WÜRZBURG: 1. SINFONIEKONZERT des PHILHARMONISCHEN ORCHESTERS WÜRZBURG
13.10.2022 (Werner Häußner)
Es ist so eine Sache mit der Natur. Viel besungen und beschrieben, tritt sie uns immer vermittelt gegenüber, so sehr wir uns nach der „unmittelbaren“ Natur sehnen mögen. Was wir für die „Natur“ des Menschen halten, was früher als unverrückbares „Naturrecht“ galt, ist heute längst dekonstruiert. Wurde die Natur hier feierlich hinauskomplimentiert, schleicht sie sich durch andere Türen wieder ein: Natur hat Konjunktur, und so manches, was als „natürlich“ verkauft wird, ist höchst kulturell geprägt. Ein Kreislauf der Erkenntnis also?
In der Musik ist die Spannung zwischen „Kunst“ und „Natur“ unauflöslich – es ist ein Spiel von Anziehung und Distanz. Ludwig van Beethoven lässt in seiner „Pastorale“ Kuckuck und Nachtigall rufen, aber bei ihm, dem klugen Denker, ist die Natur kein „gemahltes“ Abbild, sondern Impuls sinnlicher Eindrücke und seelischer Empfindungen. Wie mit solcher Musik umgehen? Enrico Calesso und das Philharmonische Orchester Würzburg haben es im ersten Sinfoniekonzert der neuen Saison geradezu beispielhaft vorgemacht. In einer Interpretation, in der Orchester wie Dirigent über sich hinauswachsen, intensiviert sich die Musik in Beethovens Sechster Sinfonie von Satz zu Satz, bis sie am Ende in einen „heiligen Gesang“ mündet – die Gefühle im Erleben der Natur transzendieren sich in die Ahnung des Schöpfers.
Musikalisch bedeutet das: Enrico Calesso legt größten Wert auf Transparenz, und das Orchester folgt ihm mit tadellosem Gespür. Schon im gelösten Beginn des ersten Satzes ist spürbar, dass der „dicke“ Sinfonien-Ton zurückgelassen wird. Calesso lässt die Streicher das sanfte An- und Abschwellen einer Linie auskosten, markiert mit leichten Ritardandi Übergänge, macht Verläufe deutlich. Das Horn – es hat einen glücklichen Abend! – setzt behutsam Akzente, die sich weder vordrängen noch in den Streichern ertrinken. Das „Allegro ma non troppo“ nimmt Calesso im Tempo eher bedacht wie einst Otto Klemperer, nicht drängend motorisch wie Michael Gielen. Es wird frisch musiziert, mit Grazie und Leichtigkeit. Auch der Feuerkopf Beethoven blitzt auf, ohne dass die Tutti brachial werden. Allenfalls die dynamischen Gipfel könnten eine Idee behutsamer erklommen werden, aber die Entwicklung bis hin zum großen Gewitterknall im vierten Satz bleibt die einer spannungsvollen Steigerung.
Hervorzuheben ist auch der zweite Satz, in dem das „molto moto“ des Andante bewusst gestaltet ist. Die Bewegung gelingt locker und anstrengungslos – und Calesso lässt hören, dass Beethoven und Rossini gar keine so unüberbrückbaren Gegensätze darstellen: Die Terz- und Sextparallelen, die Verzierungen kommen einem bekannt vor; vor allem aber erinnert der sanft wiegende Rhythmus an ein kleines Siciliano aus Rossinis „Tancredi“ – eine gemeinsame Sprache für die heitere Ruhe einer friedvollen Natur. Calesso sucht in wichtigen Momenten den Kontakt zu seinen Musikern und leitet sie sicher durch alle Übergänge und expressiven Akzente. Das Spiel der dynamischen Entwicklung, der Steigerung, des Anspannens und Loslassens der Musik findet seine Höhepunkte in der dramatischen Wirkung des Gewitters, mehr noch aber im befreiten, harmonisch Gesang des transzendierenden Finales.
Klangsinnliche Naturimpression
Voraus gingen der Sinfonie zwei Werke, die beileibe keine „Einspiel“-Stücke sind oder nebenbei zu bewältigende Begleitaufgaben für das Orchester bereithalten. Eröffnet wurde das Konzert mit „Sciliar“ des 1953 geborenen italienischen Komponisten Giorgio Battistelli, ein mittlerweile nicht selten gespieltes Zehn-Minuten-Stück aus dem Jahr 2012. Ähnlich wie Beethoven geht es Battistelli um Natureindrücke, nicht Naturschilderung. Auslöser ist der markante Schlern in Südtirol, ein Berg, der schon in prähistorischen Zeiten hohe kulturell-religiöse Bedeutung hatte.
Battistelli baut sein Stück nach dem bewährten Muster einer breit konzipierten Steigerung bis zu einem Höhepunkt, dem ein Abebben bis zum Verklingen in harmonischem Morendo folgt. Das ist nicht neu, aber wie er dieses Muster füllt, ist höchst klangsinnlich und subtil. Aus Pianissimo-Celloraunen, leisen Trommelwirbeln, fallend sprudelnden Bläsersechzehnteln und Glockenklang entwickelt sich zunehmende Bewegung, fächert sich der Streicherklang auf, kommt eine vielfältig akzentuierte Steigerung in Gang, eine Verdichtung, die in einem hämmernden Beben, vom Schlag des Gongs gekrönt, kulminiert. Bevor der Abstieg beginnt, halten die Streicher lange eine Klangebene fest, in der jeder seinen Bogen individuell führt. So geben sie den sich reibenden Halbtönen des Clusters eine vibrierende, ungreifbare Gestalt, ein Miteinander prismatischer Laute, kristallin stabil und dennoch in sich vielfältig variiert.
Zwischen so starken Stücken ist das klassische Solokonzert in Gefahr, zum virtuosen Intermezzo oder zur kulinarischen Beiläufigkeit abzufallen. Nicht so das Harfenkonzert von Alberto Ginastera. Der argentinische Komponist, der vor fast 40 Jahren (1983) gestorben ist, hat mit dem dreisätzigen Werk eine kraftvolle Musik gestaltet, die sich gegen sinfonische Giganten durch Charme und rhythmische Verve behaupten kann. Andreas Mildner, Schülerin der legendären Giselle Herbert an der Würzburger Musikhochschule und seit 2015 dort Professor, zeigt in seinen Soli seine ganze Kunst, vom Beginn in der hohen Lage über ruhige Arpeggien und markant perkussive Momente bis zur Korrespondenz mit einem eleganten Oboensolo, den folkloristischen Anklängen oder den Reminiszenzen an den Gitarrenklang. Das Orchester „begleitet“ insofern, als es mit dem Soloisten lebhaft interagiert und vor allem in den Varianten des Rhythmus seine ureigene Rolle selbstbewusst behauptet. Ein fulminanter Auftakt der Konzertsaison, die – geht es so weiter – keinen Mangel an Höhepunkten leiden dürfte.
Werner Häußner

