Wiener Staatsoper: DER ROSENKAVALIER am 15.5.2026

Und in dem „wie“, da liegt der ganze Unterschied
Seine Elektra-Aufführungen haben Legendenstatus, seine Salome war vielleicht sogar noch brillanter, nun also sein Rosenkavalier: Alexander Soddy festigt die Position als großartiger Strauss-Interpret, als Liebling des Publikums und des Staatsopernorchesters, das an solchen Abenden spielt wie die Wiener Philharmoniker; in der allerersten Besetzung (Konzertmeisterpaar Honeck, Danailova; Schultz – Flöte; Breit – Oboe; Plank – Englischhorn; Ottensamer – Klarinette; Derveaux – Fagott; makellose Horngruppe, butterweiche Trompete) kein Wunder. Soddy versteht es, die Musik fließen zu lassen, fächert die Stimmen durchsichtig auf, führt den Lärm um Ochs und den folgenden Terzett- bzw Duett-Schluss zu der himmlischen Schönheit, die diese Partitur – bei allem Respekt vor deutschen Staatskapellen in Dresden und Berlin – nirgendwo anders so mächtig und zart, klangreich und klangschön entwickeln kann.
Diese 406. Aufführung des Schenk‘schen Rosenkavaliers, dessen getreue, logische und herzliche Inszenierung uns ebenso erhalten bleiben möge wie sein Elisir und Wallmanns Tosca, ist allerdings auch noch überdurchschnittlich gut besetzt. Auffällig die Dichte von verdienten Ensemblemitgliedern in Rollen, in denen es schon schwerfällt, sich andere Darsteller vorzustellen, allen voran der immer noch differenzierter, noch köstlicher den verkniffenen Parvenue Faninal ausdeutende Adrian Eröd, die hinreißend betuliche Leitmetzerin Regine Hangler (andernorts Brünnhilde), der entzückend kauzige Notar Marcus Pelz, der respektgebietende, nicht humorlose Polizeikommissar Wolfgang Bankl, der devote, ein bisschen schleimige und abgefackte Wirt Jörg Schneider mit an Karl Terkal erinnerndem Spitzenton auf „die Frau Feldmarschall“ – alles gute Bekannte, die an einem solchen Abend zu Hochform auflaufen.
Von Lukas Schmidt, dessen Haushofmeister bei Faninal wie viele andere an Grenzen stößt, und von Thomas Ebenstein, dessen Valzacchi auch zum Inventar gehörte und darstellerisch sehr schön zeigt, dass die ständige Wachsamkeit des Intriganten auch Mühe machen kann, werden wir uns anscheinend verabschieden müssen; die Jahresvorschau 26/27 kennt sie nicht mehr. Dafür ist Wolfram Igor Derntl besonders gut im Geschäft: Haushofmeister bei der Marschallin im ersten, 1. Kellner im dritten Akt und im zweiten Akt unverkennbar unter Faninals Lakaien. Bleibt unter den kleineren Rollen zu melden, dass Stephanie Houtzeel in jenem Karrierestadium, in dem stimmliche Mittel durch darstellerische Outrage kompensiert werden, schon recht weit fortgeschritten ist und dass Michal Spyres leider keine besondere Gelegenheit findet, mit der Arie des Sängers zu glänzen.
Die Hauptrollen also: den Octavian singt und spielt Samantha Hankey ausgezeichnet, der Mariandl-Klamauk ufert ebenfalls nicht aus. Im Vergleich zu mancher Besetzung der letzten Jahre ein Octavian, bei dem man keine Abstriche machen muss. Als Ochs ist Günther Groissböck darstellerisch eine Klasse für sich: agil, frech, strotzend von Selbstbewusstsein und Testosteron und doch nicht ganz unliebenswürdig – mehr kann man darstellerisch nicht verlangen; stimmlich hat er an diesem Abend seine Stärken eher in der Höhe; nicht nur das „Heu“ klappt sehr gut, auch andere Acuti. „Unten“ ist es diesmal schmaler. Schmal ist optisch auch die Sophie Nikola Hillebrands. Aber was für eine Silberstimme, durch alle Register glänzend und süß. Und da steht kein Püppchen auf der Bühne, sondern eine junge Frau, die merkt, was gut für sie sein kann und was nicht. Auf so eine Sophie haben wir lange gewartet und freuen uns auf viele Auftritte durchs ganze lyrische Koloraturrepertoire (und mit der Pamina darüber hinaus). Noch eine Brünnhilde gefällig? Ja, Camilla Nylund singt sie schon – und demnächst an diesem Theater. Und trotzdem ist sie weiterhin die ideale Marschallin, wirkt ausreichend jung, ist hoheitsvoll und in den richtigen Momenten lustig, in anderen die unangefochtene Autorität und am Ende jene lebenskluge, gar nicht egoistische Frau, die diese Rolle zu einer besonders beeindruckenden Gestalt auf der Opernbühne macht.
Wir kennen es in Wien auch anders, aber an solchen Abenden wird Staatsopernrepertoire zur Gala. Dieses Haus hat schon seinen eigenen Zauber.
Robert Fucik

