Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Winterpalais: MARTIN VAN MEYTENS DER JÜNGERE

20.10.2014 | Ausstellungen

Beledere, Wien, Winterpalais, Martin van Meytens 
Alle Fotos: Belvedere

WIEN / Winterpalais des Prinzen Eugen:
MARTIN VAN MEYTENS DER JÜNGERE
Vom 18. Oktober 2014 bis zum  8. Februar 2015 

Die Gesichter der Epoche

Unfreundliche Leute nennen seine Familienbilder rund um Maria Theresia „Schinken“. Tatsächlich hat Martin van Meytens d. J. nicht nur den Wiener Hof zwischen 1730 und 1170 gemalt, sondern auch die ganze noble Gesellschaft der Epoche. Wenn irgendjemand, dann hat er uns das Bild und die Gesichter der Zeit überliefert. Das Belvedere widmet ihm eine längst verdiente Ausstellung – und das Winterpalais des Prinzen Eugen ist der ideale Rahmen dafür.

Von Heiner Wesemann

Martin van Meytens d. J.     Es war eher Zufall, dass der aus holländischer Familie stammende Martin van Meytens am 24. Juni 1695 in Stockholm geboren wurde, aber die Schweden betrachten die Künstler- und Malerfamilie noch immer als ihnen zugehörig: Viele Gemälde der Wiener Ausstellung sind Leihgaben aus Stockholm, sein Vater, Peter Martin van Meytens, leitete dort eine Malschule mit großer Gemäldesammlung. Der Sohn war in Europa als geschätzter Porträt- und Miniaturmaler unterwegs, bevor er nach Wien kam. Für eine Stellung als Hofmaler bei Kaiser Karl VI. perfektionierte er seine Kunst noch in Italien. 1731 ließ er sich in Wien nieder und genoß die Gunst des katholischen Hofes, obwohl er Protestant war. Versuche der Schweden, ihn nach Stockholm abzuwerben, misslangen. Meytens blieb, unermüdlich tätig und hoch geachtet, bis zu seinem Tod am 23. März 1770 in Wien.

NMGrh1936 
Selbstbildnis 1750

Die Selbstbildnisse     Mehrere Selbstbildnisse von Martin van Meytens, in der Wiener Ausstellung verteilt, wo sie in die Prunkräume des Prinzen Eugen hineinpassen, als wären sie dafür geschaffen, zeigen ihn mit Mitte 30, 40 und 50, zuerst ein fast locker wirkender junger Mann, dann schon etwas „breiter“ geworden, immer noch ohne jene repräsentative Steifheit, die er dann am Ende als würdiger, mit Orden behängter Herr zeigt. Es gibt Bilder des Vaters und der Mutter im höheren Alter, die an die holländische Schule früherer Zeiten gemahnen, ein Beispiel dafür, dass seine „Repräsentationsgemälde“ Vorgaben waren, die Meytens erfüllte – er hätte auch anders gekonnt. Leider gibt es in der Ausstellung so gut wie ausschließlich Porträts, solo oder im Rahmen von Familienszenen.

Maria Theresia    Als Meytens nach Wien kam, war die 1717 geborene Maria Theresia, die Tochter des Kaisers und Thronfolgerin, ein junges Mädchen. Er hat sie immer wieder gemalt – seit er nach Wien kam. Die sehr junge Frau, die Braut, die ungarische Königin, die 1741 auf den Königshügel in Pressburg reitet (ein auch politisch ungemein wichtiges Bild). Von Meytens stammen die das barocke Zeitalter perfekt bedienenden Repräsentationsbilder der würdigen, schon etwas gesetzten „Frau Kaiserin“ und ihres ebenso dargestellten Gemahls, und er hat das weltberühmte Familienbild von 1752 gemalt, das die kaiserliche Familie steif wie Ölgötzen, Vater, Mutter und neu Kinder, alle zusammen zeigt. Dass sie nie alle so zusammen gestanden / gesessen sind, sondern gewissermaßen „zusammengestoppelt“ wurden – das wird trotz Meytens’ Meisterschaft unmissverständlich klar. Da hat wohl auch die „Werkstatt“ kräftig mitgearbeitet.

Meytens Maria Theresia jung  Meytens Erzherzog Leopold 
Maria Theresia und Söhnchen Leopold

Und der Nachwuchs…  Neben der Kaiserin, von der es heißt, dass sie sich gerne in Meytens’ Atelier aufhielt (der Saaltext impliziert, dass da vielleicht ein bisschen mehr war, was man sich ehrlich gestanden kaum vorstellen kann), waren natürlich auch die zahlreichen Kinder an der Reihe –Thronfolger Joseph, schon als Kleinkind im Prunkgewand und mit Goldenem Vlies, das er allerdings (und das ist reizvoll) wie ein Spielzeug hält. Der kleine Leopold, später als Kaiser mit dem Namen Leopold II., wurde wie ein Erwachsener ausstaffiert. Von den Töchtern Maria Theresias ist Lieblingstochter Marie Christine in einem Gemälde vertreten.  

Der Kreis um die Kaiserin    Ob die Gräfin Fuchs, Maria Theresias „Aja“, ob ihre wichtigsten Berater, ein Kaunitz, ein Bartenstein und andere, in Repräsentationsgewändern (sorglich ausgeführt bis zu den Spitzen der Krägen und Ärmel) – es sind die Großen des Reichs versammelt. Wo heute ein Hoffotograf walten mag, war damals das große Gemälde angesagt. Das Belvedere hat hier Werke, die buchstäblich in ganz Europa verstreut sind, zu einer großen Zusammenschau konzentriert, eine beeindruckende Leistung. Opernfreunde werden nicht ohne Rührung vor dem Gemälde stehen, das Pietro Metastasio zeigt.

Meytens Familie Palffy 
Familie Palffy

Der Adel konkurriert    „Die Familie des Grafen Nikolaus Pálffy von Erdöd, um 1760“, exakt riesige 333 mal 285 Zentimeter groß, ist nicht weniger als acht Jahre lang vom Belvedere restauriert worden. Ein besonderes Gemälde, denn es zeigt die Palffy-Familie genau im Stil der Herrscherfamilie dargestellt – das war einfach das Vorbild, dem man entsprechen wollte. Andere Adelige (etwa der Graf Tessin mit Gattin und Nichte) nahmen da schon eine weit lockerere Haltung ein. Doch im großen und ganzen herrschte das Repräsentationsgemälde vor, das man bei Meytens bekam wie damals in Wien wohl kaum von einem anderen, wobei die lebendigen und individuell dargestellten Gesichter der Porträtierten jedes Mal ja über Habitus und Prunkentfaltung hinaus das Interesse des Betrachters nach sich ziehen.

NM 7036 verso  NM 7036 recto

Zum Drüberstreuen…  Mehrfach begegnet man in der Ausstellung Porträtbüsten von Franz Xaver Messerschmidt, und das nicht ohne Grund, war es doch Meytens, der dessen Talent vordringlich erkannte und protegierte. Es handelt sich dabei natürlich nicht um seine bekannten Charakterköpfe, für die er berühmt wurde – keinerlei Verzerrungen, wenn er Maria Theresia und Franz Stephan abbildete… Im letzten Raum gibt es aber innerhalb von so viel Konventionellem, das dennoch hoch interessant ist, dann noch eine echte Überraschung. Da sieht man – in einem Glaskasten, damit man auch herumgehen kann – das Bildnis einer brav betenden Nonne, die allerdings mit einem gewissen Lächeln zur Seite blickt. Bekommt man allerdings Gelegenheit, ihre Rückseite zu sehen – ja, das ist eine Rückseite! Da lüftet die Dame nämlich ihren nackten Hintern aus… Und das ganze Maria Theresianische Zeitalter spottet der Keuschheitskommission der Kaiserin (die ja ihre 16 Kinder auch nicht mit keuschen Leben bekommen hat). Ein kleiner erotischer Drüberstreuer, der angenehm klar macht, dass man die ganzen ernsthaften Herrschaften in ihren beengenden Prunkgewändern nicht so ernst nehmen sollen. Sie hatten ganz eindeutig auch anderes im Kopf – sonst bestellt man nicht solche Bilder…

Winterpalais, Himmelpfortgasse 8, 1010 Wien
Martin van Meytens d. J.
Eine Ausstellung des Belvederes
Bis 8. Februar 2015, täglich 10–18 Uhr

 

Diese Seite drucken