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Wiener Festwochen: JOIN!

09.05.2013 | Oper

 

Wiener Festwochen / MuseumsQuartier: 
JOIN! von Franz Koglmann
Uraufführung / Auftragswerk
KOPRODUKTION Wiener Festwochen / netzzeit
Premiere: 8. Mai 2013, 
besucht wurde die zweite Vorstellung am 9. Mai 2013

Die Behauptung „Wirtschaft ist wie Krieg“ fällt ziemlich bald nach Beginn des Abends, und das ist mittlerweile eine bekannte Erkenntnis, denn wir alle leben in einer Welt, wo man dergleichen schließlich auf Schritt und Tritt beobachten kann. Und auch alles andere, was der Zuschauer im Verlauf der zwei Stunden der „Join!“-Aufführung erfährt, ist „common knowledge“, um sich wie die Autoren des Englischen quasi gleichwertig zum Deutschen zu bedienen: Es ist nun einmal die Sprache der Wirtschaft, und wir haben längst gelernt, mit allen Fachausdrücken zu leben. Glücklicherweise gibt es das Internet, wo man „CEO“ nachschlagen konnte, als es einem zum ersten Mal begegnet ist, denn wer sagt heute noch „Generaldirektor“?

„Join!“ gehört zu den Wiener Festwochen 2013 als Auftragswerk an ein österreichisches Team und die Gruppe „netzzeit“. Die Produktion ist dem Festival (das ja erst Freitag mit der obligaten Rathaus-Show eröffnet wird) aber ein wenig voraus gelaufen. Vielleicht kann man sie dann besser verleugnen und vergessen? Denn Ehre macht die Sache niemandem, da nützt der ganze Österreich-Bonus (den darf und soll es doch wirklich geben) nichts.

Der Oberösterreicher Alfred Zellinger (Jahrgang 1945), Autor, Performance-Künstler, Architekt, kennt das Wirtschaftsleben aus der Nähe – wer im Marketing von Riesenkonzernen tätig war wie er, weiß, wovon er schreibt. Er tat es schon 1985 mit dem Stück „Spiel der Konzerne“ (1990 im Wiener Ensembletheater zu sehen), das nun die Grundlage für „Join!“ wurde. Vielleicht wirkt die ganze Sache deshalb ein bisschen altmodisch, wenn der Sprachgebrauch auch ganz auf unsere Zeit „aufgerüstet“ wurde – aber irgendwie erinnert das Ganze an ein Billig-Musical in der Art: „Wie man was wird im Leben, ohne sich anzustrengen“, nur dass die moderne Alternative lautet: „Wie schweißtreibend es ist, heutzutage Karriere zu machen“. Wenn dann eine Art Space-Girl singt und tanzt und Demonstranten als Affen erscheinen, möchte man alle Beteiligten erinnern, dass „Barbarella“ und „Planet der Affen“ lange her sind und sich eigentlich nicht als Zitate eignen, wollte man eine wirklich kritische Analyse heutigen Wirtschafts- und Geschäftslebens liefern.

Die Geschichte nimmt ja noch eine Wendung ins Sci-Fi, wenn es um den Gehirnchip geht, der jedermann eingepflanzt werden soll, so dass man immer online wäre (!!!!! Der Traum aller Kids????) – und sich ohne Widerstand in der Macht jener befände, die einen Befehl eintippen. Das wäre zwar ein Thema, aber schon das Libretto von Alfred Zellinger kommt damit wahrlich nicht zurande.

Und Franz Koglmann (Jahrgang 1947), ein Cross-Over-Musiker, kann zwar alles Mögliche machen und nachmachen und paraphrasieren, aber eine „Oper“ hat er hier wirklich nicht geschrieben, auch wenn die Sänger im Stil der „Moderne“ ziemlich atonal kreischen müssen: Das ist nicht einmal ein Musical, auch wenn es Show- und Swing-Szenen darin gibt, das ist ein gesungenes Stück mit Hintergrund-Musik, die nicht den Eindruck erweckt, von irgendwelcher Bedeutung zu sein.

Sicher, Regisseur Michael Scheidl hatte hier gesammelte Banalitäten vor sich, aber er entschloss sich zu nichts anderem, als die Hilflosigkeit szenisch adäquat umzusetzen. Man fragt sich allerdings, was da zu retten gewesen wäre… das Regiegenie dafür ist vielleicht noch nicht geboren. Zu peinvoll-simpel geht alles vor sich. Da schmettert zuerst ein Aufsichtsratsvorsitzender (sehr schrill: Anthony Heidweiller) seine Absicht in den Raum, den Konzern G&B in Bälde zu übernehmen. Davon weiß der CEO, der zuerst vom Bildschirm und erst später live kommt (Sébastien Soulès) noch nichts: Er verkündet neue große Pläne. Obwohl die Top-Angestellten des Hauses offenbar schon länger hier sind, werden sie vom Moderator (Dennis Kozeluh, ein bisschen anfällig, über die deutsche Sprache zu stolpern) aufgefordert, noch einmal ihre Arbeitsbereiche zu definieren: Der Marketing-Direktor (Wolfgang Gratschmaier) verkündet seine Leidenschaft für aggressive Strategien, der Produktmanager (Max Niemeyer) schwärmt von den „soft skills“ (beide Herren übrigens im Star Trek-Outfit), und die Verkaufsleiterin (Katja Reichert) darf den Posterspruch zitieren, den jede Feministin, die auf sich hielt, in ihrem Zimmer hängen hatte (anno dazumal): „Alles, was Frauen machen, müssen sie doppelt so gut machen wie Männer. Zum Glück ist das nicht schwer.“ (Katja Reichert ist übrigens zumindest teilweise ein Opfer von Ausstatterin Nora Scheidl, die diesmal nicht viel zu tun hatte, aber der Protagonistin eine ausgesucht scheußliche Perücke verpasste.)

Zum Finale des ersten Akts: Auftritt der neuen Menschin mit Chip, die – wie erwähnt – aussieht wie Barbarella, aber weil Anna Erb nur tanzen, schlank aussehen und später minimalen Dialog sprechen, aber nicht singen kann, wird sie per Playback von Annette Schönmüller gesungen, die im zweiten Teil als Aktivistin mit der erwähnten Affen-Schar erscheint…

Man muss annehmen, dass es Michael Scheidl selbst aufgefallen ist, wie öde sich diese „Oper“ mit ihren herumsitzenden und –stehenden Protagonisten ausmacht. Also wird das Publikum nach einer qualvollen Dreiviertelstunde in der Pause scheinbar zu einem „Coffee Break“ auf die Hinterbühne geladen, wo man dann auch erstmals das Orchester (ensemble „die reihe“ unter der Leitung von Carsten Paap) erblickt. Hier wird dann weitergespielt – das bedeutet, dass ein großer Teil des Publikums, jene nämlich, die nicht auf den Stufen links und rechts Platz finden, nun eineinviertel Stunden lang stehen müssen. Und Klaustrophobiker sollten sich besser nicht klar machen, dass sie hier nun eingesperrt sind und nicht, wie bei einem normalen Theaterraum, zumindest die potentielle Möglichkeit haben, zwischendurch auch mal rauszugehen… Dass man in der Pause auch nicht aufs Klo darf, wurde in der Einführung gesagt – und damit hat man nun die „Action“ für die Inszenierung, wir sind ja so interaktiv… ist das schon ein Event?

Da die Hinterbühne total überfüllt ist, rückt eine Kamera den Protagonisten, die unter den Zuschauern verschwinden, auf den Leib und überträgt ihre Szenen auf zahlreiche Bildschirme (auch das ist eine schrecklich gestrige Lösung). Jetzt gibt es die „privaten“ Auseinandersetzungen der Beteiligten, wobei alle Herren den Damen entsprechende Anträge machen, wie man es erwartet, und Sex im Büro zum Thema wird, während die Demonstranten scheinbar das Recht des Einzelnen auf Privatsphäre verteidigen – aber da haben sich Autor und Komponist schon in ein derartiges Chaos hineingewurschtelt, dass es kein vernünftiges Entrinnen gibt: Der Abend hat ja schon davor nicht wirklich von etwas gehandelt, sondern nur das heutige Geschäftsvokabular abgespult. Dass ein Publikum, das von all dem ohnedies schon die Nase voll hat, noch mit unerwünschten Zugaben zwangsbeglückt wird – ja, das ist Strafverschärfung.

Das Wort, das an dem Abend nicht fällt, aber eigentlich entscheidend ist für das Ganze, lautet „Manipulation“. Was immer geschieht, hat einzig damit zu tun, dass Menschen dazu manipuliert werden sollen, Produkte zu kaufen und ihr schwer verdientes Geld dafür hinzulegen, damit andere reich werden. Da gibt es natürlich nur eine Antwort, wenn man ein selbständig denkendes Individuum ist: „Nein.“ Wenn man höflich sein will, kann es auch „Nein, danke, lasst mich mit Eurem Scheiß in Ruhe“ heißen. Manipulation wäre auch, wenn man sich veranlasst sähe, „Join“ wirklich für eine Oper zu halten. Oder auch nur für ein Musiktheaterprodukt, das als eigentlicher Auftakt den Wiener Festwochen Ehre machen würde.

Renate Wagner

P.S. Der Titel lautet übrigens nicht, wie manche annehmen, „Joint“ – in der Chefetage gibt man sich mit so etwas nicht zufrieden, da muss es schon Kokain sein, das man schnieft. Der Titel „Join!“ bezieht sich auf die Aufforderung „Beteilige dich!“ oder „Mach mit!“ Nochmals: nein, danke.

 

 

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