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WIENER STAATSOPER: CARMEN: Femizid statt Folklore. Bieitos „Carmen“ an der Wiener Staatsoper. 1.6.2026

Femizid statt Folklore. Bieitos „Carmen“ an der Wiener Staatsoper 1.6.2026

Von Dr. Eric Alexander Hoffmann

Es gibt Inszenierungen, die altern erstaunlich gut. Wie der “Eugen Onegin“ von Dmitri Tcherniakov aus dem Jahr 2006. Oder wie die noch früher, bereits 1999 entstandene, bis heute kontrovers diskutierte „Carmen“ von Calixto Bieito. Auch bei der 41. Vorstellung dieserProduktion an der Wiener Staatsoper hat sie nichts von ihrer Unmittelbarkeit verloren. Im Gegenteil: Gerade weil sie konsequent auf folkloristische Spanien-Klischees verzichtet, legt sie den Blick frei auf das eigentliche Zentrum des Werks – Macht, Gewalt, Besitzansprüche und den kompromisslosen Wunsch nach Freiheit.
Bieitos Zugriff ist dabei radikaler, als es die bloße Folkloreverweigerung vermuten lässt. Die Inszenierung orientiert sich an Prosper Mérimées härterer, skrupelloserer Vorlage und an einem Grenzraum, der eher an ein abstrakt-poetisches Niemandsland als an ein reales Spanien erinnert. Gerade diese Verortung macht den Abend so scharf konturiert: Hier begegnen sich Ausgestoßene, Schmuggler, Soldaten und Randexistenzen, Menschen also, die außerhalb geordneter Verhältnisse leben und gerade deshalb unablässig unter Spannung stehen.
Bereits der Beginn setzt den Ton. Noch bevor die eigentliche Handlung einsetzt, erscheint Lillas Pastia im weißen Anzug beinahe wie ein Gaukler oder Verführer, der das Publikum in diese Welt der Grenzgänger hineinzieht. Danach dominiert sofort militärische Ordnung.
Soldaten überwachen einen kahlen Platz, der ebenso gut ein Exerzier- oder Aufmarschplatz sein könnte. Im Zentrum steht ein Fahnenmast mit spanischer Flagge, daneben eine heruntergekommene, ramponierte Telefonzelle. Viel mehr braucht Bieito zunächst nicht.
Überhaupt lebt diese Inszenierung von ihrer Reduktion. Im zweiten Akt fährt ein alter, klappriger Mercedes auf die Bühne. Dazu kommen ein Klappstuhl und ein Weihnachtsbaum. Mehr Dekoration gibt es kaum. Die Energie entsteht nicht aus dem Bühnenbild, sondern aus den Menschen auf der Bühne. Vor allem der Chor entwickelt eine körperliche Wucht, die sich unmittelbar auf den Zuschauerraum überträgt: stampfende Füße, rhythmische Bewegungen, rohe Vitalität, Jubel und Begeisterung. Man spürt förmlich die Hitze, den Staub und die Spannung dieser Welt.

Diese Welt ist eine Männerwelt. Und eine Welt struktureller Gewalt. Gleich zu Beginn wird ein junger Soldat in Unterhose und mit Maschinengewehr über den Platz gejagt, offensichtlich als Demütigungsritual. Später erlebt auch Micaëla, wie wenig Schutz und Respekt Frauen in diesem Umfeld erwarten dürfen. Die Männer flirten, provozieren und bedrängen; was aus ihrer Perspektive spielerisch erscheinen mag, wirkt aus Sicht der Frauen oft bedrohlich und übergriffig. Genau darin liegt die Stärke dieser Inszenierung: Sie romantisiert nichts.

Vor diesem Hintergrund erscheint Carmen als radikale Gegenfigur. Anders als viele Opernheldinnen entwickelt oder verändert sie sich nicht. Sie bleibt sich selbst bis zuletzt treu. Ihr oberstes Prinzip ist die Freiheit – nicht Religion, nicht Moral, kein metaphysisches Prinzip, nicht gesellschaftliche Anerkennung. Freiheit.
Und sie ist bereit, dafür auch den Tod zu akzeptieren. Dass sie dabei nicht als romantische Ausnahmefigur, sondern als Arbeiterin, Romna und Mitglied einer Schmugglerbande gezeigt wird, schärft ihren Status noch zusätzlich: Carmen ist eine Frau aus einem Leben jenseits der Ordnung, die gerade darin ihr Selbstbestimmungsrecht behauptet. Diese Haltung verkörpert Elmina Hasan bei ihrem Haus- und Rollendebüt an der WienerStaatsoper auf bemerkenswerte Weise. Es ist schon beeindruckend, mit welcher Selbstverständlichkeit sie diese große und anspruchsvolle Partie meistert. Ihre Carmen besitzt eine jugendliche Leichtigkeit, die man nicht allzu häufig erlebt. Hasan spielt ihre Stärken konsequent aus: die lyrische Qualität ihrer Stimme, ihre Beweglichkeit und ihre enorme Bühnenpräsenz. Sie flirtet, verführt, springt, tanzt, klettert auf Autos, wirbelt über die Bühne und wirkt dabei nie angestrengt oder kalkuliert. Viele heutige Carmen-Interpretinnen verfügen über vokale Autorität; Hasan bringt zusätzlich eine körperliche Agilität mit, die der Figur eine moderne Frische verleiht. Sie ist verführerisch, charmant und selbstbewusst, ohne jemals in bloße Klischees zu verfallen. Vor allem aber verkörpert sie diesen absoluten Freiheitsanspruch mit einer Souveränität, die für eine so junge Sängerin bemerkenswert ist.
Ich hatte Elmina Hasan zuvor bereits als Adalgisa in Bellinis „Norma“ an der Berliner Staatsoper erlebt. Schon damals war ihr außergewöhnliches Potenzial unverkennbar. Was sie nun mit diesem Haus- und Rollendebüt an einem der bedeutendsten Opernhäuser der Welt vorlegt, ist jedoch noch einmal eine andere Größenordnung.
Einen entscheidenden Anteil am Gelingen des Abends hat auch Freddie De Tommaso als Don José. Zwischen ihm und Hasan stimmt die Chemie von Beginn an, auch wenn die beiden erstmals gemeinsam auf der Bühne stehen. Umso erschütternder wirkt die Entwicklung ihrer Beziehung. De Tommaso zeigt Don José nicht als romantischen Liebhaber, sondern als zutiefst verunsicherten Mann, dessen Eifersucht und Besitzdenken zunehmend in Gewalt umschlägt.
Besonders eindringlich gelingt dies im zweiten Akt. Nach Carmens Tanz scheint die leidenschaftliche Affäre bereits wieder an ihr Ende gekommen zu sein. Don José möchte zurück in die militärische Ordnung, zurück zu Disziplin und Vorschriften, weg von Carmen. Die kurze Amour fou ist im Grunde da für Carmen schon wieder vorbei. Zapfenstreich. Erst die Eskalation mit Zuniga macht eine Rückkehr unmöglich und zwingt ihn endgültig in Carmens Welt.
De Tommaso spielt diese innere Zerrissenheit herausragend. Mehrfach schlägt die latente Gewalt seiner Figur beinahe in offene körperliche Aggression um. Tatsächlich hatte ich stellenweise regelrecht Angst vor ihm. Gerade dieses permanente Umschlagen von struktureller in physische Gewalt arbeitet die Inszenierung mit großer Konsequenz heraus. Für mich ist das einer der Hauptgründe, warum Carmen sich von Don José abwendet: nicht wegen Escamillo, sondern weil sie erkennt, dass seine Liebe untrennbar mit Besitzanspruch und Gewalt verbunden ist.
Christian Van Horn zeichnet einen markanten Escamillo, während Anna Bondarenko als Micaëla die notwendige menschliche Wärme und Verletzlichkeit in diese harte Welt bringt.
Auch das übrige Ensemble ist stark besetzt: Ilia Staple als Frasquita, Anita Monserrat als
Mercédès, Simonas Strazdas als Zuniga, Alex Ilvakhin als Morales, Carlos Osuna als Remendado, Jusung Gabriel Park als Dancaïre, Yta Moreno als Lillas Pastia und Bianca Martinis als das Mädchen fügen sich nahtlos in das scharf gezeichnete Personenpanorama ein. Bemerkenswert bleibt zudem Bieitos konsequente Verweigerung jeglichen Spanien-Kolorits.
Im dritten Akt erscheint im Hintergrund lediglich der Schatten eines riesigen Werbestiers – eine Art ironisches Zitat des Schauplatzes. Doch selbst dieses Symbol wird vor den Augen des Publikums demontiert, umgestürzt, zerlegt und abtransportiert. Die Inszenierung beseitigt buchstäblich die letzten Reste folkloristischer Exotik.
Was dadurch freigelegt wird, ist der schonungslose Kern des Stücks: die Gewalt des Patriarchats und ihre tödlichen Konsequenzen. Im Finale kulminiert dies in einer beklemmenden Parallelführung. Während in der Arena der Stier getötet wird, wird auch Carmen Opfer männlicher Gewalt. Don José schneidet ihr die Kehle durch. Es ist brutal, erschütternd und wirkt heute aktueller denn je. Man könnte darin durchaus einen Femizid erkennen, was in der Opernliteratur bemerkenswert selten ist: Frauen sterben dort zwar unzählige Male, aber meist als Selbstopfer, oder an Tuberkulose, im Wahnsinn, durch Gift, durch den Sprung vom Dach, im Feuer oder durch Selbstmord. Dass eine Frau so unmittelbar, so unverhüllt und so eindeutig als Opfer männlicher Gewalt gezeigt wird, kommt im Opernkanon weitaus seltener vor.
Und dennoch bleibt Carmen bis zum letzten Augenblick frei. Sie weicht nicht zurück, sie unterwirft sich nicht, sie verhandelt nicht. Genau das macht diese Figur bis heute so faszinierend. Genau das macht auch diese Inszenierung so konsequent: Sie zeigt keine Folklore, sondern einen Kampf um Autonomie unter Bedingungen permanenter Gewalt.
Auch die musikalische Leitung durch Asher Fisch gibt dem Abend dramatische Spannung und klare Kontur, sodass sich die szenische Zuspitzung mit großer musikalischer Energie
verbindet.
Eine schonungslose, kluge und nach wie vor hochaktuelle Inszenierung – getragen von einer jungen Carmen-Darstellerin mit starker Präsenz, einem überzeugend bedrohlichen Don José und einer Ensembleleistung, die Bieitos Grenzraum mit Leben füllt.

Dr. Eric Alexander Hoffmann

 

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