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WÜRZBURG: CINDERELLA – Ballett von ANNA VITA mit der Musik von SERGEJ PROKOFJEW – Premiere

Abschied von Ballettdirektorin Anna Vita

30.04.2018 | Ballett/Tanz


Copyright: Nik Schölzel

WÜRZBURG: CINDERELLA – Ballett von ANNA VITA mit der Musik von SERGEJ PROKOFJEW – Premiere
am 29.4.2018 (Werner Häußner)

Es gibt Abende im Theater, über denen liegt ein unbeschreibliches Flair. Es mag die ahnungserfüllte Magie eines Neubeginns sein, oder das Glück einer unmittelbar erspürten Vollkommenheit, die man nie und nimmer planen oder kalkulieren könnte. Das hat nicht unbedingt mit dem Aufwand auf der Bühne zu tun: Dieses geheimnisvolle Ausstrahlen stellt sich auch bei ärmlichen Inszenierungen an Theatern weitab gepriesener Zentren ein, wo die Passion der Beteiligten nur mühsam über den Mangel an Mitteln hinwegführt. Aber dann passiert es: Das Ergriffensein – vielleicht von einer Person auf der Bühne oder von einer konzentrierten Szene – stellt sich plötzlich ein und verbreitet sich wie ein Flug feiner Funken im ganzen Raum, entzündet die Menschen in still staunender Begeisterung.

Manchmal ist es auch die Wehmut eines Abschieds, wie er mit bitter süßem Zauber im Würzburger Mainfrankentheater das Publikum der letzten Ballettpremiere von Anna Vita und ihrer Kompanie erfasst hat. Ja, Anna Vita, seit der Spielzeit 2004/2005 ein erst verhalten strahlendes, dann mächtig aufflammendes Leuchtfeuer am Würzburger Theater, verlässt die Stadt am Main im Sommer. Kein freiwilliger Abschied: Der seit 2016 amtierende Intendant Markus Trabusch will die Ballettsparte neu ausrichten und hat dafür die vorher am Nationaltheater Mannheim tätig gewesenen Choreografen Dominique Dumais und Kevin O’Day gewonnen. Für eine Reihe der treuen und zahlreichen Freunde des Vita-Balletts kam die Nichtverlängerung einem Rausschmiss gleich: Sie protestierten nach Bekanntgabe im Juli 2017 vor dem Theater und machen bis heute, manchmal auch auf fränkisch-deftige Weise, aus ihrem Unmut keinen Hehl.

Anna Vita kann in Würzburg eine eindrucksvolle Bilanz vorweisen: Ihr Entrée mit „Der Welt Lohn“ 2005 zu zeitgenössischer Musik von András Hamary zeigte schon, wohin der Weg gehen würde: Das war Tanztheater, das erzählen will, aber nicht vergisst, immer wieder an eine reflektierende Ebene zu rühren, die sich nicht in gelingenden Figuren, Bildern oder Bewegungsabläufen erschöpft. Sicher, das Pendel schwang in Vitas mehr als 25 Arbeiten in Würzburg auch in Richtung praller Freude am Fabulieren aus, so im schaurig-schönen „Dracula“ von 2011 oder in der „Scheherazade“ von 2016. Manchmal verhob sich Anna Vita auch, wenn ihre Liebe zu großen literarischen Stoffen etwa zu einem „Othello“ führte, bei dem eine noch so dynamische Gestaltung auf der Bühne vor der komplexen Psyche der Hauptperson kapitulieren musste.

In Erinnerung wird Anna Vita und ihre über die Jahre hin mit Zuneigung, Engagement und unglaublich viel Arbeit aufgebaute Kompanie mit ihren großen Märchenballetten bleiben, deren Reihe 2005 mit „Andersens Welt“ begonnen und jetzt mit „Cinderella“ abgeschlossen wurde. Der „Nussknacker“ von 2007, ein dauerhafter Erfolg, und „Dornröschen“ von 2014 gehören hierhin, aber ebenso die ein Jahr später in Zusammenarbeit mit Breakdancern entwickelte Choreographie „Schneewittchen – Breaking Out“: Die 20 Vorstellungen waren komplett ausverkauft.

Doch neben nachdenklicher Erzähllust standen auch Arbeiten wie „Das Bildnis des Dorian Gray“ (2009) oder „Der Tod und das Mädchen“ (2006 und in einer faszinierenden Neufassung 2012 in Halle/Saale): Das waren packende tänzerische Durchdringungen existenzieller Fragen, in denen Vitas Stil eines freien, flexiblen Bewegungstheaters mit klaren dramaturgischen Vorgaben in all seinen Stärken zur Geltung kam. So wenig Vita davor zurückscheut, klassische Formensprache mit expressiver Pantomime zu verbinden, so wenig versessen ist sie darauf, durch Artistik und sportliche Höchstleistungen zu imponieren. Kraft und Form sind kein Selbstzweck, sie dienen.

Für „Cinderella“ mit der Musik Sergej Prokofjews arbeitete noch einmal ein bewährtes Team mit Anna Vita zusammen. Roger Vanoni gestaltete das Licht, Anika Wieners errichtete einen dunkel-hohen, weiten Raum, der den Blick auf einen Kamin zentriert. Aus dem wälzt sich ein graubrauner Strom von Leibern – die „Asche“ –, die Cinderella nach vorne tragen. Mit Cara Hopkins hebt sich kein verschüchtert-verzweifeltes Mädchen aus dem Staub, sondern ein selbstbewusstes Blondchen in blauer Latzhose, das sich mit weich fließenden Figuren vorstellt. Diese junge Frau weiß, was sie will, auch wenn ihr das Schicksal nicht günstig gestimmt ist: Sie tritt in energische Opposition gegen Stiefmutter und Halbschwestern und streckt am Ende keck den Fuß aus dem Wäschewagen, damit der Prinz den Schuh nur noch draufzustecken braucht.

Ein ungewöhnlicher Blick auf diese Märchenfigur – aber Anna Vita betont den gegenwärtigen Zug im Märchen mit Skyline, Smartphones und (projizierten) Fotos aus Dating-Portalen. Der Prinz im einsamen Sessel vor einem wesentlich nobleren Kamin – eine einfache, symbolhafte Drehung verändert den Schauplatz – träumt im Gespinst sozialer Netzwerke von wirklichen Menschen, die ihn aber nur als Schemen, als Traumprojektionen aus der dunklen Höhle des Kamins umflattern.

Leonam Santos, elegant, hochgewachsen und kraftvoll-geschmeidig das Timing seines Körpereinsatzes beherrschend, steht auf einmal Rücken an Rücken mit Cinderella. Beide sind einsame Menschen, die sich, wie es eben im Märchen ist, durch Zauber und Fügung treffen, wobei die Konzeption Sergej Prokofjews das Element des Wunderbaren minimiert: Cinderella kommt durch einen Akt selbstloser Freundlichkeit zu ihren wundervollen Schuhen: Sie schenkt einer Bettlerin (Camilla Matteucci) die Schuhe ihres Vaters und opfert damit mehr als Gegenstände. Denn an den Schuhen hängt ihre liebevolle Erinnerung und damit eine tiefe Spur ihrer Seele.

Im Zentrum des Konzepts von Anna Vita steht die Erzählung, wie sich zwei Menschen finden. Alles andere rückt in den Bereich des karikierend Überzeichneten. Die beiden Stiefschwestern, en travestie und locker kraftvoll mit persiflierenden Brechungen klassischer Ballettfiguren getanzt von David Bassénz und Aleksey Zagorulko, stecken in aufdringlich pinkfarbenen Kostümen, denen Veronica Silva-Klug eine Tutu-Anmutung mitgegeben hat. Die Stiefmutter (Kaori Morito) regiert mit einem Stock, die Heiratsvermittlerin (Caroline Vandenberg) stochert auf lackroter Spitze herein. Groteske Figuren, die das Märchen in die Nähe einer Gesellschaftssatire rücken, ohne die bissigen Momente in Prokofjews Musik zum dominierenden Kriterium der Interpretation zu erheben.

Der Ball bekommt einen Zug ins Gespenstische, wenn Vita ihre nur 12 Tänzerinnen und Tänzer mit einer Formation kopfloser Körper auf die Bühne schickt: leblose Kleiderständer, behängt mit verstaubten dunklen Ballkleidern, die für einen Moment an die Sphäre eines Edgar Allan Poe denken lassen. Eher bemüht wirkt dagegen der Einfall, die wundersame Fußkleidung Cinderellas zu Step-Schuhen zu machen.

Der musikalische Part des Abends lag in den Händen von Marie Jacquot. Der Ballettmusik-Debütantin lag viel an rhythmischer Präzision, aber sie vergaß darüber nicht, Prokofjews Orchesterfarben sorgsam ausformulieren zu lassen und das Philharmonische Orchester mit dem Willen zur Transparenz zu führen. Im Graben überzeugten fast durchgängig saubere Streicher und elegante Holzbläser; die klanglichen Abmischungen stimmten und das weich fließende Metrum – an passenden Stellen frech aufgebrochen – gab dem melodischen Aspekt der Musik Prokofjews die entsprechende Kraft, um seinen Wert im Wettstreit mit dem Rhythmus zu behaupten. Enthusiastischer Beifall und eine sichtlich gerührte Anna Vita auf der Bühne.

Werner Häußner

 

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