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Wiener Festwochen: BLUTHAUS

21.05.2014 | Oper

Festwochen 2014 Signet x

Wiener Festwochen / Theater an der Wien:
BLUTHAUS
Oper von Georg Friedrich Haas
Text von Händl Klaus
Uraufführung Neufassung 2014
Premiere:  21. Mai 2014 

Ein steirischer Vorarlberger als Komponist (Georg Friedrich Haas), ein Tiroler als Librettist (Händl Klaus), das müsste die Österreicher schon aus lokalpatriotischem Interesse ins Haus locken, und tatsächlich haben die Wiener die Festwochen nicht beschämt: Ein rappelvolles Theater an der Wien harrte der zumindest Semi-Uraufführung von „Bluthaus“ dieser beiden Künstler (nach der Uraufführung 2011 in Schwetzingen wurde der musikalische Teil für diese Aufführung überarbeitet und ergänzt) –  und das Thema dieser Oper ist nun seit dem unglückseligen Herrn Fritzl auch schrecklich österreichisch besetzt: Inzest.

Theorie und Praxis: Es ist schön, wenn man vor der Vorstellung dem Komponisten selbst zuhören kann, wie er willig vieles zu seinem Werk erklärt. Und wenn der knapp zweistündige, pausenlose Abend vorbei ist, dann kann Georg Friedrich Haas wirklich als Sieger gelten. Seine Musik ist immer spannend, bestrickend, und die Vorliebe für Dissonanzen, die er geäußert hat (er meint ja, es gäbe nichts Faderes als c-Dur), setzt sich in seiner „mikrotonalen“ Klangsprache in „entrückenden Klangschwebungen“ um (die Zitate sind aus dem Programmheft und werden hier nicht ironisch angeführt, sondern kenntlich gemacht, weil man es nicht viel besser ausdrücken kann).

So kunstvoll wie Haas ist auch der Händel Klaus, das wüsste man auch, wenn dieses Virtuosenstück eines Librettos nicht im Programmheft abgedruckt wäre. Wobei man sich nur auf die sprachliche Ebene bezieht, auf die Komplexität, mit der Händel Sänger und Sprecher verzahnt, die wiederum in minimalistischer Klangarbeit zu einer Gesamt-„Maschinerie“ gefügt sind, die dann den Regisseur, der dies szenisch hinbekommen hat (Peter Mussbach) zum dritten Kunststück-Produzenten des Abends macht. Also, das ist schon außerordentlich.

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Foto: Wiener Festwochen

Nur, was sieht man? Und da stellt sich sehr schnell heraus, dass die Form den Inhalt weit überragt. Zuerst Vater und Mutter, die da als Leidensgestalten auf der Bühne stehen.  Dass sie eigentlich schon tot sind, das hat man in den vielen Vorberichten zu diesem Abend vernommen, und gewissermaßen rückt dieses Element das „Bluthaus“ in die Nähe anderer großer Gespenstergeschichten der Oper, also etwa Brittens „The Turn of the Screw“ oder „The Fall Of The House Of Usher“ von Philip Glass (dessen Musiksprache ihrerseits immer wieder grüßen lässt).

Andererseits wird die Sache dann sehr schnell banal: Die Tochter, die lebt, überlebt hat (wie der Vater, auf ihr liegend, von der Mutter erstochen wird, darf man im Lauf des Abends mitansehen, aber damit verschwinden ja die Gespenster nicht), will das Haus der Familie verkaufen. Dass es groß ist, vermittelt das Bühnenbild, das Regisseur Peter Mussbach selbst eindrucksvoll gestaltet hat, dass es „tief im Süden Niederösterreichs“ liegt – na ja, jedenfalls weg von der Stadt. Es sei noch gesagt, dass außer Vater und Mutter und der Tochter der Immobilienmakler Axel Freund die vierte Gesangspartie ist (dazu kommen noch drei Knaben von der Opernschule, die in Tiermasken agieren und auch singen dürfen), der Rest sind Sprechrollen, minutiös genau in die Partitur eingepasst. Wie hier Dirigent Peter Rundel das Klangforum Wien und alle Protagonisten zusammenhält (und in Orchesterzwischenspielen Klangteppiche webt), das ist gleichfalls bemerkenswert.

Da kommen also die Kaufinteressenten, alle irgendwie groteske Kunst-Typen, durcheinander redend (man versteht trotz deutscher Sprache bei weitem nicht alles, vor allem nicht von den Sängern, die vielfach in schaurige und furchtbar anzuhörende Höhen getrieben werden) – und das alles ist nicht einmal zehn Minuten witzig oder interessant. Nach 50 Minuten erscheinen die „Nachbarn“, die dann lustvoll-bösartig von der Mordtat erzählen, worauf sich dann die anderen langsam verziehen.

Töchterchen wird nach wie vor von den Gespenstern der Eltern gehetzt, wobei man es bei ihr mit einer besonderen Variante des Missbrauchs zu tun hat: Es ist ganz eindeutig, dass sie Papi „auch so“ liebt und sich keinesfalls als Opfer  vorkommt… Was die Geschichte dann auch irgendwie in eine Schieflage bringt. Und die postulierte Befreiung von der Vergangenheit glaubt man nicht so richtig, wenn sich das Haus am Ende als unverkäuflich erweist und die Tochter darin zurückbleibt. Der Makler soll, wenn er geht, hinter sich abschließen…?

Kurz, inhaltlich ist die Handlung weder wirklich interessant noch spannend (dabei hat Haas in der Einführung so davon geschwärmt, dass hier eine „konkrete Geschichte“ erzählt wird, was er für die Zukunft der Oper hält, „sonst gibt es immer nur die gleichen Avantgarde-Muster“), so dass man sich stets nur an die Machart halten kann. Von der „emotionalen Klangreise“,  auf die der Komponist das Publikum schicken wollte, ist die Klangreise allein geblieben, „Ich möchte, dass Sie ergriffen sind“, hat sich wohl nicht realisiert.

Sarah Wegener als Tochter, Ruth Weber als gehetzte Mutter, Otto Katzameier als dämonischer Vater und Daniel Gloger als Makler, dessen Countertenor nicht zu den schönstimmigen, sondern zwerchfellzersägenden zählt, haben zweifellos Großes vollbracht, die herumwieselnden, wie ein Uhrwerk funktionierenden Schauspieler auch. Einige unter ihnen kannte man, Silvia Fenz etwa noch aus Gratzers und Taboris Zeiten. Michaela Mock und Thomas Mraz durften als Mutter plus leicht debiler Sohn ein „lustiges Paar“ abgeben, aber parodistisch gemeint waren sie alle.  

Der „Premierenjubel“, der sich in Wiens Theatern ja immer so verlässlich einstellt, wollte diesmal nicht so richtig stürmisch funktionieren, obwohl brav geklatscht wurde. Aber, seien wir ehrlich – so brillant das Ganze war, so anstrengend war’s doch auch. Und so ermüdend. Also nichts, was ehrliche Begeisterung erzeugen könnte. Die Anerkennung wird man dem Unternehmen – selbst kühl bis ans Herz hinan geblieben – natürlich nicht versagen können.

Renate Wagner

 

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