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WIESBADEN/ Staatstheater: TOSCA. E avanti a lui tremava tutta Roma!……E vero!!!

25.06.2017 | Oper

STAATSTHEATER WIESBADEN: Giacomo Puccini TOSCA am 24.Juni 2017

 E avanti a lui tremava tutta Roma!……E vero!!!

 Das Unerwartete, die Überraschung, ist der schönste Moment, der einem bei einem Opernbesuch widerfahren kann! Nun davon gab es reichlich in der letzten Vorstellung einer kleinen Vorstellungs-Serie der inzwischen zehnjährigen Inszenierung von Sandra Leupold, die Agnes Terebesi sehr gut neu einstudierte.

 

Bildergebnis für wiesbaden tosca
Copyright: Martin Kaufhold

Das Einheitsbühnenbild von Tom Musch, ein großer kahler Kirchenraum, war ein bedrohlicher, passender szenischer Rahmen für Puccinis Opernthriller.

 Ursprünglich sollten Sonja Gornik als Tosca und Thomas de Vries als Scarpia zu hören sein. Dazu kam es nicht, denn Sonja Gornik beendete zwischenzeitlich ihre Gesangslaufbahn aus gesundheitlichen Gründen und Thomas de Vries verletzte sich bei der Generalprobe der Wiederaufnahme.

 Als Tosca war die junge, dunkelhäutige Elena O‘Connor zu erleben. Mit einer leicht ansprechenden, flirrend vibrierenden Stimme blieb sie ihrer anspruchsvollen Partie nichts schuldig. Es war eine ungewohnte Interpretation. Zu keinem Zeitpunkt eine Diva, sondern immer ganz liebende, kämpfende Frau. Mit großer Natürlichkeit warf sich O‘Connor in ihre Rolle und auch bei den zahlreichen Schlüsselstellen („Giuro!“, „Quanto…il prezzo“ etc.) blieb sie immer auf der Gesangslinie. Den dramatischen Ansprüchen, vor allem im 2. und 3. Akt begegnete sie mit staunenswerter Sicherheit! Die hohen „C‘s“ erklangen strahlend, obertonreich und waren immer in die Phrasierung eingebunden. Berührend geriet ihr das „Vissi d‘arte“, weil sie es eben nicht als Sopran-Shownummer sang, sondern als schlichtes Gebet. Auch zu ihrem Partner Richard Furman als Cavaradossi hatte sie eine spürbar gute Verbindung. Die „Chemie“ zwischen dem Paar stimmte merklich.

Furman hat sich seit seinem Siegmund deutlich positiv weiter entwickelt. Erstmals waren zahlreiche Zwischentöne von ihm zu hören. Er ging sicht- und hörbar in dem sympathischen Rollencharakter seiner Figur auf. Sehr gut setzte er seine Stärke, seine leicht ansprechende Höhe ein und war somit allen Anforderungen gut gewachsen. Wirklich berührend seine Interpretation von „E lucevan le stelle“, die fast tonlos begann und zuletzt eine große Steigerung erfuhr. Da störten auch die gelegentlich im Pianissimo wegbrechenden Töne nicht wirklich, sondern trugen gerade in dieser Szene zur Gebrochenheit seines Rollencharakters bei.

Als Scarpia war Derrick Ballard zu erleben. Und hier ist kein Superlativ zu hoch, zu übertrieben, um seine herausragende Leistung zu würdigen! Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt bei den vielen hunderten Tosca-Vorstellungen meines Lebens, jemals bei Scarpias Auftritt eine Gänsehaut hatte! Warum? Ballard war derart böse und raumgreifend in seiner Gestaltung, dass wirklich ganz Rom nur vor ihm zittern konnte! Ballard, ein hoher Baß, dominierte mit seiner Rollengestaltung das gesamte Geschehen. Mit selten erlebter Energie agierte er eine Cholerik und Brutalität als Scarpia aus, das einem die Angst überkommen konnte. Dabei ließ er immer wieder durchschimmern, in kleinen Gesten, dass Scarpia ein Baron ist. Gerade dieses Wechselspiel aus formvollendeter Konvention und animalischer, sadistischer Bosheit machten seine Interpretation so faszinierend. Dieser Scarpia war ein alles und alle beherrschendes Kraftfeld. An ungewohnter Stelle entlud sich seine Wut. So geschehen als Sciarrone Spolettas Ankunft meldete und Scarpia ihm mit einer nie gehörten Wut und Heftigkeit sein „Entri…in buon punto!“ entgegen schleuderte. Sängerisch beeindruckte Ballard gleichermaßen mit seiner sonoren, herrlichen Stimme. Eine unvergessliche, großartige Leistung eines Ausnahmekünstlers!

Auch in den übrigen Partien gab es nur erfreuliche Leistungen. Young Doo Park gab seinem Angelotti ungewohnt viel Stimme und wertete diese Rolle hörbar auf. Benjamin Russell setzte als Mesner viele Pointen. Und schließlich als Scarpias Schergen überzeugten Benedikt Nawrath als schmieriger Spoletta und Alexander Knight als verschlagener Sciarrone. Leonid Firstov als Schließer berührte in seiner kurzen Szene mit Cavaradossi ebenso wie Stella An als Hirte.

 Und damit kein Ende dieser so besonderen Vorstellung in Wiesbaden. Denn auch am Pult des nicht wieder zu erkennenden Staatsorchesters Wiesbaden ereignete sich geradezu Wundersames. Mit Michael Helmrath stand ein herausragender Dirigent am Pult, der durch seine energische Interpretation erst den Abend zu einem unvergesslichen Erlebnis machte! Bereits das einleitende Scarpia-Motiv erklang lupenrein intoniert, wie in Stein gemeißelt. Helmrath entwickelte mit dem herrlich mitgehenden Orchester einen nie ermüdenden Sog. Alles blieb im Fluß, ohne jemals gehetzt zu wirken. Rubati waren zur Stelle, wo es die Empfindung nahe legte und dabei achtete Helmrath immer auf die Balance zu den Sängern, die geradezu vorbildlich gelang. Dennoch hatten die Akt-Finali 1 und 3 die notwendige Wucht, um den Zuhörer zu überwältigen. Das Staatsorchester Wiesbaden musizierte auf der Stuhlkante und ließ sich von ihm zu außerordentlichem Spiel motivieren. Selten war eine solche geglückte Symbiose zwischen Dirigent und Orchester an diesem Haus zu erleben! So gelang der Horn-Choral am Beginn des 3. Aktes strahlend, das berüchtigte Cello-Quartett vor Cavaradossis Sternenarie in exquisiter Intonation und als dann noch die berückend schön spielende Soloklarinette den Arienbeginn intonierte, spätestens dann war klar: es ist eine Sternstunde für das Hessische Staatstheater!

 Natürlich gab es am Ende viel berechtigten Jubel!

 Zwei Konjunktive gingen mir während des Abends immer wieder durch den Kopf. Wie anders hätte der Wiesbadener „Ring“ geklungen, wenn Michael Helmrath ihn geleitet hätte! Und für den Fall einer Wiederaufnahme des „Ringes“ sollte Intendant Laufenberg sich unbedingt Derrick Ballard als Wotan sichern. Ihm gehört die Zukunft in seinem Fach!

Dirk Schauß

 

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