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WIESBADEN/ Kurhaus: Royal Scottish National Orchestra. Thomas Søndergård, musikalische Leitung (Sir Alexander Campbell Mackenzie, P.I.Tschaikowski, Felix Mendelssohn-Bartholy)

21.08.2026 | Konzert/Liederabende

WIESBADEN/ Kurhaus: Royal Scottish National Orchestra. Thomas Søndergård, musikalische Leitung (Sir Alexander Campbell Mackenzie, P.I.Tschaikowski, Felix Mendelssohn-Bartholy)

Kultivierte Beiläufigkeit im Kurhaus

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Thomas Sondergard und sein Orchester. Copyright: Ansgar Klostermann

Das Wiesbadener Kurhaus atmet am Sommerabend ein Versprechen aus, das die Realität wenig später mühelos bricht. Wer gehofft hatte, das Royal Scottish National Orchestra (RSNO) würde bei seinem Gastspiel im Rheingau eine Brise rauen Nordwinds in den Saal blasen, fand sich in einer Komfortzone kultivierter Beiläufigkeit wieder. Man kam, man spielte, man hielt den Schaden in Grenzen.

Der Abend begann mit Sir Alexander Campbell Mackenzies Ouvertüre „Britannia“ – einem musikalischen Traditionsgebäck, das vor allem dazu dient, das Orchester warmzuspielen. Die Holzbläser tupften ihre Seemannslieder brav in den Raum, das Blech schmetterte artig, und am Pult waltete Thomas Søndergård mit jener uneingeschränkten Unauffälligkeit, die man in Führungsetagen manchmal fälschlicherweise für Noblesse hält. Das Werk war geschwätzig, es war nett, es hinterließ keinerlei Spuren im Bewusstsein.

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Thomas Sondergard, Bomsori Kim. Copyright: Ansgar Klostermann

Die überraschende Ernüchterung bahnte sich an, als Bomsori Kim im glitzernden Ornat das Podium betrat. Tschaikowskys Violinkonzert ist kein Stück für ästhetische Verweigerungshaltungen. Es braucht Mut zum Exzess, zur Kante, zur Verzweiflung, zum schmutzigen Ton. Kim entschied sich für Sterilität. Technisch rollte die Darbietung glatt ab, kein Ton wackelte – doch sie phrasierte mit einer derartigen Verweigerung von Agogik und Akzentuierung, dass man rasch ins Reich der gepflegten Langeweile versetzt war. Ein dauerhaftes, glitschiges Legato legte sich über die Passagen wie Konservierungsstoff, dazu ein waberndes Vibrato, das jede Kontur auflöste. Die Kadenz im ersten Satz hakte die Solistin ab wie eine lästige Hausaufgabe. Von Dialog, von innerer Dringlichkeit oder gar einem Ringen mit der Materie keine Spur.

Bezeichnenderweise retteten ausgerechnet die Orchesterbläser die Canzonetta. Während die Solistin feine Pianofärbungen ausstellte wie Porzellan in einer Vitrine, atmeten die Holzbläser frei, gestalteten Phrasen mit echter Wärme und stahlen der Geige mühelos die Show. Das Finale geriet zur mechanischen Tour de force – flink gekreuzt, aber ohne jeden Funken Herzblut. Die anschließende Kreisler-Zugabe wirkte nach diesem emotionalen Ödland vollkommen deplatziert.

Noch schlimmer als die Solistin präsentierte sich das Orchester in Tschaikowskys Hauptwerk. Das war kein Begleiten, das war Dienst nach Vorschrift. Die Streicher, personell stark besetzt, klangen merkwürdig ausgedünnt und blass. Wo Schärfe und rhythmischer Biss gefordert gewesen wären, zeichnete Søndergård die Konturen weich. Er taktierte mit einer stoischen Leidenschaftslosigkeit über die Partitur hinweg, die arg schmerzte. Die berühmte Polonaise im ersten Satz schleppte sich völlig konturlos dahin wie ein Dienstgespräch am Freitagnachmittag. Das RSNO wirkte unterfordert, gebremst und vollkommen unter seinem historischen Niveau. Wer dieses Ensemble unter Neeme Järvi oder Alexander Lazarev im Gedächtnis trägt, musste hier unweigerlich den Kopf schütteln.

Nach der Pause folgte Mendelssohns Dritte, die „Schottische“. Man hatte gehofft, der Heimatbonus würde die Musiker aus ihrer Lethargie wecken, wenn dies schon nicht dem Dirigenten gelingt. Tatsächlich spielte das RSNO spürbar freier. Die Klarinetten öffneten die Weite, die Hörner trafen den romantischen Tonfall im Scherzo punktgenau, auch die Streicher zeigten endlich mehr Sonorität. Dennoch wollte sich kein organisches Ganzes fügen. Exzellente Einzelleistungen blieben isolierte Inseln in einem Meer gepflegter Mittelmäßigkeit. Søndergård hielt zwar das Heft fest in der Hand, verweigerte dem Werk aber jeden dramatischen Bogen oder zumindest eine dringliche Aussage. Der finale Umschwung in der Coda nach A-Dur wirkte nicht erkämpft, sondern schlicht abgewickelt.

Das Publikum im ausverkauften Saal des Wiesbadener Kurhauses zeigte sich von solchen Bedenken indes unbeeindruckt. Es jubelte, verlangte Zugaben und bekam ein Potpourri schottischer Volksweisen. Es folgte das übliche Gejohle und Mitklatschen, das einem bei Musik dieser Art oft begegnet. Man ging nach Hause mit dem Gefühl, einem Ereignis beigewohnt zu haben, das auf dem Papier nach großem Festival roch – und auf dem Podium leider nur laue Luft produzierte. Ein Konzert, das nicht wichtig klang.

Dirk Schauß, 22. August 2026

Sir Alexander Campbell Mackenzie
Britannia op. 52 „A Nautical Overture“
Pjotr Tschaikowsky
Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35
Felix Mendelssohn Bartholdy
Sinfonie Nr. 3 a-Moll op. 56 „Schottische“

 

Bomsori Kim, Violine
Royal Scottish National Orchestra
Thomas Søndergård, musikalische Leitung
Kurhaus Wiesbaden, 21. August 2026

 

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