Gordon Kampe: Die Verwandlung • Theater am Stadtgarten Winterthur • Vorstellung: 23.09.2026
(3. Vorstellung • Uraufführung am 18.09.2026)
Koproduktion mit dem Staatstheater Augsburg und dem Musikkollegium Winterthur
«Alles für die Familie!»
Während anderer Häuser mit «Blockbustern» oder Raritäten in die Saison starten, setzt das Theater Winterthur, «nur» ein Gastspielhaus, mit einer Uraufführung ein dickes Ausrufezeichen und bietet kompaktes, rundum überzeugendes, modernes Musiktheater.

Foto © Jan-Pieter Fuhr
Mit Franz Kafkas «Die Verwandlung» haben sich das Theater Winterthur und das koproduzierende Staatstheater Augsburg eine weit herum bekannte Vorlage ausgesucht. Philipp Löhle (Text) hat bei seiner Umarbeitung einen Perspektivwechsel vollzogen und stellt an Stelle der Verwandlung des Protagonisten Gregor die dadurch ausgelöste Verwandlung seiner Familie in den Mittelpunkt. (Die Frage, warum Gregor Samsa zum Käfer wurde, stellt Löhle nicht). Wie reagieren Vater, Mutter und Schwester? Entstehen durch die neuen ökonomischen Verhältnisse neue Abhängigkeiten? Mit der damit implizierten Frage, wer eigentlich «das Animalische», das Monströse ist, holt Löhle die Geschichte in die Gegenwart. Letztlich führt dieser Gedankengang zur Frage, was vom Menschen bleibt, wenn seine ökonomische Funktion wegfällt. Gordon Kampe hat dazu eine stimmungsvolle, gut verdauliche Musik komponiert, die soweit über das klassische Orchester reicht, dass ein Teil des Kollektivs auf der Hinterbühne platziert werden muss. Daher wird verstärkt gespielt und auch gesungen, was aber erst beim Schlussapplaus (mit dem sichtbar werden der Microports) auffällt. Das Musikkollegium Winterthur unter Leitung von Ivan Demidov setzt die immer wieder aufs Neue überraschende Partitur mit grosser Spielfreude und fesselnden Spannungsbögen um.
André Bücker (Regie) zeigt mit scharfem Blick die Dysfunktionalität der Familie Samsa. Nachdem während der Ouvertüre mit eine Menschengesicht, das immer mehr zum Käfer wird (Video: Alexander Hügel), die Verwandlung des Sohnes Gregor in einen Käfer thematisiert, zeigt die Bühne (Felix Weinold) für die drei (pausenlos gespielten) Teile des Abends das Wohnzimmer der Familie Samsa mit dem Sofa als Symbol bürgerlicher Spiessigkeit (dazu ideal passen die Kostüme von Aleksandra Kica). Dieses Wohnzimmer nimmt die Sitzfläche des gleichen, aber ungleich grösseren Sofas ein. Unter dieses hat sich Gregor nach der Verwandlung und seinem Ausschluss aus der Gemeinschaft der Familie zurückgezogen. (Bereits während der Entstehung beschlossen Bücker, Löhle und Kampe den Käfer durch vier Sänger und eine Tänzerin als ein Wesen darstellen zu lassen; Choreographie: Helena Sturm). Wobei: So spiessig im klassischen Sinn ist die Familie gar nicht, denn hier ist zwar der Vater das Familienoberhaupt, aber Sohn Gregor ist derjenige der die Familie ernährt. Mit der Verwandlung Gregors gerät das ganze Weltbild der Familie ins Wanken, so dass die Mutter, trotz der von ihr ausgegebenen Parole «Alles für die Familie!» ihren Gatten fragt: «Heisst das jetzt, das wir arbeiten gehen müssen?». Das heisst es, aber ob es soweit kommt, erfährt der Zuschauer nicht. Die Verwandlung wird Vater, Mutter und Tochter erst so wirklich bewusst, als das Geld knapp zu werden beginnt. Da haben sie Gregor nicht nur längst aus der Familie ausgeschlossen, sondern sind dabei ihn verhungern zu lassen.
Kate Allen und Avtandil Kaspeli überzeugen als skurriles Elternpaar, dessen Hauptproblem es ist, dass Gregor, da er ja nun Käfer ist, ihnen kein Frühstück gemacht hat. Franziska Zwink hat selbst als Schwester keine Beziehung mehr zu Gregor. Rusnė Tušlaitė, Cláudia Pereira, Nicolas Julius Stegmann und Titouan Sevic sowie die Tänzerin Helena Sturm faszinieren als dem einem Phantasie-Wesen nicht unähnlichen Käfer Gregor. Olena Sloia, erträgt standhaft die Horror-Familie und muss am Schluss den toten Gregor entsorgen. Claudio Zazzaro als Prokurist/Herr 1, Wiard Witholt als Schlosser/Herr 2 und Shin Yeo Arzt/Herr 3.
Ein eindrücklicher Abend.
Weitere Aufführung in Winterthur: 26.09.2026, 19.00.
25.09.2026, Jan Krobot/Zürich

