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WÜRZBURG: LOTTES BALLHAUS – Ballett von DOMINIQUE DUMAIS und KEVIN O’DAY

19.01.2022 | Ballett/Tanz

WÜRZBURG: LOTTES BALLHAUS – Ballett von DOMINIQUE DUMAIS und KEVIN O’DAY
14.01. 2022 (Werner Häußner)

kevin

Getanzt wird in den meisten schon lange nicht mehr: Die „Ballhäuser“ des 18. und 19. Jahrhunderts sind Geschichte, nur ihre Architekturhüllen erzählen noch von rauschenden Redouten, vom Fieber der rhythmischen Bewegung, von der Lust der erotischen Zweisamkeit im Tanz. „Lottes Ballhaus“ in Würzburg ist also kein Etablissement – die legendären Bälle in den „Hutten-Sälen“ sind ebenfalls nur noch nostalgische Erinnerung –, sondern ein Ballettabend von Dominique Dumais und Kevin O’Day, mit dem sich nach allzu langer Pandemiepause das Tanzensemble des Mainfranken Theaters zu Beginn der Spielzeit zurückgemeldet hatte.

Walzer und Tango, weltweit in zahllosen Varianten in Musik gegossene Tänze, füllen das imaginäre Ballhaus auf der Bühne, für das Thomas Mika einen massiven Baukörper in schmutzigem Orange mit weiß- bis dunkelgrauen Flecken errichtet hat. Ein Neonröhren-Leuchter erinnert als dominierendes Ausstattungsstück an die fünfziger Jahre, die letzte große Zeit der Tanz-Treffpunkte. Erst aus der Nähe wird die feine Ornamentik der Wände sichtbar, die zunächst wie eine notdürftig hergerichtete Bombenruine wirken. Das Licht von Ingo Jooß zaubert Stimmung über Stimmung in den Raum. Die Tänzer – ja, die :innen sind mitgemeint – haben Platz, Figuren zu entfalten, die Tiefe auszunutzen, in weiten Sprüngen über den Boden zu fliegen.

Den ersten Teil des Abends gestaltet Dominique Dumais, seit 2018 Ballettchefin in Würzburg und durch Corona viel zu bald im Höhenflug gehemmt. Ihr Thema ist der unsterbliche Walzer, dessen stilistisches Spektrum sie mit zwölf repräsentativen Stücken auffächert. Johann Strauß‘ „Künstlerleben“ ist der sinnbildliche, an Wien erinnernde Auftakt, Leonhard Cohens „Take this Waltz“ als Nachhall alter Walzerseligkeit setzt den Schlusspunkt. Dazwischen ein vielgestaltiges Potpourri, von Jean Sibelius über Dmitri Schostakowitsch hin zu Bernd Alois Zimmermanns köstlicher Walzerverfremdung aus „Das Gelb und das Grün“ – und zurück über Brahms, Satie und Mozart zu Aram Khatschaturians Walzer aus der Bühnenmusik zu Michail Lermontows Tragödie „Maskerade“.

Dumais entwickelt ihre Formensprache aus dem gängigen Walzerschritt, dessen Bewegungsfolge und Drehung zunächst vorgestellt, variiert und dann wie in einer weiträumig gedachten Improvisation aufgehoben wird. Beziehungen zwischen Menschen sind auch in dieser dynamischen Choreografie ihr Thema. Thomas Mikas Kostüme geben den Damen viel Stoff, um luftig durchleuchtete, rasch sich auflösende Skulpturen auszubilden; auch die Herren tragen zuweilen lange Röcke. Geschlechtergrenzen lösen sich auf, lässig umtanzen sich Männer in lockender Pose: „You can be anything you want to be in the Ballhaus“, heißt es zu Beginn. Paare finden sich, entfremden sich, pressen sich aneinander in virtuos erfundenen Figuren. Dennoch: Im Rausch der Bewegung will sich trotz vieler sorgsam entwickelter Details zu selten Spannung bilden, lösen sich Bezüge viel zu rasch in manchmal ausgezirkelten, manchmal rasend wilden Formationen auf. Am Ende bleibt eine Frau allein im gleißenden Licht: Symbol einer Einsamkeit, die durch noch so engen Körperkontakt nur für wenige sinnliche Momente zu durchbrechen ist?

Das flüchtige erzählerische Moment fällt auch in den Tango-Choreografien von Kevin O’Day im zweiten Teil des Abends auf. Die Wände sind jetzt durchbrochen, Licht dringt durch die Lamellen wie an einem heißen Sonnentag in einem südlichen Land. Aber die Anmutung der Jalousie findet kaum Widerhall – Jacob Gades grandioser Tango „Jalousie“ hätte vortrefflich gepasst. O’Day konzentriert sich ausschließlich auf den Tango Nuevo von Astor Piazzolla. Das ist nicht originell: „Libertango“ und „Oblivion“ hat es schon in wer weiß wie vielen Choreografien gegeben. Und dass der Tango von den alten Milongas aus Buenos Aires über den mondänen Salontango bis hin zu polnischen oder finnischen Adaptionen vielfältige Ausdrucksformen gefunden hat, bleibt so leider unbelichtet.

Über Piazzollas wundervolle Stücke muss man nicht räsonieren, vor allem, wenn sie mit so viel Liebe und Esprit dargeboten werden wie vom Philharmonischen Orchester Würzburg und seinen Solisten Alexander Zeiher (Violine), Deanna Talens (Cello), Kevin Bernard (Akkordeon), Jieun Baek (Klavier) oder Johannes Mauer (Trompete). Das ist auch Verdienst von Carlo Benedetto Cimento, der am besuchten Abend das Dirigat von Gábor Hontvári übernommen hat. In Bologna geboren, ist er als Korrepetitor mit Dirigierverpflichtung am Mainfranken Theater engagiert.

Bei ihm erklingen die Walzer in einem natürlich schwingenden Metrum, in den atmenden Verzögerungen und Beschleunigungen auf dem Punkt und mit genügend Zeit. Jean Sibelius „Valse triste“ op.44/1 etwa ist diskret und locker musiziert, auch Nino Rotas Walzer aus „The Godfather“ hat die schwer zu fassende, gelassen-flexible Bewegung, die den Dreiertakt vor der Mechanik beschützt. Auch wenn bei den Tangos der eine oder andere Einsatz fragil wird, die eine oder andere Phrase auseinanderfällt: Der junge Mann am Pult setzt einen sehr sympathischen musikalischen Fußabdruck. Der Abend ist eine Ensembleleistung der Ballettcompanie; herausgehobene Soli oder Paartänze gibt es nicht. O’Days Tangochoreografien mögen sehr bewegungsintensiv und fordernd sein, aber sie erschöpfen sich schnell. Über das erotische Knistern, die untergründige Aggression, die Melancholie und die schmerzhafte Sehnsucht dieses Tanzes erzählen sie, als sei die brennende Leidenschaft von einem dämpfenden Schleier überzogen.

 

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