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WIESBADEN/ Hessisches Staatstheater: EUGEN ONEGIN

Alles anders!

19.11.2018 | Oper


Copyright: Monika und Karl Forster

WIESBADEN/ Hessisches Staatstheater: EUGEN ONEGIN am 18. November 2018

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In z.T. neuer Besetzung präsentiert aktuell das Hessische Staatstheater Wiesbaden seine erfolgreiche Inszenierung von Tschaikowsky’s „Eugen Onegin“.

Die Inszenierung von Vasily Barkhatov überzeugt in der klaren, verständlichen Personenführung. Barkhatov zeigt in der ungewöhnlichen Bühnenraumgestaltung von Zinovy Margolin packendes Theater. Wir sehen an den Seiten meterhohe Holzwände, am Bühnenhorizont eine Holzschräge über die gesamte Bühnenbreite. Davor fährt eine Rückwand auf und nieder, um zwischen Innen- und Außenraum zu wechseln, ebenso am Bühnenportal. Von daher entstehen immer wieder filmische Effekte, etwa auch, wenn die Szene „einfriert“ und nur Tatjana herausgeleuchtet wird. Der 3. Akt spielt in einer eindrucksvollen Bahnhofshalle, in welchem sich die feine Gesellschaft um Fürst Gremin zum Brunch trifft. Barkhatov zeigt eine realistische Lesart im Wechsel der Jahreszeiten. Es regnet und schneit auf der Bühne. Verblüffend und begeisternd umgesetzt Larinas Ball hier als Winterfest mit großer Schneeballschlacht und ausgiebigem Rodeln des gesamten Ensembles. Diese Inszenierung macht auch beim wiederholten Sehen Freude!

Für die Partie der Tatjana gelang dem Staatstheater Wiesbaden 2017 ein Besetzungscoup! Denn mit Asmik Grigorian wurde eine perfekte Interpretin verpflichtet. Jede nachfolgende Tatjana hat es da besonders schwer. Nun kam also Oleysa Golovneva zum Zuge. Im Gegensatz zu iher am gleichen Haus gegebenen Desdemona überzeugte sie hier als Tatjana wesentlich besser. Plötzlich vermochte sie ihren Tönen Ausdruck zu geben, wirkte vieles deutlicher von innen erlebt. Sie war weniger Kindfrau, sondern viel mehr klar positionierte Träumerin einer imaginären Welt. Ihre Sopranstimme erfüllte mühelos die beträchtlichen Anforderungen ihrer Partie,

Als Bühnenschwester Olga überzeugte wieder Silvia Hauer. Stimmlich sattelfest betonte sie das Lebensbejahende ihres Charakters. Von der zuvor angesagten Erkältung war glücklicherweise nichts zu hören.

Christopher Bolduc hat in der Zwischenzeit viele Vorstellungen als Onegin gesungen. In der Premiere 2017 wirkte er noch sehr blaß und daher wenig überzeugend. Leider ist es dabei geblieben. Sichere Tonbewältigung, kein Ausdruck. Das war’s…, das ist und bleibt zu wenig! Viel zu wenig! Zu keinem Zeitpunkt konnte er vermitteln, das er die Bedeutung seiner Worte fühlt.

Mit dem Lenski von Aaron Cawley an seiner Seite geriet Bolduc dazu fast zur Nebensache. Stimmlich ist der begabte Tenor der Partie hörbar entwachsen und so verwunderte es nicht, dass er vor allem in den wenigen dramatischen Passagen mächtig auftrumpfen konnte. Hier klang seine Stimme am überzeugendsten. Problematisch in Tongebung und Intonation wurde es, wenn er versuchte, seine Stimme lyrisch einzufärben. Ungenügend, weil sehr schlampig seine Textbehandlung. Und bei seinen Phrasierungsversuchen sollte er sich einmal von den großen Interpreten der Partie inspirieren lassen. Besser dürften für ihn Partien des Zwischenfachs, wie z.B. Max passen.

Young Doo Park war eine fabelhafte Neubesetzung als Gremin. Seine kultivierte Stimme kam in dieser Rolle bestens zur Geltung.

Eine Klasse für sich waren Romina Boscolo als dominante Larina und Anna Maria Dur als einfühlsame Filipjewna. Auf dem Punkt war als quirliger Monsieur Triquet Eric Biegel, der auch hier als Sekundant Monsieur Guillot auftritt, zu erleben.

Der engagiert singende Chor war gut vorbereitet von Chordirektor Albert Horne.

Neu am Pult des Hessischen Staatsorchesters Wiesbaden für „Eugen Onegin“ war GMD Patrick Lange. Von seinem Dirigat gingen die entscheidenden Impulse des Abends aus. Pulsierender Vorwärtsdrang, aufgefächerte Streicherstimmen, zurückhaltende Tönungen in den Blechbläsern. Dazu wieder ein untrügliches Gespür für eine ausgewogene Balance zwischen Bühne und Orchestergraben. Das Orchester musizierte aufmerksam und reaktionswach. Der Streicherklang hat sich deutlich verbessert, sekundiert von den sensibel intonierenden Holzbläsern und der dynamisch sehr kontrolliert agierenden Horn Gruppe. Die Blechbläser agierten insgesamt gedrosselt, konnten aber dann auch in den Gustostücken, wie z.B. der Polonaise pointierte Farbtupfer setzen.

Freude im halbvollen Haus.

Dirk Schauß

 

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