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WILDBAD/Rossini in Wildbad 2023: „GLI ARABI NELLE GALLIE“ von Giovanni Pacini – konzertante moderne Erstaufführung

23.07.2023 | Oper international

Rossini in Wildbad 2023

„GLI ARABI NELLE GALLIE“ von Giovanni Pacini  22.7. 2023– konzertante moderne Erstaufführung

wildbad
Ensemble. Foto: Rossini in Wildbad

Im 34. Jahr seines Bestehens lockte das kleine, aber bedeutende Festival zu Ehren des Pesareser Meisters im Nordschwarzwald neben vielfach gespielten Werken wie „Il barbiere di Siviglia“ und „Il Signor Bruschino“ hauptsächlich mit der modernen konzertanten Erstaufführung des bedeutendsten Werkes aus der ersten Schaffensphase von Rossinis Zeitgenosse Giovanni Pacini. Der nach dem 1822 erschienen Roman „Le renégat“ von Charles Victor Prévost durch Luigi Romanelli zu einem Libretto verarbeitete Stoff ist eine der vielen typischen Geschichten einer Liebe zwischen Angehörigen zweier feindlicher Lager mit meist tödlichem Ausgang.

Hier geht es um zwei durch Krieg zerrissene Königskinder, die gallische Fürstin Ezilda und dem ihr einst versprochenen König Clodomiro, der vom eigenen Volk vertrieben, zu den feindlichen Arabern übergelaufen war und deren Religion angenommen hatte. Unter neuem Namen, Agobar, greift er als Anführer der Araber aus Rache das Volk seiner eigentlichen Heimat an, gilt aber dort als verstorben. Inzwischen hat der königliche General Leodato, ein Anhänger jenes legitimen Regenten Clodomiro, ein Auge auf Ezilda geworfen und macht sich Hoffnungen durch die siegreiche Rückkehr aus einer Schlacht. Beim Übergriff der Araber verlangt er zum Schutz Ezildas von Agobar getötet zu werden, doch dieser verschont ihn, als Ezilda mit ihren Frauen aus einem Kloster tritt, in dem sie Schutz vor den Angreifern gesucht haben. Zunächst weist sie ihn als Verräter zurück, merkt jedoch bald, dass ihre Liebe zu ihm noch nicht erloschen ist. Leodato warnt Agobar aus Dankbarkeit vor einer Verschwörung von dessen General Mohamud, aus Feinden sind plötzlich Freunde geworden. Doch kann er ihn letztlich nicht retten, der reuevoll zu seinen Wurzeln zurück kehrende Agobar stirbt in den Armen Ezildas.

Die durch viele Chorszenen und eine für die damalige Zeit recht üppige Instrumentierung Züge einer frühen Grande Opéra tragende Schöpfung, die er schon bald erweitert und wesentlich später für eine Aufführung in Paris noch überarbeitet hat, weist Pacini als durchaus eigenständigen Tonsetzer aus, der zwar in wesentlichen Grundzügen der Mode seiner Zeit, dem damals führenden Rossini, gefolgt war bzw. folgen musste, um überhaupt eine Chance zu haben, aber in Melodik, Struktur und Stilistik doch eigene Wege beschritten hat. Und so unterscheidet sich der akustische Eindruck trotz einiger Parallelen zu seinem berühmten Kollegen doch deutlich. Da sind zum einen die teils ineinander übergehenden Nummern, eine rhythmisch anders gelagerte, nicht aufs Prinzip des Crescendo setzende Führung der Stimmen sowie eine teils bemerkenswerte Eigenständigkeit des Orchesters, wozu besonders die ohne Ouvertüre in die Handlung führende Introduktion oder das mehr an eine Symphonie erinnernde Vorspiel des zweiten Aktes zählen. Zur bereits erwähnten reichen Instrumentierung gehört eine geschichtlich betrachtet starke Bläsergruppe bis hin zu 3 Posaunen und einem Englischhorn, eine Harfe und eine Orgel als Stimmungsträger für Ezildas Gebet. Außerdem eine mehrfach eingesetzte Banda aus dem Bühnenhintergrund, wie sie erst später unter Verdi mehr Eingang in die Oper gefunden hatte.

Das zweiaktige, gut zweieinhalbstündige Werk bietet also eine reichhaltige Aufgabe für das Orchester, der die dieses Jahr als Festspiel-Orchester fungierende Szymanowski-Philharmonie Krakau an vielen Pulten mit Hingabe nachkam. Hervorzuheben sind Cello und Oboe mit solistischen Einsätzen, aber auch das Horn und die teils auffallend grundierenden Kontrabässe. Marco Alibrando führte mit Umsicht und animierenden Signalen durch die teils heiklen Phasen und gleichzeitig mit genauer Zeichensetzung an die Solisten. Paolo Raffo begleitete die Secco-Rezitative, wie sie in Pacinis Mailänder Zeit noch üblich waren, einfühlsam. Piotr Piwko hat den beiderlei Geschlechts präzise und textverständlich agierenden Philharmonischen Chor Krakau auf die vielfältigen Chorsätze als Bergbevölkerung, Nonnen und Soldaten hörbar an unterschiedlichen Ausdrucksdetails und Stimmungsmerkmalen vorbereitet.

Nach Elisabetta und Ermione in den vergangenen Jahren hat sich Serena Farnocchia mit Ezilda eine dritte immens schwere Belcanto-Partie erarbeitet und erneut mit Stamina an Durchschlagskraft und höchster Kontrolle auf sich aufmerksam gemacht. Mag ihre optische Präsenz nicht unbedingt der einer Primadonna und mehr interpretatorischer Farbreichtum denkbar sein – ihre Dynamik erstreckt sich von zarter Lyrik im Gebet bis zur explosiven und entschlossenen, sicher grundierten Entäußerung mit enormen Tonsprüngen und geschmackvoll eingestreuten Fiorituren.

Leodato ist für die auch schon mehrfach in Bad Wildbad begeistert aufgenommene Diana Haller eine weitere Paraderolle, ihren immensen Registerumfang zu beweisen. Die Klarheit ihres Tonansatzes von dunkel leuchtender Tiefe, gut tragender Mittellage bis in die strahlend aufblitzenden Spitzen kombiniert mit einer glühenden Intensität des Vortrags ergänzt durch eine hinter dem Notenpult so gut wie mögliche mimische Gestaltung zünden auch hier als luxuriöses Gesamt-Paket.

Die größte Bewunderung gilt Michele Angelini, einem auch im heute durchaus wieder breiter besetzten Belcanto-Fach außergewöhnlich begabten Tenor, der es als Agobar schafft mit höchster Konzentration auf eine schlanke, gut gestützte Stimmführung noch der kleinsten Nuance der immens hoch notierten Partie eine absolute Tonschönheit abzugewinnen. Mit dem Ergebnis, dass auch die leicht eingebundenen Extrem-Töne nicht den Anschein einer Qual erwecken. Das ist höchste Kunstfertigkeit der Spitzenklasse.

In der auch mehrfach ins Geschehen einbezogenen Rolle des Gondair, dem sehr gläubigen und zwischen Fluch und Segen prophezeienden Vertrauten Ezildas, stellte sich Roberto Lorenzi mit wohllautend gleichmäßigem, klar artikulierendem Bass vor.

Die drei kleineren Partien waren mit Stipendiaten der diesjährigen Akademie Belcanto besetzt: Camilla Carol Farias als Äbtissin Zarele mit tonschön leichtem Mezzosopran, Francesco Bossi mit etwas sprödem, aber ausdrucksgewaltigem Bariton als Mohamud und Francesco Lucii als Agobar mit feinem Tenor eindringlich warnendem Aloar. Erstere beiden wurden im Übrigen am selben Vormittag mit dem diesjährigen Belcanto-Preis ausgezeichnet.

Während das erste Finale in der Anlage immer wieder an Rossini gemahnt, ist das zweite eine recht kurze Ensemble-Szene, die nach den letzten Worten des sterbenden Agobar mit einem zuletzt noch anschwellenden Lamento endet.

Die Begegnung mit dieser Ausgrabung gab nach diversen bereits vorgestellten Raritäten von Mercadante und Vaccaj die Möglichkeit ein weiteres Glied in die Belcanto-Aera einzuordnen. Als melodisch-rhythmische Herzstücke dieser nun präsentierten Pacini-Oper erwiesen sich vor allem die drei groß angelegten Duette des Hauptrollen-Trios. Das ganze Werk hätte es darüber hinaus verdient, nicht wieder für bald 200 Jahre in der Versenkung zu verschwinden, ihm vielmehr Gelegenheit für Aufführungen zu geben, wenn den Ansprüchen entsprechend gewachsene Vokalisten zur Verfügung stehen.

Donnernder Jubel bereits zwischen einigen Nummern, am Ende verstärkt durch Trampeln in der so gut wie voll besetzten Trinkhalle.                                                    

  Udo Klebes

 

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