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Wiener Festwochen / Akademietheater: TARTUFFE

28.05.2013 | Theater

 
Fotos: Burgtheater, Ruth Walz

Wiener Festwochen
WIEN / Akademietheater des Burgtheaters: 
TARTUFFE von Molière
Premiere: 28. Mai 2013 

Die große „eigene“ Festwochenpremiere durfte Luc Bondy in der Ära Matthias Hartmann schon einige Male am Burgtheater machen – heuer mit Molières „Tartuffe“ in einer  Glanzbesetzung des Hauses. Das Stück aus dem Jahr 1664 gilt als die große „Heuchler“-Tragikomödie der Weltliteratur – der Schmeichler und Schleimer, der sich unter der Maske der Frömmigkeit bei dem reichen, dummen Mann einschleicht und ihn benahe um sein ganzes Vermögen bringt: Zu Molières Zeiten gab es noch den König als Deus ex Machina, der alles zum Guten wendet, aber seine Angriffe auf die Religion haben dem Dichter größte Schwierigkeiten bereitet. Keine Voraussetzung stimmt mehr heute, 350 Jahre später. Was tun mit „Tartuffe“, wenn man ihn nicht im historischen Gewand spielen will, was heutzutage bekanntlich verpönt ist?

Schon die große, weit offene Bühne, die Richard Peduzzi für das Akademietheater geschaffen hat, zeigt, dass Bondy die Geschichte ins Hier und Heute verlegt. Was aber, wie man sieht, gar nicht so einfach ist. Denn wie „übersetzt“ man den religiösen Heuchler des 17. Jahrhunderts in das 21.? Jedenfalls ist die Sache bei Bondy kaum wirklich lustig, und damit hat er wohl recht. Seine eigene Übersetzung, gemeinsam mit Peter Stephan Jungk unternommen, verzichtet auf die blitzenden gereimten Alexandriner, die dem Stück Lustspielglanz geben, bleibt aber ziemlich unauffällig – höchstens am Gestottere, das er seinem Titelhelden gelegentlich in den Mund legt, merkt man Absicht.

Wer also sind die Leute, die auf der Bühne stehen? Da ist der Raum nicht sehr aussagekräftig, die Kostüme (gänzlich unbedeutend heutig: Eva Dessecker) auch nicht. Monsieur Orgon, der im schwarzen Anzug, mit Aktentasche einherkommt, ist wohl kein so reicher Mann, dass es sich unbedingt lohnt, ihn heuchelnd zu unterwandern und um sein Vermögen zu bringen. Und wie macht man so etwas  heute, wenn „Religion“ ja nun wirklich kaum mehr funktioniert? Die Herrschaften – Tartuffe und Orgon – knien zwar kurz vor Heiligenstatue und kleinem Kreuz, aber die befinden sich so am Rand des Raumes, dass nur ein kleiner Teil des Publikums sie wahrnimmt. Kurz, Bondy kann nicht voll bedienen, was Molière vorgibt – aber er hat auch keinen wirklichen Ersatz.

Wenn sie am Anfang um den äußerst schäbigen Frühstückstisch sitzen, sind die Angehörigen des Herrn Orgon auch keine so widerliche „Familienbande“, dass man die Flucht des Hausherrn zu etwas „Besserem“ verstehen würde, aber dennoch vermag Gert Voss mühelos zum Zentrum des Abends zu werden und seine persönliche Tragödie zu verkünden: Dieser Tartuffe, den er da ins Haus genommen hat, ist für ihn – ganz ohne sexuelle Anspielung – ein Mensch, den er ganz offensichtlich liebt. Der ihn selbst zu einem besseren Menschen macht, während er sich mit seiner Umwelt nur gelangweilt und gereizt auseinandersetzt. Und am Ende, wenn dieser Tartuffe ihn beinahe um alles gebracht hätte, während er gerade noch gerettet wurde (nicht mehr durch die Gunst des Königs, sondern offenbar durch die Aufmerksamkeit der Staatspolizei), ist er nicht glücklich, sondern zutiefst unglücklich: Man hat seinem Leben alles geraubt, was gut daran war. Nein, hier wird nicht der „dumme“ Mann, der sich betrügen ließ, dem Gelächter preisgegeben. Gert Voss darf die Tragödie des Herrn Orgon spielen, und er macht es ganz wunderbar.

Joachim Meyerhoff ist als Tartuffe – diskret. Er spielt für das Publikum die Posse des Heuchlers in keiner Weise aus. Der Mann ist ruhig, fast misstrauisch, fast unauffällig. Man kennt Meyerhoff als intensiven Darsteller, aber man fühlt die Macht nicht, die er über einen Mann wie Orgon ausüben kann. Dass er hingegen gefährlich ist, daran lässt er keine Minute Zweifel aufkommen.

 

Die schöne Elmire ist wahrlich eine verzweifelte Ehefrau, sieht den Gatten ins Unglück rennen, entschließt sich, die Initiative zu ergreifen und zu Demonstrationszwecken den – hier nicht sehr intensiven – sexuellen Angeboten Tartuffes nachzugeben: Man hat Johanna Wokalek immer als eine der ernsthaftesten Schauspielerinnen kennen gelernt, hier wird sie zur vage boulevardesken Schönheit, die zu Verführungszwecken viel Bein zeigt.

Einen Einbruch erlebte die Figur der Dorine. Bei Moliere ist diese Zofe die Lordsiegelbewahrerin der Vernunft und des gesunden Menschenverstands und hat eine nicht unbedeutende dramaturgische Funktion. Indem Bondy die Rolle mit der alten Edith Clever besetzt, macht er aus ihr optisch eine alte Haushälterin – und lässt sie kaum mitspielen (zumal man sie besonders schlecht versteht). Nur am Ende holt sie triumphierend ein Aufzeichnungsband aus dem Hintergrund: Hat sie den Behörden geholfen, das Geschehen im Haus zu bespitzeln? Na, jedenfalls ist es für ihren Herrn gut ausgegangen. Aber die Figur spielt diesmal dennoch nicht mit.

Gertraud Jesserer sitzt als Orgons Mutter im Chanel-Kostüm im Rollstuhl, darf aber trotz dunkler Töne nicht wirklich unerträglich herumnörgeln. Philipp Hauß als Schwager versucht sein Bestes, warnend präsent zu sein, bleibt aber dennoch am Rande, genau wie Peter Knaack und Adina Vetter als Sohn und Tochter des Hauses sowie  Peter Miklusz als Möchtegern-Schwiegersohn. Klaus Pohl will in Tartuffes Namen Unglück über Orgon und seine Familie bringen, Michael König verhindert es.

Es stehen lauter gute Schauspieler auf der Bühne, und dennoch überzeugt der Abend nicht wirklich. Der große Heuchler hat den Sprung in die Gegenwart nicht überzeugend geschafft, die hintergründige Komödie nicht die Verbiegung in die possenhafte Semi-Tragödie (von Voss einmal abgesehen). In die Wiener Annalen der Molière-Interpretation (wie einst mit den Titelhelden Boy Gobert und dann Klaus Maria Brandauer) wird dieser „Tartuffe“ wohl nicht eingehen. Dennoch viel Applaus, auch um Luc Bondy bei seiner letzten Premiere als Wiener Festwochen-Intendant würdig zu verabschieden. Und – er hat dem Stück nicht weh getan. Das Wiener Publikum erlaubt sich, für dergleichen dankbar zu sein.

Renate Wagner

 

 

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