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WIENER FESTWOCHEN: TSCHERWENGUR (Gastspiel Stuttgart)

14.05.2016 | Theater

WIENER FESTWOCHEN / MuseumsQuartier:
TSCHERWENGUR. Die Wanderung mit offenem Herzen
Nach dem Roman von Andrej Platonow,
Textadaption Frank Castorf
Gastspiel: Schauspiel Stuttgart (Premiere: Oktober 2015)
Wiener Premiere: 13. Mai 2016
  

Es ist Spezialwissen, „Platonow“ zu kennen, nicht den Helden von Anton Tschechows Theaterstück, sondern den russischen Autor Andrei Platonowitsch Platonow (1899-1951), denn Stalin hat genug getan, um sein Werk der Vergessenheit anheim fallen zu lassen. Auch Dichterkollege Gorki half nicht (Kritik am Kommunismus war eine gefährliche Sache), und Platonows Roman „Tschewengur“ erschien zwar auch auf Deutsch, aber außerhalb eines gebildeten Russlands ist der Autor wohl wenig bekannt. Darum muss Frank Castorf gleich zu Beginn seines Theaterabends hier ein bisschen Nachhilfeunterricht erteilen und auf der Bühne über Platonows Werk und Schicksal erzählen lassen, bevor man in „Tschewengur“ einsteigt…

Frank Castorf also wieder einmal bei den Festwochen, diesmal gleich zu Auftakt und im MuseumsQuartier, und selbst wenn er nicht aus seinem Berliner Biotop kommt – auch mit dem Schauspiel Stuttgart bietet er genau das, was man von ihm zu erwarten hat.

Das Bühnenbild von Aleksandar Denić, eine Holzkonstruktion auf Drehbühne (erinnert stark an das Bayreuther „Rheingold“, nicht zuletzt des Autos auf der Bühne wegen), hat als Spezifika über dem Wagen eine riesige alte Eisenlokomotive zu bieten (gelegentlich kommt auch Rauch aus dem Schornstein) und eine riesige Windmühle, die auf die Don Quichotterie des Gebotenen verweist. Rundum der übliche Schrott, in dem sich die Castorf-Figuren bewegen.

Um den idealen und den realen Kommunismus soll es bei dem Gebotenen gehen, und wie immer werden gut 80 Prozent des Bühnengeschehens auf den Riesenbildschirmen gezeigt, während die Kameramänner um die meist unsichtbaren Darsteller im Hintergrund herumwieseln. Wenn sie sich gelegentlich an die Rampe begeben, ist man ganz erleichtert angesichts der Erkenntnis, dass es sie wirklich gibt und man nicht etwa einen Computerprogramm aufgesessen ist…

Man kennt in Wien keinen einzigen der Darsteller, mit denen Castorf die Stuttgarter Produktion gemacht hat, ja, man kann sie nicht einmal per „Rolle“ identifizieren, da das Programmheft das Who is Who schuldig bleibt. Man anerkenne also, dass es auch außerhalb der Berliner Volksbühne Schauspieler gibt, die sich mit vollem Elan auf den Castorf-Stil einlassen, der viel Gebrülle und Gekreische beinhaltet, riesige Monologe (bei denen auch gestottert werden darf) und viele Aktionen, die dem Publikum sinnlos erscheinen, den Darstellern hoffentlich nicht.

Was Castorf in eigener Bearbeitung aus dem Roman von Platonow herausholt (kompletter Titel: „Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen“), ist schwer nachzuvollziehen. Die Festwochen bieten am Programmzettel und im Internet Erklärungshilfen, sowohl zum „sozialen Experiment“ des Kommunismus (dazu erhält man auch die Details von einer Folterungsszene ins Ohr gebrüllt, dass man am liebsten davonlaufen möchte) wie auch zum Besonderen des Castof’schen Ansatzes, der Dissens statt Konsens sucht – und durchaus findet.

Eines kommt zum anderen und nichts findet überzeugend den Weg zum Verstand des Zuschauers. Es wird theoretisiert (nein, über Marx kann man sich wirklich nicht hinwegsetzen) und natürlich auch geblödelt (durchdringendes Kindergekreische machen die Darsteller besonders gern). Und ein bisschen Show-Getue gibt es auch (wobei die Musik, durchgehend, zum besten Teil des Abends zählt). Alles Castorf, oder was?

Viele enthusiastische Kritiken im deutschen Feuilleton zeigen letztendlich, dass es eine Art spezifischer „Castorf-Intelligenz“ gibt, bei Journalisten und Theaterbesuchern vorhanden, die nicht nur seine ewig gleichen formalen Manierismen schätzen, sondern auch imstande sind, aus der Unverständlichkeit des Gebotenen offenbar genaue Informationen zu Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung dieses Castorf’schen Kosmos zu gewinnen. Beneidenswert. Für die, die das nicht können, ist der Abend letztendlich vor allem das, was Castorf stets als Wirkung erzielt – anstrengend.

Renate  Wagner

 

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