Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIR SIND DIE NEUEN

11.08.2014 | Allgemein, FILM/TV

FilmCover Wir sind die Neuen~1

Ab 14. August 2014 in den österreichischen Kinos
WIR SIND DIE NEUEN
Deutschland  /  2014 
Drehbuch und Regie: Ralf Westhoff
Mit: Gisela Schneeberger, Heiner Lauterbach, Michael Wittenborn u.a.

Das Wort „neu“ ist positiv besetzt, wird auch unbewusst mit „jung“ assoziiert. In diesem Fall sind „die Neuen“, die in eine Altbau-Wohnung einziehen, Leute, die man als „Oldies“ bezeichnet –  und abgesehen davon, dass sie alt sind, haben sie für die jungen Leute, die über ihnen wohnen, noch einen gravierenden Nachteil: Sie sind ganz offenbar nicht reich, nicht einmal einigermaßen begütert.

Die Verachtung der studierenden Jugend (zweimal Jus, einmal Kunstgeschichte) trifft die Alten frontal. Und sehr, sehr schnell ist klar geworden, dass Drehbuchautor / Regisseur Ralf Westhoff hier nicht wieder einen der grundsätzlich begütigenden, beschönigenden Filmen über die potenten Alten drehen wollte – zumindest am Anfang nicht. Das Ende gerät ihm zwar arg ins Klischee, wie vielen Kino-Vorgängern auch. Aber eigentlich hat er begriffen, dass es da harte Probleme gibt.

Anne (die absolut herrliche Gisela Schneeberger) ist die Ich-Erzählerin. Biologin im Ruhestand, die zwar im Laufe ihres Berufslebens sicher viele Tiere gerettet, aber dabei vergessen hat, für einen satten persönlichen finanziellen Polster zu sorgen. So wie Johannes (Michael Wittenborn, nur kurze Zeit am Burgtheater, diesem leider wieder verloren gegangen, in seiner ausgefeilten Skurrilität die Entdeckung des Films), der als Anwalt für die Rechte der Rechtlosen gesorgt und auch nicht ans dicke Bankbuch gedacht hat. Als Anne – wegen Eigenbedarfs – aus ihrer günstigen Wohnung rausfliegt, sich München (das ist es ja wohl?) legitimerweise nicht leisten kann, aber auch nicht „aufs Land“ will, erinnert sie sich an herrliche Jugendzeiten in ihrer WG von einst. Als sie zu Johannes kommt, dem die Einsamkeit nur so aus den Augen schaut, findet sie einen Gefährten: Aber zwei „Freunde“ von damals erweisen sich als böse, starre, abweisende Bürger, die einstige Verletzungen über mehr als dreieinhalb Jahrzehnte mit sich getragen haben. Es sind nur kurze Auftritte für André Jung und Gustav Peter Wöhler, aber meisterliche Studien.

Der Dritte im Bunde ist dann Eddi (Heiner Lauterbach, der seinem einstigen guten Aussehen noch einiges an Kantigkeit  beigefügt hat). Der Einzige, von dem man nicht erfährt, was er beruflich gemacht hat (das ist eindeutig ein Fehler des Drehbuchs), aber es ist klar, dass er von seiner Familie entfremdet ist – und außerdem todkrank. Was er erst gegen Ende zugibt und was dramaturgisch entbehrlich wäre, weil dergleichen einfach Klischee pur ist…

Wir sind die Neuen~1

Anne, Johannes und Eddi: Drei von damals, die aus Kostengründen, aber auch Nostalgie zusammen ziehen (wobei es Eddis besonderer Künste bedarf, ihnen überhaupt eine Wohnung zu verschaffen, wenn Vermieter-Agenturen doch genaue Angaben über möglichst hohe, garantierte Einkünfte verlangen…). Und zu Beginn hat Ralf Westhoff die Situation sehr gut durchdacht. Beispielsweise, dass sie die herrlichen Studentenzeiten (diese 68er waren wirklich eine ausgeflippte Partie!) natürlich nicht mehr beschwören lassen. Und auch, dass die drei Oldies für drei Junge eigentlich vor allem eine Peinlichkeit darstellen… nicht nur, wenn sie Sartre und Goethe zitieren, von denen spätere Generationen offenbar keine Ahnung mehr haben.

Westhoff widmet auch diesen Jungen – wenn auch mit satirischer Überzeichnung – differenzierte Beachtung: Zeigt, unter welchem Druck sie stehen, wie gnadenlos bösartig sie in ihrem verbissenen Karrierewahn sind, und dass hinter all der glatten Attitüde doch nur angstvolle große Kinder stecken, die die Zukunft zwingen wollen und meinen, die Vergangenheit verächtlich treten zu müssen.

Solange die gegenseitigen Fronten aufgebaut werden, hat die Geschichte Grip und sogar Glaubwürdigkeit, was auch an den jungen Leuten liegt: Thorsten, der gut aussehende, feindselige  Yuppie (Patrick Güldenberg), Katharina, die schrecklich verbissene und ehrlich gestanden überforderte Jus-Studentin (Claudia Eisinger) und die sich so cool gebende Barbara (Karoline Schuch), die – wie jeder junge Mensch – unter ihren privaten Problemen schier zusammen bricht. Künstliche Fassaden, einfach glänzend klar gemacht.

Freilich, wenn dann der versöhnende Teil der allgemeinen Annäherung kommt, wird der Film zum Fernsehspiel, wo es ums allgemeine Wohlfühlen geht und weniger um die Realität, die der Regisseur so perfekt angerissen hat. Dann ist man dankbar, wenn die Alten Nachhilfeunterricht, Lebenserfahrung und Seelenmassage zu bieten haben.

Dennoch – die Geschichte gibt mit ihren Ecken und Kanten zum Denken, unterhält mit ihren Pointen und hat einige geradezu bewundernswerte schauspielerische Leistungen. Wenn am Ende die gegenseitige Toleranz und der Austausch der Generationen allzu penetrant gepredigt wird, mag das zwar um einiges simpler sein als der Ausgangspunkt, aber ein schöner Film ist es noch allemale.

Renate Wagner   

 

Diese Seite drucken