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Wien/Theater an der Wien: WOZZECK – Der Kreislauf der Hoffnungslosigkeit.

18.10.2017 | Oper

WIEN/Theater an der Wien: „WOZZECK“- Der Kreislauf der Hoffnungslosigkeit

  1. Aufführung am 17.10. 2017 – Karl Masek

    15. Szene, die spielenden Kinder und Mariens Knabe: Eins der Kinder: „Du! Dein Mutter ist tot! … Draus‘ liegt sie, am Weg neben dem Teich! … Kommt – anschaun!“ Mariens Knabe, nicht begreifend und weiterspielend: „Hopp, hopp! Hopp, hopp!“ …

Wozzeck 5_© Werner Kmetitsch x~1
Florian Boesch, Lise Lindstrom. Copyright: Herwig Prammer/Theater an der Wien

Eine der herzzerreißendsten Szenen der gesamten Operngeschichte, obwohl – oder weil sie eben nicht auf die Tränendrüse drückt, minimalistisch und kurz bleibt. Kaum mehr vernehmbare Sekundschritte des Orchesters nach unten, während der arme, zum Waisenkind gewordene Knabe mit dem  „Steckenpferdchen“, das in Robert Carsenssachlich-minimalistischer wie eindringlicher Inszenierung ein von Soldaten liegen gelassenes Gewehr ist, davongeht. So oft kann man ‚Woyzeck‘ in Georg Büchners Sprechstück oder ‚Wozzeck‘ des Alban Berg gar nicht gesehen haben: Es schnürt einem immer wieder die Kehle zu. Wie sonst in dieser immer leiser werdenden Intensität vielleicht nur die Szene des Gottesnarren in Mussorgskis ‚Boris Godunow‘…

Für Carsenzeichnet sich in diesem Stück eine große Hoffnungslosigkeit ab. „Man sieht, wie diese Menschen ihre Probleme weitergeben, denn am Ende ist Wozzecks Kind eine Waise … das Stück endetmit dem Blick auf die neue, schon verlorene Generation, der Junge wird der nächste Wozzeck sein, der schikaniert wird. Alles fängt wieder von vorne an.

In einem braun-grün-grauen Einheits-Hallen-Bühnenbild von Gideon Davey spielt sich in beklemmender Weise das triste Leben der geschundenen Kreaturen Wozzeck und Marie ab, ebenso (durch Vorhänge in „Soldaten-Tarnfarben“ getrennt, was auf geschickte Weise die von Alban Berg minutiös gestalteten Zwischenspiele wie den Wechsel auf die Schauplätze mit dem Hauptmann, Andres und dem Doktor punktgenau ermöglicht) das karge, brutale Soldatenleben und die Wirtshausszenen. Insgesamt ein Kontrapunkt zur kürzlich in Salzburg gezeigten Inszenierung von William Kentridge mit all ihrer Bildmächtigkeit. ‚Wozzeck‘ lebt in dieser Inszenierung in einer „Welt nach dem Lineal: Klinik, Kaserne, Mietskaserne…“, wie sich auch ein anderer Wozzeck-Regisseur, Adolf Dresen, anlässlich seiner Erfolgsinszenierung von Wozzeck‘ 1987 in der Wiener Staatsoper, ausdrückte.

Georg Büchners Werk erlebte seine Uraufführung erst 1913, ein Jahr später wurde es in Wien erstmals aufgeführt. Berg war in dieser Vorstellung und beschloss, dieses Fragment als Stoff für eine Oper zu wählen. Theodor W. Adorno zu diesem Sachverhalt: „Sein einstiger Lehrer, Arnold Schönberg, riet Berg mit den Worten davon ab, Oper solle sich lieber mit Engeln als mit Offiziersdienern beschäftigen…“ Berg jedoch überwand mit deiner „Oper des sozialen Mitleids solch kunstideologische Befangenheiten“ seines frühen Mentors und Vorbilds.

Für das gegenüber riesig dimensionierten Häusern wie der New Yorker Met oder dem Teatro Colon Buenos Aires intime Theater an der Wien wurde eine kleiner dimensionierte Orchesterfassung des deutschen Komponisten Eberhard Kloke gewählt. Dirigent Leo Hussain argumentiert (für mich sehr plausibel), es gäbe bei Alban Berg keine einzige Note, die nicht ihren Platz hätte und ‚Wozzeck‘ sei eine perfekt konstruierte Oper. Das Arrangement respektiert Farben und Intention von Bergs Originalpartitur. Die praktische Umsetzung überzeugt in jeder Hinsicht.

Die Wiener Symphoniker boten eine perfekte Palette von hauchzart bis stahlhart und Leo Hussain erwies sich einmal mehr als souveräner Klangsensualist am „Mischpult“. Der Arnold Schoenberg Chor (Leitung: Erwin Ortner) war – man kann es gar nicht oft genug wiederholen – eine Klasse für sich. Auch diesmal wieder. Die Grazer Kapellknaben (Leitung: Matthias Unterkofler) gestalteten die oben genannte 15.Szene eindringlich, mit tollem Einsatz ihrer Stimmen (vorbildlich wortdeutlich!).

Florian Boesch war ein im zweifachen Wortsinn irre-intensiver ‚Wozzeck‘. Zum Fürchten in seinen Ausbrüchen, dem ewigen Gehetzt-Sein, dem latenten (Verfolgungs)wahn.Boeschs Sprech-Gesang ging durch Mark und Bein. Systematisch kaputt gemacht wird er durch die medizinischen Experimente des menschenverachtenden, ruhmsüchtigen Doktors (da werden KZ-Ärzte und „Spiegelgrund“-Mediziner antizipiert, dass es einen schaudert). Stefan Cerny spielt das mit dunklem, bedrohlich klingendem Bass beklemmend aus). Boeschs Sprech-Gesang ging durch Mark und Bein.

Lise Lindstrom war mit bravouröser Bühnenpräsenz und präziser hochdramatischer Sopranstimme eine bemitleidenswerte Marie in ihrer nachdrücklich ausgespielten Sehnsucht nach einer Liebesbeziehung, zu der der seelisch wie psychisch zerstörte Partner und Vater des gemeinsamen Kindes nicht fähig ist (nie fähig war?), vergnügungssüchtig, gleichzeitig gezeichnet von schlechtem Gewissen (berührend die Bibel-Szene!). Und Samuel Wegleitner als Mariens Knabe rührte in der Schlussszene.

John Daszak war mit jeder Faser und passend grellem Tenor der selbstgefällige Militarist, der dem geschundenen ‚Schuhputzer‘ ständig auch noch mit dummen Moralsprüchen kommt („Moral: das ist, wenn man moralisch ist! Versteht Er?“). Aleš Briscein als „Zuchthengst für Tambourmajors“ gab mit auch höhenpotentemTenor den Kraftlackel und Marie-Verführer, Juliette Mars war mit schlanker, schöner Altstimme die süffisante Nachbarin Margret, Benjamin Hulett mit höhensicherem Tenor der Arbeitskollege Wozzecks, ‚Andres‘. Als die zwei Handwerksburschen in der Wirtshausszene waren Lukas Jakobski und Kristjan Jóhannesson markant, ebenso Erik Årman mit dem „Narren, der Blut riecht“.

Ich komme (sozusagen im Krebsgang) von der 15. Szene  zum 1. Bild, genauer gesagt zum Beginn der Vorstellung. Amüsanter Moment: Der Paukist des Orchesters wurde vor dem Vorhang wegen Verkehrstaus als „noch nicht anwesend“ entschuldigt. Mit knapp viertelstündlicher Verspätung betrat er den Orchestergraben. Mit Sonderbeifall des verständnisvollen Publikums bedacht.

Stark akklamiert und mit vielen verdienten Bravorufen durchsetzt (zu Recht besonders gefeiert Florian Boesch und Lise Lindström, auch der kleine, schätzungsweise sechsjährige Samuel bekam Bravorufe und klatschte wie ein Sportler mit dem Dirigenten ab)!

Karl Masek

 

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