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WIEN/Konzerthaus: Eröffnungskonzert WIEN MODERN – Und eine ausführliche Coda zum bezaubernden Musiktheater „Das keine ICH BIN ICH“

04.11.2016 | Konzert/Liederabende

WIEN/Konzerthaus: Eröffnungskonzert WIEN MODERN – Und eine ausführliche Coda zum bezaubernden Musiktheater „Das keine ICH BIN ICH“

(am 3.11.2016 – Karl Masek)

Meister Haas Svoboda
Cornelius Meister, Georg Friedrich Haas, Mike Svoboda. Foto: Andrea Masek

Im Mittelpunkt dieses Eröffnungsabends stand die Österreichische Erstaufführung des Konzerts für Posaune und Orchester (2016) von Georg Friedrich Haas (geb. 1953). Ein Werk, das den Anspruch erhebt, das Soloinstrument gewissermaßen „reden zu lassen“, ausgehend von traditioneller Behandlung von Klängen. Der einleitende c-Moll-Akkord in vielfältiger Brechung machte mir den (naturgemäß hemmungslos subjektiven) Höreindruck „Klangpartikel á la Wagner-Rheingold-Vorspiel, multipliziert mit Collagetechnik in der IX. Mahler, alles eingebettet in eine persönliche Vierteltontechnik“. Die Posaune setzt einzelne, ganz lange Legatotöne, dann schon längere Phrasen, um sich in immer aufgeregtere Gestik zu steigern. Der Tonumfang der Posaune wird in seiner gesamten Bandbreite ausgenützt und dem fabelhaften Solisten Mike Svoboda reichlich Gelegenheit gegeben, sein Instrument aufs Vortrefflichste vorzuführen. Cornelius Meister legte mit dem ORF Radio-Symphonieorchester einen farbenreichen, schillernden Klangteppich.

Passend zum Motto …“Wohin gehen wir?…“ist  das 10-minütige Orchesterwerk „Threnos, Den Opfern von Hiroshima“ gewidmet. Auch Krzysztof Penderecki lotet in diesem Stück für 52 Streichinstrumente durch Einbeziehung von Viertel- und Dreivierteltönen Grenzbereiche zwischen Klang und Geräusch aus, erreicht aber auch Gefühlsintensität, die unter die Haut geht. Cornelius Meister fächert in unzähligen Schattierungen im Vierfach-Pianissimo-Bereich bis zu gewaltige Clusterballungen großartig auf; das Orchester setzt auch dieses Werk sensibel um. Applaus und Bravi, auch für den Composer in Residence Haas (siehe auch weiter unten).

Passend zum Motto …“Woher kommen wir?…“nach der Pause die gut dreiviertelstündige, dreisätzige „Symphonie Nr. 4“ von Jorge E. López (geb. 1955). Das von 2013 bis 2016 komponierte Werk erlebte seine Uraufführung. Vieles klingt da für mich (wieder ein sehr subjektiver Ersteindruck!), wie eine Gebirgsauffaltung geklungen haben mag. „Fortwährend unvorhersehbar“, eruptiv, dann wieder wie erkaltete Lava, amorph. Eine besondere Herausforderung allemal, ohne hier die gesamte Probenarbeit mitverfolgen zu können. Hier schien mir der Beifall auch etwas gedämpfter, einige Beherzte zollten dem in Wien lebenden López anerkennende Bravorufe. Und Dirigent wie Orchester sind eine erste Adresse für neue und neueste Musik. Großer Respekt!

Ich bin ich
Copyright: Nurith Wagner-Strauss

Eigentlich ging Wien Modern ja schon am 30.10. im Dschungel Wien im MuseumsQuartier los. In insgesamt neun Vorstellungen (7x Deutsch, je 1x Farsi bzw. Arabisch!) spielte die Produktion „netzzeit“/“WIEN MODERN“ in Koproduktion mit dem „Klangforum Wien“ und „Dschungel Wien Theaterhaus für junges Publikum“ Georg Friedrich Haas‘„Das kleine ICH BIN ICH“ nach dem gleichnamigen Kinderbuch-Kassiker von Mira Lobe.

Ich besuchte ganz bewusst die Voraufführung in „Farsi“, das Wort für „Persische Sprache“ (v.a. in Afghanistan gesprochen). Wollte ich doch miterleben, wie anderssprachige Kinder ( bzw. Kinder mit Migrationshintergrund) diese bezaubernd-poetische Suche nach der Identität aufnehmen.

Georg Friedrich Haas schrieb dieses Musiktheater zuallererst für seine jüngste Tochter. Und es bleibt keinen Moment lang in einem musikalischen Elfenbeinturm, sondern will die Kinder ganz direkt ansprechen, erreichen und „die Kinderherzen erobern.“. Es gibt eine Sprechstimme, die erzählt, darstellt  und die Kinder sofort einbezieht (Massoud Rahnama), natürlich das KEINE ICH, ein  buntes, unbestimmtes Wesen (wunderbar pantomimisch dargestellt von Franziska Adensamer). Und die vielen Tiere, denen es begegnet und die ganz unterschiedlich mit diesem Wesen kommunizieren (…“Auch die Pferdemutter stupst es mit dem weichen Pferdemaul: Niemals wird aus dir ein Gaul! Bist ein Hasen-Katzen-Hund oder sonst ein Kunterbunt. Hast ein lustiges Gesicht, doch ein Pferd? Das bist du nicht!“…).

 Die vielen Kinder von schätzungsweise zwei Jahren an mit ihren Geschwistern, Eltern, Großeltern,… bis hin zu Jugendlichen von so 13 aufwärts (!) verfolgten gebannt und mit offenen Mündern, Augen und Ohren das szenische Geschehen, eine kunterbunte Mischung aus Schattenspiel, Puppenspielfiguren (die Tierköpfe), Trickfilmsequenzen (die wunderschöne Blumenwiese!) und „Erkenntnishilfe-Seifenblasen“, die vom Schnürboden kommen. Die Tiere haben (fast wie bei „Peter und der Wolf“ ) identitätsstiftend ein Instrument (die Posaunen-Hunde, das Basstuba-Flusspferd, die Saxophon-Pferde,… )

Die Kleinen und Größeren  genossen das Musik-Geräusch-Cluster-Klangerlebnis. „Ich habe bewusst nicht kindlich komponiert“, so Haas. Was gibt es Schöneres, als mitzuerleben, wie auf unprätentiöse Art Kinder in eine Musiktheater-Zauberwelt mitgenommen werden! Völlig egal auch mir, welche Kompositionstechniken G.F. Haas da anwendet, ich denke nicht an Zwölftontechnik oder so. Und die Kids schon gar nicht. Spaß macht das, wenn das KLEINE ICH am Ende darstellt: „Läuft gleich zu den Tieren hin: So, jetzt weiß ich, wer ich bin! Kennt ihr mich? ICH BIN ICH“ Alle Tiere freuen sich, niemand sagt zu ihm: NANU? Schaf und Ziege, Pferd und Kuh, alle sagen: DU BIST DU!“

Das Klangforum Wien spielte hochmotiviert, der Dirigent Bas Wiegers motivierte  die Kinder zum Mitrufen des Losungswortes für Identität. Dank an Michael Scheidl und Nora Scheidl für bezaubernde und bereichernde  40 Minuten Inszenierung & Ausstattung – in Anlehnung an die wunderbaren Ursprungs – Zeichnungen des Kinderbuchs von Susi Weigel!  Mira Lobe und G.F. Haas wurden verstanden und begeistert aufgenommen! Heller Jubel, Fußgetrampel! Das Stück sollte auch außerhalb von „Wien Modern“ weiter gespielt werden. In möglichst vielen Sprachen!

Karl Masek

(Der Neue Merker)

 

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