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Wiener Festwochen: IN AGONIE

24.05.2013 | Theater

 

Wiener Festwochen / Volkstheater: 
IN AGONIE (Die Glembays / Galizien / In Agonie) von Miroslav Krleža
Gastspiel des Residenztheaters München
Premiere: 23. Mai 2013  

Miroslav Krleža (1893-1981) mag einer der berühmtesten kroatischen Schriftsteller sein, ist hierzulande aber nicht so bekannt, dass man Genaueres über seine Werke wüsste. Martin Kušej fügte nun – in einer Aufführung des von ihm geleiteten Residenztheaters München, das dem Koproduzenten Wiener Festwochen das „ius primae noctis“ einräumte – drei von dessen Dramen (wobei es die „Glembays“ ja wohl auch als Roman gibt) zu einer Trilogie zusammen, die er nach dem dritten der Stücke zusammenfassend „In Agonie“ nennt.

Der Autor selbst hat dies nicht ganz so geplant, „Galizien“ gehörte bei ihm nicht in die Glembay-Welt – und im Grunde hat ja auch „In Agonie“ mit der Familiengeschichte weder äußeren noch inneren Zusammenhang. (Vermutlich hat die Dramaturgie, um „Galizien“ ein wenig einzubinden, den Hauslehrer mit Priesterkragen und der Hausarzt des ersten Stücks als Feldkaplan bzw. Oberarzt im zweiten wiederkehren lassen).

Die Idee, die drei Werke so zusammen zu fügen, leuchtet allerdings nach historischen Gesichtspunkten ein: Wenn die Familientragödie der „Glembays“ ausgestanden ist, bricht am Ende der Erste Weltkrieg aus (zumindest auf der Bühne, im Original spielt das Stück 1913). In „Galizien“ findet man sich 1916 an der Front. „In Agonie“ spielt 1922, und die neue Welt spiegelt sich sowohl in der Ökonomie wie der Psychologie der Figuren. Innerhalb weniger Jahre wurde die Welt, wie man sie gekannt hatte, auf den Kopf gestellt. 2013 gehen wir ja auf das „Hundert-Jahr-Gedenken“ des Ersten Weltkriegs zu, in dem die Weichen für das teils missglückte 20. Jahrhundert gestellt wurden.

Bei den „Glembays“, wo mit dem großbürgerlichen Kapitalismus der Monarchie abgerechnet wird (die Familie besitzt eine Bank, die allerdings eher schmutzige Geschäfte tätigt), hätte man allerdings mehr Politik als „Reich und schön“ erwartet – der heimkehrende Sohn (Johannes Zirner, noch nicht ganz so stark wie Papa August Zirner, aber als Persönlichkeit beeindruckend) hat mit seinem Vater (der fernsehbekannte Manfred Zapatka) manches Hühnchen zu rupfen, wobei es nachgerade komisch wird, wie viele Mitglieder der Familie unter ungeklärten Umständen oder auch durch Selbstmord ums Leben gekommen sind (und bei dem Mord am Ende des Stücks hat das Publikum doch tatsächlich gelacht): Wenn Sophie von Kessel als „böse Mondäne“ und Stiefmutter auftaucht, wird die Sache spannend, denn sie ist wirklich mit allen Wassern gewaschen und eine Persönlichkeit, die flirrend von der Bühne kommt. Dennoch seltsam – ein Gesellschaftsstück in einem mit Möbeln voll gestopften Salon der Jahrhundertwende (Bühne: Annette Murschetz, Kostüme: Heide Kastler, mit tadellosem Geschmack für die Dame) ist dann doch nicht das, was man von  Martin Kušej erwartet hätte.

Dafür wird es in „Galizien“ dann so böse und radikal, wie nur möglich (und den mittleren der drei Akte hindurch regnet es als theatralischer Kunstgriff auch ununterbrochen): Szenen an der Front, die schrankenlose Gemeinheit, mit der die Offiziere die „gemeinen Soldaten“ behandeln, sehr viele nackte Männerhintern, denn die Homosexualität spielt eine große Rolle (Norman Hacker als Oberleutnant vergewaltigt in einer brutalen Szene den Kadetten von Franz Pätzold, der wohl hübsch genug ist, die Begehrlichkeit beider Geschlechter zu erregen). Im zweiten Akt baumelt eine hingerichtete alte Frau die ganze Zeit am Seil mitten von der Bühne herab, und das Grauen kann sich sehen lassen, ob es äußere Brutalität ist oder seelische Grausamkeit, die manche nicht ertragen können (stark: Shenja Lacher als Kadett Horvat, für den Michele Cuciuffo tapfer gegen die anderen eintritt).

Auch als Publikum tut man sich mit diesem Teil besonders schwer, nicht zuletzt auch, weil er dauernd im Halbdunkel spielt und Kusej die Übersicht über das Geschehen nicht immer gewahrt hat – vor allem am Ende, wenn plötzlich ein riesiges Gemetzel einsetzt, quasi ein Kino-Shootout der Herren untereinander, ohne dass man völlig mitbekäme, wer da wen wie und warum erschießt… Und wenn die Zuschauer auch hier wieder gelacht haben, muss der Regisseur etwas nicht ganz in den Griff bekommen haben.

Teil 3, „In Agonie“, ist eine Beziehungsgeschichte, bei welcher man angesichts der Quälereien eher an Musil oder auch Strindberg als an Schnitzler denkt, womit Kusej das Stück  verglichen hat – aber „Schnitzler ohne Zuckerguss“, wie er im „Standard“-Interview sagte, was natürlich die Frage nahe legt, wo es bei Schnitzler Zuckerguss gäbe… Hier begegnet man in den Nachkriegszeiten, wo Adel und Offizierskaste abgewrackt sind, in dem Baron Lenbach einem besonders schäbigen Vertreter seiner Kaste (glorios: Götz Schulte), wobei er um seine Frau auch nicht zu beneiden ist, denn diese Laura (Britta Hammelstein, im ersten Stück eine stille Nonne, darf hier höchst kunstvoll aufdrehen) ist von dem Schnorrer nur angeekelt und sehr angetan von der Idee, er könne, wie er es immer androht, tatsächlich einmal Selbstmord begehen.

Was geschieht und sie ungerührt lässt – aber ihr Liebhaber (der auch aus dem Burgtheater bekannte Markus Hering) ist auch absolut kein Preis für sie, weil gar nicht gewillt, allen ihren Launen, Hysterien und Forderungen nachzugeben. Da gibt es dann auch noch Pirandelleske Wendungen, und es wird dann noch eine Art Krimi daraus, wobei der Regisseur das Ende offen lässt – noch eine Tote? Leichen gibt es ja genügend an diesem Abend.

Dass Martin Kušej in seiner Eigenschaft als Kärntner Slowene natürlich (ebenso wie etwa Peter Handke) eine große emotionale wie historische Bindung an den Kulturraum Balkan empfindet, ist absolut verständlich, und er hat, wie er sagt, Jahrzehnte gewartet, dieses Krleža-Großprojekt auf die Beine zu stellen. Künstlerisch hat es sich nicht wirklich gelohnt, die drei Stücke kommen an diesem Abend (vielleicht auch durch die nötigen Kürzungen) nicht wirklich als „literarisch überzeugend“ über die Bühne. Ob Familienkrach, Front-Brutalität oder Zwanziger-Jahre-Zicke, es ist nicht viel Substanzielles aus den Texten zu holen, und die Langweile flicht sich in jeden der Teile.

Der Abend ist auch sehr lang: Beginn 18 Uhr, man hat das Volkstheater um 0,20 Uhr verlassen (und muss sich Sorgen ums Heimkommen machen – weil die verfluchte Wiener Stadtverwaltung die Kurzparkzonen ja bis 22 Uhr ausgedehnt hat, hat man ja die Theaterbesucher ihrer Autos beraubt, weil jeder Theaterabend länger dauert als das Kurzparken gestattet ist). Der Großteil des Publikums (nicht alle) hielten bis zu Teil 2 durch, dann allerdings erfolgte der große Einbruch (bzw. die große Abwanderung). Am Ende gab es höflichen, aber nicht wirklich stürmisch Applaus – erstens bestand dafür kein Anlass, so gerne man die Gäste begrüßte, und zweitens hatte sich doch allgemeine Mattigkeit eingestellt.

Renate Wagner

 

 

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