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WIESBADEN/ Marktkirche: Franz von Suppé: Extremum Judicium (Oratoriumfassung des Requiems) Deutsche Erstaufführung dieser Fassung

22.03.2026 | Konzert/Liederabende

WIESBADEN/ Marktkirche: Franz von Suppé: Extremum Judicium (Oratoriumfassung des Requiems) Deutsche Erstaufführung dieser Fassung

Thomas Jörg Frank entfesselt das vergessene Jüngste Gericht

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Thomas Jörg Frank. Foto: Marktkirche Wiesbaden

Wer an Franz von Suppè denkt, hat meist die Fanfaren der „Leichten Kavallerie“ im Ohr oder sieht die schelmische „Schöne Galathée“ vor dem geistigen Auge. Dass der Großmeister der Wiener Operette zeitlebens ein zweites, strengeres Gesicht hinter der Maske des Unterhalters verbarg, blieb der Nachwelt lange verborgen. In der Marktkirche Wiesbaden vollzog sich nun eine musikalische Rehabilitierung, die in ihrer Dimension und Akribie Seltenheitswert besitzt. Unter der Leitung von Thomas Jörg Frank kam „Extremum Judicium“ zur Aufführung – jene monumentale Oratoriumsfassung von Suppès Requiem, die wie ein schlafender Riese über ein Jahrhundert in den Archiven schlummerte. Erst im Jahr 1988 tauchte das Manuskript im Wiener Nachlass des Komponisten auf, verborgen unter dem Titel „Das Gericht der Toten“. Dass Suppè dieses Opus nicht in sein offizielles Werkverzeichnis aufnahm, mag manchem wie ein Rätsel erscheinen, doch der Abend in Wiesbaden lieferte die klangliche Erklärung: Dieses Werk sprengt jeden konventionellen Rahmen und rückt den Komponisten in die Nähe der großen sakralen Dramatiker des 19. Jahrhunderts.

Die Atmosphäre in der neugotischen Marktkirche stimmte die Besucher bereits vor dem ersten Takt auf das Außergewöhnliche ein. Der weite Kirchenraum war in mystische Blautöne getaucht, was die Architektur des Backsteinbaus nicht nur betonte, sondern das gesamte Erleben visuell auflud. In dieser sakralen Lichtstimmung wirkte das einsetzende Preludio für Orgel und Orchester wie der Ruf aus einer anderen Welt. Andreas Karthäuser an der Orgel verstand es glänzend, die Register so zu wählen, dass die Dynamik des Instruments organisch mit dem Orchesterklang verschmolz. Immer wieder brachen schroffe Fortissimo-Akkorde in die Stille ein, unterstrichen durch das unerbittliche Grollen des Tam-Tams. Es war das musikalische Motiv des Jüngsten Gerichts, das sich wie ein roter Faden durch den zweistündigen Abend zog und am Ende den Kreis schloss.

Thomas Jörg Frank, der als Spiritus Rector dieses Projekts fungierte, hat hier weit mehr als nur eine vergessene Partitur abgestaubt. Er präsentierte die lateinische Fassung, die durch dramatische Rezitative und ariose Einwürfe das ursprüngliche Requiem zu einem großangelegten Oratorium erweitert. Es ist ein geistliches Drama, das Suppè explizit auch für den Konzertsaal dachte. Die Forschung legt nahe, dass in Wiesbaden die eigentliche Welturaufführung dieser speziellen Version zu hören war – eine späte Gerechtigkeit für ein Werk, das zu Lebzeiten des Komponisten nie vollständig erklungen ist. Die formale Anlage erinnert zwar in weiten Teilen an das Requiem von Mozart, doch Suppè füllt diese Form mit einer weit ausschwingenden, romantischen Harmonik und einer Instrumentierung, die deutlich auf die Opernbühne schielt, ohne dabei den sakralen Ernst zu verraten.

Besonders faszinierend gestaltete sich die Behandlung der Solostimmen. Suppè bricht hier mit gängigen Hierarchien und rückt die Männerstimmen in das Zentrum des apokalyptischen Geschehens. Derrick Ballard übernahm als Bass den Löwenanteil der solistischen Partien und bewies eine Präsenz, die den Raum mühelos füllte. Mit einer kernigen, sicheren Stimme, die bis in baritonale Höhen glänzte und in der tiefen Lage fundiert blieb, verlieh er dem drohenden Richteramt eine beeindruckende Autorität. Sein Textbezug war messerscharf, besonders im Dialog mit der Solotrompete beim „Hostias“, einem Moment von purer dramatischer Schlagkraft. Dicht gefolgt in der Präsenz wurde er vom Tenor Soon-Wook Ka, dessen edles Timbre und feine Phrasierung einen idealen Gegenpol bildeten. Kas Fähigkeit, vom ätherischen, kopfstimmigen Piano bis zum strahlenden Fortissimo zu variieren, verlieh seiner Rolle eine menschliche Greifbarkeit inmitten des göttlichen Gerichts. Die beiden Frauenstimmen, Alyona Rostovskaya, Sopran und Hanna Roos, Alt, sind bei Suppè quantitativ zwar weniger gefordert, setzten jedoch qualitative Glanzlichter. Rostovskaya begeisterte mit einem weichen, aufblühenden Klang in der Höhe, während Roos mit warmer Färbung und milder Tongebung für die nötige Kontemplation sorgte. Das Benedictus, rein a cappella vom Quartett vorgetragen, geriet zu einem der innigsten Momente des Abends.

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Der Chor der Marktkirche. Copyight: Marktkirche Wiesbaden

Der Chor der Marktkirche Wiesbaden bewältigte die enorme Aufgabe mit Bravour. Über zwei Stunden hinweg bewiesen die Sängerinnen und Sänger eine Kondition und Konzentration, die man bei Laienensembles in dieser Konstanz selten findet. Die Polyphonie blieb transparent, die Intonation selbst in den chromatisch schwierigen Passagen makellos. Besonders hervorzuheben ist die Textverständlichkeit, die den dramatischen Charakter des Oratoriums stützte. Die Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach erwies sich als kongenialer Partner. Die Musiker agierten klangschön und aufeinander hörend, wobei vor allem die Soli in Oboe und Cello für Gänsehautmomente sorgten. Die Blechbläser wiederum verliehen in ihren Choralabschnitten und den Schreckensszenen des Jüngsten Gerichts die nötige Schärfe, ohne den Gesamtklang zu erdrücken.

Dass dieser Abend so stimmig geriet, ist der akribischen Einstudierung von Thomas Jörg Frank zu verdanken. Er leitete das große Aufgebot mit einer natürlichen Autorität und einer klaren Zeichengebung, die keine Zweifel an der interpretatorischen Linie ließ. Man spürte in jedem Takt, dass hier ein Dirigent am Werk war, der das Material nicht nur kennt, sondern liebt. Er schuf einen Spannungsbogen, der die Zuhörer zwei Stunden lang in den Bann zog. Das Jüngste Gericht bei Suppè ist kein statisches Gemälde, sondern ein bewegtes Panorama aus Angst, Hoffnung und letztlich Erlösung, wie sie im abschließenden „Libera Me“ des Chores spürbar wurde.

Das Publikum in der Marktkirche reagierte auf diese musikalische Offenbarung mit einer Mischung aus Ergriffenheit und Begeisterung. Nach dem Verklingen der letzten Akkorde herrschte zunächst jene wertvolle Stille, die eintritt, wenn Musik wirklich etwas bewegt hat, bevor der Applaus in minutenlangen stehenden Ovationen gipfelte. Wiesbaden ist um eine musikalische Sensation reicher, und das Bild von Franz von Suppè hat eine entscheidende Korrektur erfahren: Er war nicht nur der Mann für die leichte Muse, sondern ein Komponist, der vor den letzten Dingen der Menschheit nicht zurückschreckte und ihnen eine gewaltige, farbenreiche Stimme verlieh. Wer dieses Konzert miterlebt hat, wird die nächste Operettenouvertüre mit gänzlich anderen Ohren hören.

Dirk Schauß, 22. März 2026

Franz von Suppé: Extremum Judicium (Oratoriumfassung des Requiems)

Deutsche Erstaufführung dieser Fassung

Samstag, 21. März 2026, Marktkirche Wiesbaden

Mitwirkende:

Chor der Marktkirche Wiesbaden

Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach

Alyona Rostovskaya (Sopran)

Hanna Roos (Alt)

Soon-Wook Ka (Tenor)

Derrick Ballard (Bass)

Thomas J. Frank, Leitung

Fotos: Copyright by Marktkirche

 

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