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WÜRZBURG: LUCIA DI LAMMERMOOR

02.04.2023 | Oper international

WÜRZBURG: LUCIA DI LAMMERMOOR
31.3.2023 (Werner Häußner)

wür
Akiho Tsujii als Lucia. Foto: Nik Schölzel

Die „Lucia di Lammermoor“ des Jahres 1976, in der die blutjunge Waltraud Meier die Alisa sang, war in Würzburg in der Regie Manfred W. von Wildemanns eine nachtschwarze Erzählung aus schottischer Romantik, geschöpft aus der Welt der Vorlage Sir Walter Scotts. In der „Lucia“ des Jahres 2006 lieferte Gregor Horres eine psychopathologische Fallstudie, in der die Titelheldin (Carmen Fuggiss) ihre Koloraturenketten von Anfang an in einer geschlossenen Abteilung verströmen musste. Jetzt hat Matthew Ferraro eine kaleidoskopische Motivsammlung abgeliefert, die zwischen Metzgerei, Gothic Novel und Frauenbefreiungsstück changiert, ohne zu einer konzisen Linie zu finden. Das Tartanmuster des Programmhefts jedenfalls führt auf eine falsche Fährte: Schottisch ist hier höchstes der Poteen, den sich Edgardo am knochenbedeckten Grab seiner Ahnen hinter den Kragen eines alten Soldatenmantels kippt.

Sinnenfällige Zusammenhänge zu entdecken, fällt schwer. Das Stück Schlachttier, das am Anfang über dem rotkariert gedeckten Tisch bei Herrn Normanno (Yong Bae Shin) schwebt, bleibt so beziehungslos wie die Axt der kindfräulichen Belcanto-Elektra im ersten Bild des zweiten Akts. Die gespenstische Szene am Ravenswood’schen Brunnen schildert Lucia als selfieversessener Teenager in bauchfreiem, exaltiert geschnittenem Kleid von Ausstatter Pascal Seibicke auf einem kitschbarocken Sofa. Hinzu gruppiert wird zuvor von Statisten ein abgestürzter Kronleuchter mit künstlich weiß glimmenden Birnen. Gesellschafterin Alisa, eine ältliche Dame (Barbara Schöller), drapiert derweilen das Sofakissen ordentlich.

Lucia als sexy Objekt scheint eine durchgängige Idee Seibickes zu sein: An Marionettenfäden wird dem Bruder Enrico Ashton ein Schulmädchen in Röckchen und halb durchsichtiger mesh look Bluse vorgeführt. Dazu legt geistlicher Betreuer Raimondo seinen Wehrmachts-Ledermantel ab und umgibt den Priesterkragen mit dem weißen Kittel des (Seelen?-)Doktors. Zu den Koloraturen der Entrückung geistert Akiho Tsujii als Lucia später beinahe entkörperlicht in ihrem durch Licht transparenten Kleid an einer Palisade aus LED-Säulen vorbei – was bei Seibicke im Erdgeschoss leuchtet, schwebte bei Dietrich Hilsdorfs Bühnenbildner Johannes Leiacker in Essen im ersten Stock.

Das große Finale des zweiten Akts entrollt sich vor einem Engelskind mit einem kleinen Schaf in den Händen – während Lucia nicht wie „das Lamm zur Schlachtbank“ geführt, sondern gegen heftigen Widerstand zur Unterschrift der Heiratsurkunde gezerrt wird. Auftritt Edgardo dann mit Blitz und Donner. Während der Wahnsinnsszene konzentriert sich das Licht von Ingo Jooß rot und weiß auf die im wahrsten Sinn des Wortes umnachtete Lucia, die der Chor aus dem Dunkel bedrängt wie ein Rudel rothaariger gieriger Nachtmahrwesen. Vorher tanzen die Choristen im Partychic einer zeitlosen Gegenwart vor dem bunten Geflacker der Lichtwand wie gespenstische Schatten. Das sind eindrückliche Visionen aus Licht und Raum, die sich aber nicht zu einem Gesamtbild verdichten wollen und am Ende, wenn Lucia dem verzweiflungsvollen Sterben Edgardos ungerührt zusieht, in Bedeutungslosigkeit verdunstet sind.

Bedeutung ist das Stichwort, unter das Enrico Calessos ungewöhnlicher Zugang zu Donizettis Komposition am ehesten einzuordnen ist: Der Würzburger GMD dreht mit seinem Orchester (allzu) machtvoll auf. Hier erklingt nicht mehr der melancholisch zurückgenommene Ton, den man mit Donizetti identifiziert und für den es gute Gründe gibt. Hier schlägt die Pranke des jungen Verdi zu, dessen „Nabucco“ der Kollege aus Bergamo sieben Jahre später in Wien intensiv studieren sollte. Hier blutet die smarte Melodik Bellinis, dessen „Capuleti ed Montecchi“ Calesso in der vergangenen Spielzeit mit untrüglichem Gespür dirigiert hat, wie eine aufgerissene Wunde aus. Die Violinen des Philharmonischen Orchesters setzen nur an wenigen Stellen eine präsente Linie durch; bei den Bläsern wechseln sich magische Momente etwa bei fein austarierten Hörnern ab mit Abstürzen und quarzendem Blech.

Calesso will dramatische Zuspitzung, nicht die oft allzu freundlich wirkende, aus feinerer Nuancierung lebende musikalische Diktion einer gängigen Donizetti-Rezeption. Aber er tut zu viel des gut Gedachten: Für den Turm von Wolferag zu Beginn des dritten Aktes mögen schmetternde Bläser adäquat sein, aber für das Vorspiel zu Edgardos großem letztem Auftritt wünscht man sich eher verhaltene Melancholie als polternde Pauken, zumal auf der anderen Seite die Pizzicati der tiefen Streicher zu unbetont und die Phrasierung zu wenig schwingend erklingen.

Auch das berühmte Sextett im Finale von Akt Zwei bleibt grob und ist im dynamischen Aufbau schon zu Beginn beinahe ausgereizt. Das ist aber auch Resultat eines stilistisch geradezu absurd misslungenen Ensemblegesangs: Keine der Stimmen passt zu anderen, der Tenor durchsticht penetrant jede Entwicklungslinie. Pulsierendes Drängen, Farbe und klangliche Intensivierung bleiben im individuellen Bemühen der Solisten, den jeweiligen Notentext irgendwie zu realisieren, auf der Strecke.

Der Gerechtigkeit halber muss man vermerken: Dem üblichen Niveau des Würzburger Ensembles entspricht dieser Abend nicht – es war einer derjenigen, bei denen von Anfang an der Wurm drin ist. Mag sein, dass in dieser zweiten Vorstellung nach der Premiere auch Erschöpfung spürbar wurde. Selbst Akiho Tsujii, die in Lucias erster Arie „Regnava nel silenzio“ die lyrischen Qualitäten ihres Soprans und die sensible Gestaltung des Unheimlichen zeigt, kommt an ihre Grenzen, wenn ihr die Acuti der Kadenz in der Wahnsinnsszene nur noch Mühe machen. Das Duett im zweiten Akt und das Sextett verlangen einen dramatischen Sopran, mit den schwebend-visionären Ariosi und den abrupten Koloratur-Abstürzen der entrückten Lucia kommt Tsujii besser zurecht.

Ihrem Tenorpartner Roberto Ortiz merkt man an diesem Abend erkleckliche Anstrengung an; Hinrich Horn als Enrico Ashton dagegen ist prächtig bei Stimme, lässt seinen Bariton aber dröhnen, als singe er den Compar Alfio in der „Cavalleria rusticana“ – von stilistischer Sensibilität kaum eine Spur. Mathew Habib als Arturo streift die Grenze zur (ungewollten) Karikatur: Bei ihm ist kein Ton stetig gebildet. Als Gast aus Coburg zeigt Bartosz Araszkiewicz als Raimondo eine solide Tonbildung und baut auf eine sinnig-bewusste Phrasierung. Chor und Extrachor des Mainfranken Theaters, einstudiert von Sören Eckhoff, fangen sich nach anfänglichem Straucheln und bemühen sich mit Erfolg um Schönklang und differenzierte Dynamik. Trotz des animiert Beifall spendenden Publikums bleibt der Eindruck, dass an diesem Abend alle Umstände gegen eine befriedigende Wiedergabe dieses prominenten Belcanto-Meisterwerks gearbeitet haben.

Werner Häußner

 

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