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WIENER NEUSTADT/ Dom: „LICHT UND SCHATTEN“ (Kirchenoperette von Guido Mancusi)

Uraufführung mit „VieVox“

26.10.2018 | Operette/Musical


Guido Mancusi und DieVox, Magdalena Hasibeder. Copyright: Andrea Masek

WIENER NEUSTADT / DOM: Uraufführung „LICHT UND SCHATTEN“ (Kirchenoperette von Guido Mancusi) mit „VieVox“

25.10. 2018 – Karl Masek

Guido Mancusi ist „Merker“-Lesern vor allem als Dirigent an der Wiener Volksoper bekannt. Doch der 1966 in Neapel geborene und in Wien ausgebildete Mancusi (Wiener Sängerknabe, Musikgymnasium Wien, Konservatorium der Stadt Wien – Fagott und Gesang -, Wiener Musikhochschule – Komposition und Dirigieren) ist nicht nur ein nachschöpferischer Interpret am Dirigentenpult, sondern auch ein Komponist mit einer sehr persönlichen, originellen Handschrift.

2016 wurde beispielsweise seine ganz besondere Lesart der Johannespassion uraufgeführt. Für Soli, Chor und vielfältig differenziertes Schlagzeug. Keine übliche Orchesterzusammensetzung mit Streichern und Bläsern. Mit großartiger Klangwirkung und ganz eigener emotionaler Tiefe.

Nun also die Uraufführung der „Ersten Kirchenoperette, Licht und Schatten“. Was kann man sich darunter vorstellen? Im Ursprungssinn von „Operette“ als „Kleiner Oper“ nicht eine Fortsetzung oder Wiederbelebung von Wiener, Berliner Operette oder britischen bzw. spanischen Operettenformen. Keine Johann-Strauß-, keine Lehár-, keine Zarzuela-Nachfolge.  Am ehesten könnte Offenbach mit seiner zynischen Antiken-Götter-Kritik Pate gestanden haben.


Guido Mancusi und Marcus Everding. Copyright: Andrea Masek

In Mancusis  Auftragskomposition werden zwei scheinbare Gegensätze, die aber dennoch zusammengehören, thematisiert und ironisch abgehandelt. Gott, der Schöpfer aller Dinge, entdeckt verblüfft, dass alle Dinge Schatten werfen („Gott sah zu seinem großen Wohlgefallen, dass zu der hehren Lichtgestalten allen der Schatten in die Schöpfung reinspaziert. Und dunkel war das Menschenkind garniert“, so leitet der Text von Mancusis Librettisten, Marcus Everding, ein. Der Schatten aber „will kein Ungeschaffener sein und mahnt Gott, seine Aufgabe als Schöpfer aller wahrzunehmen“. Was die Menschen nachhaltig verwirrt. Alsbald kommt die Theologie ins Spiel, die dogmatisch vorgibt, was denn nun zu glauben sei. Mit einem talmudischen Gleichnis wird gespielt, es zeigt die Freude am Gegensatz, die Bewunderung des Widerspruchs. Und mit operettenhaft eingängiger Musik wird die Apodiktik, die „ ideologische Diktion der Dogmatik“, aufs Korn genommen.

 Guido Mancusi unterlegt dieser köstlichen, ironischen Persiflage eine musikalische Basis, mit leichter Hand und ganz feinem, transparentem „Strich gepinselt“, man kann durchaus sagen, sehr persönlich „Marke Mancusi“. In der Textbehandlung blitzt mitunter ein bisschen Carl Orff durch (Marcus Everding, der Sohn des Regisseurs und Intendanten August Everding, war übrigens acht Jahre lang Intendant der Carl-Orff-Festspiele in Andechs!)  Der Dirigent Mancusi besticht durch klare Zeichengebung.

 Acht Sänger – VieVox, souverän, wortdeutlich und amüsant die Partitur umsetzend. Die tolle Formation ehemaliger Wiener Sängerknaben zeigt wieder superbe sängerische Ensemble-Qualität! Zwei famose Schlagzeuger (Joachim Murnig & Jani Leban) legen von den melodisch eingesetzten Xylophonen bis zu den Bongos einen fein gearbeiteten Klangteppich, Magdalena Hasibeder spinnt an der kleinen Orgel die polyphonen Fäden.

Die Kirchenoperette gipfelt in einer paradoxen „Amen“-Fuge – Metapher für Dogmatik („Die braven Theologen schlugen sich/ mit ihren Dogmen grimmiglich;/ waren nur in einem einig:/ Gott ist Gott – und zwar alleinig!“

Davor wurde dem Publikum viel an Konzentration und Fähigkeit zu geduldigem Hineinhören in diffizile musikalische Vorgänge und Strukturen abverlangt. Auch hier „Licht und Schatten“, mit akustischer Bandbreite von nachtdunklem Hauch (mitunter an der Grenze zur Unhörbarkeit) bis zu gleißender Blendkraft wurde der gesamte Kirchenraum bespielt und in Klang getaucht. . Magdalena Hasibeder erwies sich (hier an der großen Domorgel) als Meisterin der Orgelregister (ein Assistent half nach Kräften).

Ein instruktiver Querschnitt zeitgenössischer österreichischer Komponisten wurde für das Gesamtmotto aufgeboten: Rudolf Jungwirth (* 1955) leitete mit suggestivem Gestus und dem „ Dunkel der Kreuzigungsnacht“ ein. Matthias Liener (* 1991, auch ein ehemaliger Sängerknabe) beleuchtet in „Verschweigung“ auf abstrakte Weise den Umstand „Angst“, zitiert dabei auch Schubert und Pergolesi. Wolfram Wagner (* 1962), Karl Heinz Füssl (1924-1992) interessierten mit großer Bandbreite von impulsiver Motorik, dem Ausreizen des 16-Fuß-Registers der Orgel und herber Tonsprache.

Herwig Reiters (* 1941) Vertonung des sozialkritsch-lakonischen Brecht-Textes „Von der Freundlichkeit der Welt“ (komponiert 2005) erschloss sich mir dabei am meisten. Die Tonsprache erinnert (naturgemäß bei Brecht?) an Kurt Weill, es ist ein Chorwerk mit Sprecher (prägnant: Armin Radlherr)  Bei aller äußerlichen Kühle der Brecht-Texte: Sie haben immer suggestiven Aufforderungscharakter. Und Herwig Reiter macht immer inspirierte, dabei eingängige Musik. Nicht aus dem Elfenbeinturm, sondern fürs Publikum!

Freundlicher Applaus für einen bemerkenswerten und originellen „Abend im Dom“

Karl Masek

 

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