WÜRZBURG / Mainfranken Theater: IM WEISSEN RÖSSL
13.1.2026 (Werner Häußner)

Alles Pappfassade, auch die Bergwelt im „weißen Rössl“ in Würzburg. Von links: Daniel Fiolka (Giesecke), Christian Miebach (Siedler), Veronica Brandhofer (Kati).Foto: Nik Schölzl/ Theater Würzburg
Die Eröffnung lässt Schlimmes befürchten: Kommt in Würzburg die alte, ach so heile Operettenwelt wieder? Da stellt Valentin Mattka ein herzallerliebstes Häus’l auf die Bühne, tritt der Chor in prachtvollen Trachten auf. Die Wirtin des „Weißen Rössl“ ist von Adrian Bärwinkel in ein Kostüm gesteckt, das jedem Musikantenstadl alle Ehre machen würde; eine Riesenschleife macht Josepha Vogelhuber zum weiblichen Alpen-Praliné. Die Wolfgangsee-Schmachtfetzen von anno dazumal lassen grüßen!
Aber mitnichten: Regisseur Tristan Braun und sein Team haben keineswegs im Sinn, Operettenseligkeit von einst zu rekonstruieren. Das Wirtshaus im Salzkammergut hat seine besten Tage hinter sich. Das offenbaren schon die ersten, von Braun neu geschriebenen Dialoge: Geldsorgen, Renovierungsstau, Personalprobleme.
Und allmählich wird immer deutlicher sichtbar: Das herzige Etablissement ist bloß Fassade – genau wie die Pappendeckel-Bergwelt dahinter. Am Ende bleiben abgebrochene Balkonbrüstungen, lose herabhängende Fensterläden und abgeblätterter Putz. Josefa steht vor den „Ruinen ihres Lebenswerks“, und was so schön könnt‘ sein, ist leider nur Schein. Folgerichtig zieht auch sie aus dem Bau aus, dessen Rückseite die grob gezimmerte Wahrheit zeigt. Das Prachtgwand’l hat sie längst an den Nagel gehängt, als sie mit ihrem Zahlkellner aus der Schein-Idylle in eine unklare Zukunft aufbricht. Barbara Schöller, schon 2010 in Würzburg die Josefa im letzten „Rössl“ in der flotten Inszenierung Karl Absengers, mimt keine Operetten-Diva, sondern gestaltet ein Porträt einer souveränen, überlegten, lebensweisen Frau.
Tristan Braun macht mit diesem nachdenklichen Finale aus dem „Weißen Rössl“ zwar kein Problemstück, aber er bringt etwas von der melancholischen Heiterkeit eines Wienerlieds hinein, und lässt folgerichtig Ernst Frankowskis „Erst wann’s aus wird sein“ singen. Das bezieht sich, ohne sich aufzudrängen, auch auf die Entstehungszeit: Als Erik Charell mit Ralph Benatzky und einem Team erfahrener Mitarbeiter 1930 das „Singspiel“ entwickelte – in Wahrheit eine Revue-Operette für das Große Berliner Schauspielhaus –, ging es den Menschen in der Wirtschaftskrise nicht gut. Auch die glamouröse Berliner Gesellschaft hatte den Hang nach Ablenkung, nach erträumten „heilen“ Welten und nach unbeschwerter Heiterkeit im verdüsterten Alltag. Das Würzburger „Rössl“ führt dieses grandios gestaltete Ablenkungsmanöver vor, ohne in belehrende Ernsthaftigkeit abzudriften.
Anders als damals lässt Braun keinen Kaiser auftreten. Der „deus ex machina“, der die harmlosen Liebeshändel der „Rössl“-Gäste zurechtrückt, die spießige Moral wahrt und die gesellschaftlichen Umstände unangetastet lässt – immer hübsch bescheiden sein! – fällt weg. Stattdessen lösen die Vogelhuberin und ihr Leopold ihre amouröse Verwicklung selbst. Das gibt den Figuren unerwartete Kontur, löst aber auch die ironische Spannung auf, die Charell zwischen seinen schlüpfrigen Bonmots und einer in Berlin sicherlich belachten Scheinmoral entstanden ist.
Was bleibt, ist die wehmütige Erkenntnis der desillusionierten Wirtin: Was man hätt‘ so gern, liegt so fern. Aber dazwischen öffnet Braun die Türen zu einem versierten Spiel, in das man gerne eintritt, um seine Sorgen zu vergessen. Es beginnt augenzwinkernd mit einem Jodler der Briefträgerin Kati (alle Achtung: Veronica Brandhofer) und zieht ohne Anflüge von Operetten-Sentiment fort: Wir erleben einen Touristenschwarm-Überfall mit vergeblichen Zähmungsversuchen der Fremdenführerin Hiroe Ito (mit Flüstertüte). Wir lauschen den verliebten Zähren des Leopold, knödelnd verkündet von Erwin Belakowitsch. Zur arg schmachtigen Geigen wird die Erkenntnis besungen, dass „es was Wunderbares“ sein muss, „von dir geliebt zu werden“ – und man bewundert ein weiteres Mal die melodische Erfindung der Einlage aus der Feder von Robert Stolz.
Auftritt Doktor Siedler (Christian Miebach): Der pomadige Schönling aus Berlin ist dem verliebten Gastronomieangestellten als vermeintlicher Konkurrent ein Dorn im Auge, weswegen der auf die Melodie des unterschätzten und leider vergessenen Bruno Granichstaedten erklärt, er könne „net zuschau’n“. Als dann der ewig maulende Fabrikant Giesecke (Daniel Fiolka) mit seiner kapriziösen Göre (Vero Miller) eintrifft, wird schnell klar: Das Objekt der Begierde ist nicht die erwartungsfrohe Wirtin, sondern die junge Dame aus Berlin.
Darob wenig erfreut zeigt sich der Vater, denn er verteidigt gerade ingrimmig sein Patent (Hemdhose, vorn zu knöpfen) gegen seine Berliner Konkurrenz Sülzheimer (Hemdhose, hinten zu knöpfen). Dumm, dass Sülzheimers Junior Sigismund ebenfalls am Wolfgangsee erscheint, um krähend zu verkünden, er könne doch nichts dafür, dass er so schön sei (spielfreudig: Matthew Habib). Das führt prompt zu erotischen Schwingungen zwischen dem selbstbewussten Glatzkopf und dem schüchternen, lispelnden Klärchen (brav, dann frech: Anneke Ulmer), Tochter des mittellosen, aber weisen Privatgelehrten Professor Hinzelmann (mit trotteligem Charme: Paul Henrik Schulte).
All das wird garniert von den geschickt die enge Bühne nutzenden Choreografien von Nicola Mascia, von regionalen Anspielungen auf Scheurebe, Silvaner-Bocksbeutel und Blaue Zipfel, von Tango und Schlager, Radetzkymarsch, Erzherzog-Johann-Jodler und „O du mein Österreich“ – ganz im Sinne Charells, der in seine Show aktuelles und historisches Liedgut einbaute. Der Berliner Lutz de Veer, neuer Erste Kapellmeister des Mainfrankentheaters, schlägt einen flotten Ton an, walzt das Sentiment nicht schleppend aus, trifft den Charakter der Stücke.
Die Musiker des Philharmonischen Orchesters haben es nicht immer leicht mit der spritzigen Zuspitzung des Dreißiger-Jahre-Sounds. Die Violinen fühlen sich offenbar genötigt, seifige Süße zu produzieren, und die auf Würzburger Dimensionen reduzierte „große Fassung“ in der Instrumentation Eduard Künnekes lässt den jazzigen Tonfall vermissen, den die „Rekonstruktion“ von Matthias Grimminger und Henning Hagedorn mit ihrer üppigen Saxofon-Riege auszeichnet. Hin und wieder meint man auch, die typischen Fünfziger-Jahre-Akkorde zu hören, mit denen dem „Weißen Rössl“ die frechen Spitzen abgeschliffen wurden. Doch in der Inszenierung – der dritten Würzburger Operette Brauns nach der „Lustigen Witwe“ und Paul Abrahams „Märchen im Grand-Hotel“ – ist der Elan des Ursprungs mit Geschick und Lust eingeholt.
Werner Häußner

