Wiener Festwochen: Wo finden wir die NEW GODS? (25.5.2026)
Time for New Gods: Werbemäßig groß wird mit solch einem Schlagwort für die heurigen Wiener Festwochen (bis 21.Juni) höchst aufwändig Reklame gemacht. Und Chef Milo Rau, der aus der Schweiz als Festival-Nothelfer für die Wiener Kulturpolitiker in die Stadt geholt wurde, versprüht weitere Lockworte für das hoch subventionierte wie dicht bestückte Gastspiel-Programm. Von einer einer ‚Freien Republik Wiener Festwochen‘ ist überall zu lesen, von der ,Republic of Gods’, von einem ‚Festival der Zukunft’. Doch fragt man in der gebildeteren Bevölkerung, welche Abende zu einem Besuch verführen könnten, so wird die Antwort zumeist schuldig geblieben.
Gut besucht sind jedoch die Darbietungen an den Pfingsttagen gewesen. Hier muss die Frage gestellt werden: Wie hat sich das Kulturverhältnis der jüngeren Wiener gegenüber dem höheren geistigen Anspruch früherer Jahrzehnte geändert? Ein Extrembespiel: „Music Music – Historie(s) du Théatre VII“ hat es an drei Abenden im Volkstheater geheißen. Für knapp über eine Stunde: Leere Bühne, ein fein dekorierender Steinbruch-Prospekt, diverser lockerer Sound aus der Konserve. Angekündigt ist der Soloauftritt von Trajal Harrell, dem farbigen US-Leiter des auch durch ImpulsTanz in Wien bekannten Zürich Dance Ensemble.
Einstimmung bietet der Programmzettel: „Music Music ist ein ebenso intimes wie intensives Solo über die Transformation von Körper, Herz und Gedanken über die Zeit hinweg.“ Klingt interessant. Doch was erlebt das Publikum über eine knappe Stunde lang? Anfangs endloses Warten bei voller Saalbeleuchtung. Trajall erscheint überaus gelassen, dick kostümiert als Mann wie als Frau. Ruhe, Ruhe …. Setzt zu netter Musik zu kleinen Bewegungsspielchen an, windet sich bisserl geschmeidig, hüpft ein bisserl geschmeidig, zeigt mit simpler Gebärdensprache ganz bescheiden simple Gefühls. Ja, locker, sonst nichts. Pause, nochmals Pause. Harrell verschwindet auf einige Zeit, leere Bühne. Erneut die kleinen Rundtänzchen, ganz locker, dann ausdruckslose Blicke in den Zuschauerraum, immer netter Sound. Und Leere …. Also, auch wenn das applaudierende Publikum im Saal dem unaufdringlich fadisierendem Einzelgänger offensichtlich eine starke Persönlichkeit zugesprochen hat: Sicher liegt man nicht falsch, wenn dies kein neuer Gott sein kann.
Doch eine neue Göttin? Klingt beinahe so: Florentina Holzinger, die kalkulierende Göttin einer weiblichen Furore-Bande, aus der Wiener Heiligenstadt in die Höhe gewachsen. Und heuer Österreichs Aushängeschild bei der Biennale von Venedig. Eigenes Blut fließt und die nackten Girls, auch durchaus ältere, alle international besetzt, führen diese Spektakel vor – oft und oft als Perversionen bezeichnet – welche Holzinger ihnen verordnet. Und auch das nun verlassene durchaus idyllische Prinzendorfer Landschloss des verstorbenen Hermann Nitsch konnte sie nun mit Hilfe festwöchentlicher Subvention besetzen. Routinierte Arbeit bereits für sie. Nitsch´ Blutfeste sind zwar so richtige Spekulationen gewesen, doch sie haben sich auch unter den Deckmantel Kunst gut verkauft lassen. War schon stimmungsvoll hier in der Runde einer heiter gelaunten Nitsch-Society herumzuspazieren, Meinungen anzuhören, den Weinviertler Sonnenschein zu genießen und den Blick von so einigen degustierenden Aktionen abzuwenden. Also, Kunst ist Kunst, modisch gesagt. Heute völlig ungefragt ihrer Werte, ohne Anspruch auf geistvolle Gestaltung. Und so hoffen wir weiter, dass der herumflirrende Milo Rau denn doch bald die richtigen Göttlichkeiten aus seinem wundersamen Göttersack den Wienern vor die Nase setzt.
Meinhard Rüdenauer

