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WIGMORE HALL LIVE: Hörenswerte Neuerscheinungen Klavierkonzert Simon Trpceski, live 19.7.2014 /Christiane Karg; Malcolm Martineau, live 18.11.2014 CD/ Barockmusikabend Carolyn Sampson, live 17.3.2015 CD / Benjamin Appl; Graham Johnson, live 25.3.2015 CD

21.05.2017 | cd

WIGMORE HALL LIVE: Hörenswerte Neuerscheinungen

Klavierkonzert Simon Trpceski; Brahms, Ravel, Poulenc, live 19.7.2014 CD

Christiane Karg; Malcolm Martineau, live 18.11.2014 CD

Barockmusikabend Carolyn Sampson; Elizabeth Kenna, Jonathan Manson, Laurence Cummings, live 17.3.2015 CD

Benjamin Appl; Graham Johnson, live 25.3.2015 CD

Wigmore Hall Live wurde im Oktober 2005 gegründet und war das erste CD-Label, das von einem Konzertveranstalter ins Leben gerufen wurde. Seither hat es eine umfangreiche Publikationsreihe vom Stapel gelassen, die beeindruckend Zeugnis legt vom hohen Niveau dieser renommierten Londoner Konzertinstitution. 2011 wurde es das erste Label der Welt, das einen Gramophone Award des Jahres einheimsen konnte.

Auch die Künstler der laufenden Saison lesen sich wie das Who is Who der Kammermusik und konzertierenden Solisten. Kluge programmatische Schwerpunkte, Studienprogramme und didaktische Veranstaltungen für Schulen, Familien und Junge ergänzen eine auch alle technischen Formate wie Podcasts und Streams bedienende „Geschäftsphilosophie.“

Eine Auswahl an vier jüngst erschienenen Live-Mitschnitten möge pars pro toto Interesse an der außerordentlichen Musikpflege in einem Land wecken, das vielleicht nicht auf der Reiseliste jedes Musikfreunds steht.

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Der junge deutsche Bariton Benjamin Appl, der letzte Privatschüler Dietrich Fischer-Dieskaus, singt eine persönliche Auswahl an eher bekannten Schubert-Liedern. Appl, der auch regelmäßiger Gast bei der Schubertiade Hohenems ist, pflegt mit seinem schlank geführten, klangschönen Kavaliersbariton einen raffinierten, äußerst nuancierten, am Text orientierten Liedstil, ganz am Beispiel seines großen Lehrers. Eine CD, die zudem dank des sensiblen und wahrlich Schubert-affinen Liedbegleiters Graham Johnson musikalisch und inhaltlich höchst überzeugend das lyrische Universum des Wiener romantischen Meisters durchschreitet. Auch dank der exzellenten Aufnahmequalität könnte man meinen, es handelt sich um eine sorgfältig produzierte Studio-CD. Liedgesang in Reinkultur. Und alle Opernsänger, die sich mit großen Stimmen manchmal nicht minder beeindruckend ans Lied als Nebenfach wagen, sei ins Stammbuch geschrieben, dass die Ausdruckstiefe und Detailversessenheit innerhalb eines geringen dynamischen Rahmens gefunden werden muss. Benjamin Appl ist jeden Zoll ein idealer Liedinterpret. Stupend!

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Die in Bayern geborene lyrische Sopranistin Christiane Karg hat im November 2014 ein interessantes Programm mit Schumann (Robert und Clara) sowie Johannes Brahms gesungen. Bei Karg merkt man etwa bei der dramatisch vorgetragenen Frauenliebe und -leben von Schumann sehr wohl das intensive Konzerterlebnis und die emotionale Spontaneität der Interpretation. Auch Christiane Karg ist eine Meisterin der Phrasierung, der Ausdeutung des poetischen Gehalts mit rein stimmlichen  Mitteln, und ist im Ausdruck stets tief empfunden und kann expressiv dicht aufgetragene Farben mit den Füllhorn ausschütten. Ihr Begleiter Malcolm Martineau begleitet mit Bedacht, vielleicht bisweilen allzu zurückgenommen.

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Ein reines Programm mit vokalen Juwelen vorwiegend englischer Provenienz, überwiegend von Henry Purcell ist bei Carolyn Sampson in bester Kehle. Die mit einem warm strömenden lyrischen Sopran gesegnete Spezialistin für Alte Musik, versteht es mit ihren instrumentalen Partnern Elizabeth Kenny (Laute), Jonathan Manson (Bassviola) und Laurence Cummings (Cembalo) bestens, die Lieder des Orpheus britannicus  aus dem Gresham Manuscript und aus dem Princess Anne‘s lute book mit unnachahmlicher elisabethanischer Elegance in den Saal zu projizieren. Ein Album zum Zurücklehnen und Genießen.

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Mein persönlicher Favorit unter den neuen Wigmore Hall-Tondokumenten ist aber dem pianistischen Genie des mazedonischen Virtuosen Simon Trpceski anlässlich seines Konzertauftritts im Juli 2914 geschuldet. Nach einem ersten Album in der Wigmore-Edition mit Schubert, Bach und Liszt wendet sich Trpceski nicht nur mit hoher Intensität und quasi Hals über Kopf den 3 Intermezzi zu, sondern besonders beeindrucken die Variationen und Fuge über ein Thema von Händel von Johannes Brahms. Soghaft und wie in einer sich immer rascher drehenden Spirale gelingt es ihm, eine ungeheure Spannung aufzubauen, ohne Abstriche bei der Präzision und  den Binnenklangvaleurs machen zu müssen. Wie zum Beweis, dass man doch eher Bekanntes impressionistischer Komponisten wie Maurice Ravel (Valses nobles et sentimentales) oder Francis Poulenc (Noveletten Nr. 1-3, Improvisations Nr. 1, 3, 6, 13 und 15 sowie die Toccata „Très animé“ aus den Trois Pièces) mit dem allerfeinsten Pinsel sorgsam in das Ohr des akustischen Betrachters malen kann, erweist sich Trpceski hier sogar Titan Krystian Zimerman ebenbürtig. Reines Hörvergnügen garantiert.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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