italienische Regisseurin Pamela Recinella den auf dem Alten Testament beruhenden Plot um auf die erste Hälfte des vergangenen Jahrhunderts in Palästina: europäische Kolonialherrschaft, Vielvölkergemisch, die Vorform eines jüdischen Staates. Während der Ouvertüre sehen wir, wie sich Juden an der Klagemauer verneigen, wie arabische Familien ihre spielenden Kinder einfangen, wie sich Christen zusammenfinden. Die Kostüme von Madeleine Boyd sind malerisch, zeigen an, welcher Religion die Menschen angehören. In den Hintergrund der Bühne hat die Ausstatterin einen Saal gebaut, gestützt von Pfeilern. Ein Schreibtisch, eine gepolsterte Sitzlandschaft. Europäer unterhalten sich mit vornehmen Arabern. Hier macht man Politik, hier schließt man Geschäfte ab. In dieser Welt regiert Nabucco, der Besatzer.

Recinella hat ihren Transfer gut durchdacht und in greifbare, unmittelbar einleuchtende Bilder gebracht. Sehr genau verwebt sie die komplexe politische Geschichte – Zaccaria und Ismaele im Widerstand gegen das fremde Herrschaftssystem – mit der privaten Katastrophe einer Familie: Nabucco, ein gefühlskalter Vater mit Empathie nur für Macht, hat für Gespräche mit seinen Töchtern offensichtlich keine Zeit. Fenena ist diejenige, die sich aus Liebe mit der revolutionären Partei solidarisiert. Und Abigaille irrt zwischen allen politischen Stühlen und emotionalen Fronten – eine verlorene junge Frau, die zu letzten Mitteln greift, um ihr eigenes Gefühls-Desaster in den Griff zu bekommen, um endlich auf sich aufmerksam zu machen und ihre unerträgliche Lage offensiv zu überwinden. Täterin und Opfer zugleich.

Die Regisseurin bleibt an ihren Personen dran, behält sie stets im Auge. So gibt es keinen Leerlauf, so konventionell manche Szene auch auf den ersten Blick von Verdi und seinem Librettisten Temistocle Solera konzipiert sein mag. Recinella schafft es, mit einem Stück, das sich gerne dem Zugriff verweigert, eine schlüssige Geschichte zu erzählen. Und sie kann sich auf die Musik verlassen: So vorläufig Verdis Mittel auch sein mögen, sein leidenschaftlicher Zugriff, seine scharf geschnittenen Cabaletten, seine damals schon fantastisch erfundenen, kraftvollen Melodien tragen das Konzept mit. Und im direkten Vergleich mit Meyerbeers „Les Huguenots“, die in den letzten Monaten in Würzburg zu erleben waren, ist zu hören, wie genau Verdi auf die moderne Musik seiner Zeit gehört hat. Er hat die beiden Wahl-Franzosen Rossini und Meyerbeer ebenso sorgfältig rezipiert wie die italienische Linie eines Simon Mayr, eines Gaetano Donizetti und eines Vincenzo Bellini.

Der Schluss der Oper mutet in Recinellas Regie an, als habe sie extra dafür Lessing gelesen: Nabucco der Weise erscheint im Gehrock des Aufklärers – die Uniform ist passé –, die Menschen stimmen a cappella „Immenso Jehovah“ an. Eine utopische Situation des Friedens und des Ausgleichs unter einem Gott, dem allein die Macht gebührt, auf die Nabucco nun demütig verzichtet?

Die musikalische Einstudierung lag in den Händen der seit dieser Spielzeit amtierenden Ersten Kapellmeisterin Marie Jacquot. Sie erweist sich – wie schon in ihrem Nachdirigat von Mozarts „Idomeneo“ – als technisch versierte, genau abwägende Sachwalterin der Musik. Sie gibt den warmen Kantilenen Raum, lässt Verdis manchmal noch krude Musik nicht denunziatorisch schmettern und im Blech versinken. Was ihr noch fehlt, ist Erfahrung. Mag sein, dass es die Sorge ist, zu banalisieren, aber erst im zweiten Teil der Oper springt der Rhythmus ab, gewinnt expressive Schärfe und gestalterisches Gewicht. Die Ouvertüre ist schön erarbeitet, aber die Musik atmet nicht. Die dreiertaktgestützten, kantablen Großbögen rücken ordentlich von Note zu Note vor; sie drängen nicht, sie brennen nicht vor Sehnsucht nach Erfüllung. Der Rhythmus ist präzis exerziert und sorgt dafür, dass Verdi stellenweise so klingt, wie man ihn gern denunziert hat: säuberlich gleichmäßige Leierkastenmusik. Dennoch nimmt Marie Jacquot für sich ein, weil sie ernsthaft daran arbeitet, Verdis Musik gerecht zu werden – der Erfolg wird sich im Lauf der Zeit einstellen.

Verdi zu singen ist anspruchsvoll – und dieser Gemeinplatz bestätigt sich auch an großen Häusern. In Würzburg weisen die Damen auf der Bühne darauf hin, dass es auch ohne Dauerforte, Vibrato-Hubraum und Schlachtlärm geht: Karen Leiber erfüllt die Rolle der Fenena, die durch ihre oft gestrichene Arie aus ihrem Nebenfiguren-Dasein erlöst wird, mit vokalem Glanz und darstellerischer Sorgfalt. Die Abigaille von Anna-Maria Kalesidis ist kein machtgieriges Koloratur-Schlachtross. Sie zeigt mit stimmlichen Mitteln, wie diese junge Frau aggressiv aus brüsker Zurücksetzung, ausgetrocknet aus Mangel an Liebe, durch emotionale Kälte empfindlich und verzweifelt zugleich geworden ist. Eine facettenreiche Charakterstudie, der sie trotz etwas ausgeprägtem Vibrato und manchmal einer mehr suchenden als sicheren Tonemission ein eindrucksvolles Profil gibt.

Bei den Herren sieht die Bilanz nicht ganz so optimistisch aus: Bryan Boyce ist ein gewinnender Darsteller, der sich auf Nabucco als Alphatier zwischen herrscherlichen Allüren und heulendem Elend einlässt. Aber die Dramatik der Partie überfordert ihn, nicht nur in den erzwungenen Höhen. Boyce hat nicht den sicher im Körper verankerten, gut gestützten, frei in den Raum projizierten, so flexiblen wie sonoren Ton, der für Verdi eigentlich nötig wäre. So sehr der junge Bariton in anderen Partien überzeugen konnte: Von diesem Fach sollte er noch einige Zeit Abstand nehmen.

Auch Tomasz Raff fehlt die sonore Wärme, das nachhaltige Legato, um die Partie des Zaccaria vokal auszufüllen. Tadellos bemüht er sich, den Ton gleichmäßig zu bilden, aber die Tiefe ist zu rau, der Klang zu spröde, die Kantilene zu brüchig. Bei Roberto Ortiz bleibt der Eindruck eines verquälten Timbres und einer ungesunden Vokalisation, der nicht aufgewogen wird durch das Feuer und die Sicherheit, die der Tenor im Umgang mit dem italienischen Idiom zeigt. Taiyu Uchiyama (Oberpriester) und Yong Bae Shin (Abdallo) – mit dem sich Abigaille mit Sex über mangelnde Zuneigung hinwegtröstet – sind ihren Rollen anstandslos gewachsen. Der Chor des Mainfrankentheaters ist für seinen prominenten Auftritt von Anton Tremmel bestens präpariert worden, darf ihn aber nicht komplett ausfüllen: „Va pensiero“ wird von Fenena (Karen Leiber) solo angestimmt und erst allmählich vom Chor übernommen, der aus dem Hintergrund auf die Bühne quillt. Als Idee konsequent – aber in ihrer Heimat wäre Recinella dafür vermutlich von der Bühne gezischt worden.

Werner Häußner

 

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