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WIEN/Staatsoper: LA FILLE MAL GARDÉE

12.12.2015 | Ballett/Tanz

Wien, Staatsballett in der Staatsoper: La Fille mal gardée — Die Hühner zum Auftritt bitte, die Hühner bitte!

 63. und 64. Aufführung dieser Produktion

28. November und 9. Dezember 2015

 Das Bild „Die Maßregelung“ von Pierre-Antoine Baudouin aus dem Jahre 1764 bildete die Anregung für Jean Daubervals Ballett „Le ballet de la paille, ou il n’est qu’un pas, du mal au bien, das am 1. Juli 1789 im Grand Théâtre von Bordeaux uraufgeführt wurde.

Zum ersten Mal wird eine realistische Handlung auf die Bühne gebracht, sah man doch bisher nur mythologische Wesen und Götter. Die Schäferspiele der Königin halten Einzug auf dem Theater.

 Sir Frederick William Mallandaine Ashton, der große alte Herr des Royal Ballet verlegte die Handlung aus Frankreich in sein geliebtes Suffolk. Gemalte Prospekte, die an die Zeit Jane Austens erinnern bilden den stimmigen Rahmen für die ländliche Idylle.

 Nach mehrjähriger Pause hat Manuel Legris die Choreographie Ashtons zur Musik von Ferdinand Hérold, bearbeitet von John Lanchbery (es gibt reichlich Anleihen von Donizetti und Rossini – wer sollte sonst das Gewitter komponieren), wieder aufgenommen.

Bedingt durch die längere Pause war die Wiederaufnahme ein Abend der Rollendebuts am Haus, was sich hin und wieder auch bemerkbar machte. Nicht alles klappte reibungslos und auch der große Bogen war noch nicht spürbar. Diese Startschwierigkeiten waren dann am zweiten Abend aus dem Weg geräumt, so dass die Freude am Tanz und an der Musik sich von der ersten Minute an offenbarte.

 Mit den ersten Sonnenstrahlen erwachen die Hühner der Hofes. Angeführt von Marian Furnica, begrüßen Sveva Gargiulo, Xhesika Gjonikaj, Alaia Rogers-Maman und Iulia Tcaciuc den Tag.

Junge Bauern ziehen auf das Feld, nur Colas, Robert Gabdullin, bleibt zurück, um seiner Angebeteten Lise, Liudmila Konovalova, den Hof zu machen. Das sieht deren Mutter, die Witwe Simone, Roman Lazik, nicht gerne. Wünscht sie sich doch für die Tochter eine gute Partie – Alain, Masayu Kimoto, den einfältigen Sohn des reichen WeinbauernThomas, Gabor Oberegger.

 Es kommt, wie es kommen muß. Nach einigen Verwirrspielchen und Tricks darf das Liebespaar zueinander finden. Hier helfen Lises Freundinnen Iliana Chivarova, Nikisha Fogo, Eszter Ledán, Natascha Mair, Anita Manolova, Anna Shepelyeva, Nina Tonoli und Franziska Wallner-Hollinek – sowie die jungen Bauern, Mädchen und Burschen aus dem Corps de ballet.

 Ein bunter Reigen an schwungvollen Ensembleszenen, die berühmteste ist wohl der Bändertanz um den Baum. Bänder spielen überhaupt eine große Rolle. Immer wieder kommt das rosa Band zum Einsatz, ohne das dieses Ballett nicht denkbar ist. Die Fadenspiele, die wir alle aus der Kindheit kennen, werden mit vollen Körpereinsatz gespielt. Hier kommt es sogar zu spontanem Applaus.

 Liudmila Konovalova ist eine bezaubernde Lise, mit Bravour meistert sie die Schwierigkeiten dieser Choreographie, die so leicht und luftig erscheint, wie ein Sommerhauch. Der Höhepunkt ist wohl die an Bändern geführte Tour en attitude. Schade nur, daß ihre Hände leider immer etwas wie abgeknickte Flügelchen wirken. Da höre ich immer noch meine Lehrerin, die die englische Schule bevorzugte, da ein Tänzer dort die “schönsten Hände“ bekam. Dieses kleine Manko sei nur am Rande erwähnt, denn der Gesamteindruck ihrer Leistung ist in jedem Fall großartig. Robert Gabdullin ist ihr ein sehr verlässlicher Partner. In seinen Soli beweist er, daß er den Rang eines Ersten Solisten zu Recht innehat. Beide Tänzer bringen neben ihrem Können das richtige Maß an schauspielerischen Talent mit, das diese Partien benötigen.

So einfältig der Alain des Masayu Kimoto auch wirkt, so schwer ist er zu tanzen. Diese Partie ist eine Herausforderung. Die Balance zu finden zwischen Komik und auch ein wenig Traurigkeit, nicht geliebt zu werden, da darf man gespannt sein, ob die anderen Besetzungen dies auch so großartig umsetzen werden. Der Pas de trois von Alain mit Lise und Colas ist so anrührend gearbeitet. Es gibt keinen Moment, in dem die Wirkung plump zu nennen wäre, obwohl Lise und Colas ihren Spaß mit Alain treiben. Frederick Ashton war einer der ganz großen Meister seines Fachs.

 Mit der eigentlichen Hauptpartie des Abends tanzte sich Roman Lazik als Witwe Simone in die Herzen des Publikums. Seine Interpretation der Mutter ist einfach zu köstlich. Die vielen kleinen Gesten, die Mimik und der Witz, mit dem er dieser Partie das Leben einhaucht. Die Krönung ist der Holzschuhtanz beim Erntefest. Eine ganz neue Facette des Ersten Solisten tut sich hier auf. Und Gratulation an die Maske. Die Witwe Simone sieht so großartig aus wie sie tanzt.

 Eine Ballettkomödie der Extraklasse, dazu ein spielfreudiges Staatsopernorchester. Wie schön, diese Produktion wieder im laufenden Repertoire zu haben.

 Folgevorstellungen in wechselnden Besetzungen am 12., 17., 25., 26., 27., 28. und 30. Dezember 2015, sowie am 20. Jänner 2016.

 Ulrike Klein

MerkerOnline

 

 

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