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WIEN/ Volkstheater: JOY 2022 – Festwochen mit Gruppensex: Zuerst brasilianisch, dann als Orgie für Voyeure 

12.06.2022 | Ballett/Tanz

Wiener Festwochen mit Gruppensex: Zuerst brasilianisch, dann als Orgie für Voyeure (6.6. & 11.6.)

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Foto: Wiener Festwochen/ Julia Buss

Hereinspaziert in das Sex-Department der Wiener Festwochen! Der Wiener Pride-Manie angepasst sind zwei nicht zu feinschmecklerisch zubereitete Erotik-Menüs serviert worden. Ein gutes Wort für LGBT spendete Choreograph Michiel Vandevelde mit „Joy 2022“, entwaffnende Sexbegierden auf brasilianisch wurden von Lia Rodrigues und deren geilen Schäfchen vorgeführt.

Von den auf der Rampe sitzenden Darstellern werden die Zuschauer im Volkstheater begrüßt. Freundlich angelacht. Doch dann geht es zur Sache. Von Beginn an ist schon klar: Diese neunzigminütige ‚Joy 2022‘-Entkleidungsrevue – eine Uraufführung der Wiener Festwochen in Kooperation mit den Münchner Kammerspielen – ist als ein Plädoyer für das Ausleben jeglicher Sinneslust gedacht. Als eine direkte Aufforderung zum körperlichen Ausleben. Vandevelde setzt nicht auf geistige Überhöhung, sondern führt seine hingebungsfreudigen Darsteller quer durch alle Spielarten. Voyeure werden bedient. Sequenzen wie ‚The Encounter‘, ‚Desire‘, ‚Selbstbefriedung‘ oder ‚Meat Joy‘ gehen ineinander über. Etwa ein nackter alter Faun tastet sich lustbetont ab. Oder eine schwer Behinderte wird umständlich umgarnt. Posen aus der Homo-Szene. Und schließlich wird Claude Debussys sphärischer „Nachmittag eines Fauns“–Traum eingeblendet und alle zusammen geben sich weniger zurückhaltend einer Orgie hin. Farbtöpfe werden dazu verschüttet …. sagt wohl aus: eine künstlerische Findung und Gestaltung auf eher niedrigem Niveau. 

Und wenn wir in Richtung Brasilien blicken – voll gelebte Sinneslust gehört dort ganz normal dazu. Choreographin Lia Rodrigues hat in ihrem „Encantado“ (= Verzaubert) für ihre Companhia de Danzas in Rio de Janeiro schon ein sehr gehöriges Ausleben an sexuellen Schaustellungen eingepackt. Als ein typisches Netzwerk-Produkt im Odeon: Es dauert nicht länger als 60 Minuten. Ein einziges Thema wird abgehandelt, und an die zwanzig Koproduzenten bzw. Geldgeber, vor allem in Frankreich, werden angeführt. Totale Ruhe herrscht zunächst in der erste halben Stunde. Total. Die buntesten Tücher werden geruhsam am Boden ausgebreitet – in extremem Schneckentempo kriechen die völlig nackten TänzerInnen nach und nach in den Raum – drapieren sich mit den grellen Textilien bedachtsam als drollige Tier- oder Phantasiegestalten. Bewirken sie während dieser Zeremonie Spannung oder doch eher  Langeweile? Dann aber geht es zu rhythmisch eindringlicher, sich stets wiederholender Folklore so richtig los. Der hilfsbedürftige entblößte Mensch lebt durch seine Maskierungen, Maskeraden auf, wird durch diese verzaubert. Im ausgelassenen Bacchantenzug ist alles erlaubt … Hetero, Homo, Sado und vor allem Ego. Hoppla, in einer richtig wilden Fetzenschlacht endet das urige Sexfest. Ja, und dann sitzen sie in einer Reihe vor dem Publikum und sehen durchaus befriedigt aus.  

Meinhard Rüdenauer

 

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