Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIESBADEN/ Hessisches Staatstheater: ELEKTRA

12.03.2022 | Oper international

Wiesbaden: „ELEKTRA“ . Besuchte Vorstellung am 11.03.2022

Wiederaufnahme der Oper »Elektra«am Staatstheater Wiesbaden -
Catherine Foster. Foto: Sven Helge Czichy

Zum zweiten Mal erlebte die „Elektra“ (Richard Strauss) des genialen Produktionsteams Magdalena Weingut (Regie), Matthias Schaller (Bühne), Amélie Haas (Kostüme), dem hervorragenden Lichtdesign (Andreas Frank) unter der Spielleitung von Florian Mahlberg ihre WA, und Dank der vortrefflichen Sänger-Darsteller*innen wirkte die Inszenierung frisch und intensiv wie zur Premiere anno 2010.

Wie bereits 2016 zur ersten WA gewann das Hessische Staatstheater Wiesbaden für die Partie der Atriden-Tochter erneut die derzeit beste Rollenvertreterin ihres Fachs Catherine Foster. Es liegt mir nach wie vor fern Interpretinnen dieser faszinierenden Frauengestalt namentlich zu vergleichen, gewiss durfte ich während meiner Zehn-Dutzend besuchten Aufführungen in fünf Jahrzehnten großartige epochale Künstlerinnen erleben, jedoch während der letzten zehn Jahre hatte keine der Damen annähernd das sangliche Niveau einer Catherine Foster. Man höre und staune, in atemberaubender Akkuratesse, schlafwandlerischer Sicherheit führte sie ihren erstklassigen Sopran durch eine wahre „Tour de Force“, steigerte sich vehement bis zum letzten immer noch frischen Ton, in die unerhört kräftezehrende Partie. In Synthese vokaler brillanter  Virtuosität und darstellerischer Intensität portraitierte Foster die unglückliche rachsüchtige Tochter Agamemnons. Wobei stets zu allen Emotionen, Rachgefühlen die menschliche Würde der Königstochter, die charakteristischen Facetten und Regungen der jungen verletzten, gedemütigten Frau darstellerisch mit einflossen.

Die außergewöhnliche Sängerin mit der tragfähigen Mittellage, dem im Goldton schimmernden Timbre, führte ihr klangvolles Sopran-Material unforciert ohne jegliche Einbuße der überwältigenden Stimmschönheit in die extremen Höhen und betörte zudem mit innig bewegenden Piani-Passagen. In Verbindung ihres persönlichen dezent disponierten physischen Instinkts gelang der Künstlerin ein Portrait von unübertrefflicher Intensität.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden - Elektra, Richard Strauss (1864 – 1949)  Tragödie in einem Akt In deutscher Sprache. Mit Übertiteln.
Catherine Foster, Dalia Schaechter. Foto: Foto: Sven Helge Czichy

Soviel Frauenpower begegnete Dalia Schaechter auf ebenso hohem Niveau. Im Vollbesitz ihres bestens fokussierten, farbenreichen Mezzosoprans beeindruckte die Sängerin auf qualitativ adäquater Gesangslinie, bester Deklamation, raumfüllender Intonation und vermittelte so ein äußerst bewegendes Bild der Klytämnestra. Der unversehens wohldosierten Perfidie im Zusammentreffen mit Elektra sehnte sich die im wahrsten Sinne dreifach vom Schicksal gebeutelte Königin (meine finalen Anmerkungen) nach Wärme, nach Nähe zur Tochter und überzeugte ebenso mit enormer charakteristischer Darstellung, somit geriet das Meeting der beiden ungewöhnlichen Frauen zum psychoanalytischen Kammerspiel.

Intensiv vermochte ebenso Elissa Huber mit jugendlich-frisch lyrischem Sopran zu überzeugen, fehlte ihrem feinen Timbre zwar zuweilen die voluminöse Durchschlagskraft, schenkte sie ihrer Chrysothemis ein aussagekräftiges Profil zu vokal mädchenhafter Interpretation.

Fein nuanciert setzte Benjamin Russell seinen breit strömenden Bassbariton ein, schenkte dem ansprechenden Timbre farbenreiche  Schattierungen und schenkte der Wiedersehens-Szene mit der Schwester darstellerisch wie vokal besonders innig-berührende intensive Momente.Ungewöhnlich stimmschön, vorzüglich artikulierend präsentierten sich die Mägde, Aufseherin, Vertrauten Hyemi Jung, Jessica Poppe, Fleuranne Brockway, Michelle Ryan, Sumi Hwang, Sharon Kempton, Eunshil Jung, Hyerim Park, Ulrike Geisen, Shirli Polena, Jana Schmidt, Barbara Schramm. Rollendeckend erfüllten die Herren Aaron Cawley (Ägysth), Doheon Kim (Pfleger), Peter Marsh, Leonid Firstov (junger + alter Diener) sowie der Chor ihre kurzen Einsätze.

Maßvoll hielt Patrick Lange am Pult des Hessischen Staatsorchesters Wiesbaden die eruptiven Klanggewalten der Partitur in Grenzen, steigerte sich mit dem bestens disponierten Instrumentarium in die höchst dramatischen Gefilde der expressiven Orchesterfluten, beachtete ebenso die wohldosierten feinen lyrischen Momente nuanciert und war den Solisten stets ein umsichtiger Begleiter.

Mit großer Begeisterung bedachte das Publikum die großartigen Interpretationen und feierte besonders mit lautstarken Ovationen Catherine Foster.

Zum besseren Verständnis des Schicksals der oft verteufelten „bösen“ Klytämnestra, der unglücklichen Astriden-Familie gewährt der Roman von Colm Toibin: „Das Haus der Namen“  ungewöhnliche aufschlussreiche literarische Aspekte der Orestie und sei jedem interessierten Musikfan empfohlen.

Gerhard Hoffmann

 

Diese Seite drucken