WIEN/ ImPulsTanz: Christos Papadopoulos mit „My Fierce Ignorant Step“ im Volkstheater
Die Eröffnungsvorstellung des diesjährigen ImPulsTanz-Festivals könnte wie ein Signal gelesen werden, den Tenor einer ganzen Reihe der insgesamt 56 heuer gezeigten Produktionen beschreibend. Aber schon einen Tag später zeugt Boris Charmatz von ganz anderem Umgang mit dem Zustand der Welt. Dennoch: Intendant Karl Regensburger und sein Team stemmen dem in den vergangen Jahren mit seinen Tentakeln in jeden geistig-emotionalen Winkel vordringenden Dystopismus eine habituelle Alternative entgegen. Der griechische Choreograf Christos Papadopoulos formuliert sie auf mitreißende Weise.

Christos Papadopoulos: „My Fierce Ignorant Step“ (c) Pinelopi Gerasimou
Jenseits der flachen, den Tanzboden schon, doch weder Blick noch Möglichkeiten begrenzenden Wände ist unverhängte Bühnentechnik sichtbar. Die zehn Tänzerinnen und Tänzer, verteilt im Raum stehend, beginnen mit minimalen synchronen Bewegungen zum noch lückenhaft hell knackenden Rhythmus. Sie tanzen sich rebellisch, angriffslustig, kämpferisch und mit unerschütterlichem Optimismus allmählich in einen Rausch.
Der 1981 in Athen geborene Komponist Kornilios Selamsis schuf eine zwischen zeitgenössischer und Orchestermusik angesiedelte, sich energetisch und in ihrer Komplexität stetig steigernde Komposition, deren Charakter so manch einen an Ravels „Bolero“ erinnerte. Perkussiv beginnend werden im Verlaufe dieser einstündigen Performance Klaviertöne, Bläser, elektronisch erzeugte Klänge und schließlich auch die Stimmen der zehn Tanzenden zu einem unablässig anschwellenden, rhythmisch packenden Klangereignis verschmolzen.
Der Tanz folgt dieser Energie, nimmt sie auf, verstärkt sie mit präzisen gestischen Reaktionen auf plötzliche akustische Ereignisse noch. Die vereinzelt Stehenden, die Kostüme unterstreichen ihre Individualität, beginnen zögerlich. Es ist wie das Freilegen lange unterdrückter Sehnsüchte, wie die Erinnerung an eine Jugend, die noch keine Grenzen kannte, deren (Über-) Mut noch neuen Räumen frisch entgegenstrebte, deren Kraft das Seiende scheinbar spielerisch überwand.

Christos Papadopoulos: „My Fierce Ignorant Step“ (c) Pinelopi Gerasimou
Und parallel formen die zehn Individuen eine immer fester zusammenwachsende Gemeinschaft, geprägt von gemeinsamen Werten und dem Respekt für jeden Einzelnen. Spontane Abweichungen von oder Ausbrüche aus der den Tanz dominierenden Synchronizität sind nur von sehr kurzer Dauer. Sofort streben die Experimentierfreudigen zurück in die Geborgenheit der Gruppe, deren Schutz und ihre potenzierte Kraft.
Es gibt keinen Anführer, niemanden, der andere dominiert. Folglich ist dieses Zusammenfinden ein freiwilliges, eines, dessen Regularien und Prinzipien gemeinschaftlich entwickelt werden. So wird aus dem anfangs verteilt, atomisiert auftretenden Ensemble aus sechs Frauen und vier Männern allmählich eine sich enger fügende Gruppe, die in Schleifen und Diagonalen den ihr zugewiesenen Raum durchmisst, mit sich steigernder Dynamik und sich wiederholenden Gesten und Sequenzen, deren Intensität sie allerdings successive erhöhen.
Gemeinsam. Niemand drängt in den Vordergrund, niemand scheint von Eitelkeiten getrieben zu sein, niemand benutzt die Gruppe zur Sanierung eigener psychisch-emotionaler Defizite. Der solcher Art präsentierte Reifegrad jedes Einzelnen wird zum Fundament einer Gemeinschaft, deren Kitt nicht die Bedürftigkeit ihrer Mitglieder ist, sondern die sich konstituiert aus autonomen und dennoch sozialen Wesen.

3Christos Papadopoulos: „My Fierce Ignorant Step“ (c) Pinelopi Gerasimou
Diese Arbeit stellt physisch, vor allem aber mental höchste Anforderungen an die Tänzerinnen und Tänzer. Vier Monate Probenzeit waren nötig, um die gewünschte Präzision dieser Gruppen-Choreografie auf die Bühne bringen zu können. Das gemeinsam mit allen zehn Tanzenden erarbeitete, Ende September 2025 ur- und hier in Österreich erst-aufgeführte Stück schafft einen alles vereinenden Resonanzraum für Tanz, Stimmen und Musik.
Die zehn Tänzerinnen und Tänzer verschmelzen zu einem kollektiven Körper, die reine Freude am Leben als dessen Seinsweise postulierend. Der Mut dieses Körpers, seine Kraft und sein Wille, sich nicht beugen oder brechen zu lassen, euphorisieren die Tanzenden und das Publikum gleicher Maßen. Ganz ungestört bleibt das Vergnügen jedoch nicht. Kurze Instabilitäten der inzwischen konsolidierten Synchronizität werden schnell wieder aufgefangen. In Richtung Finale brechen blitzartige Defekte in den tranceartigen, fast hymnischen Fluss von Musik und Tanz. Es sind all die Herausforderungen, Kriege und Krisen, Klimawandel, Globalisierungseffekte und politischen Verwerfungen, mit denen sich die Gesellschaften dieser Welt aktuell konfrontiert finden.
Die Gruppe aber widersteht mit Zusammenhalt.
Der 2025 mit dem renommierten „Rose International Dance Prize“ des Londoner Tanzhauses Sadler’s Wells geehrte Choreograf Christos Papadopoulos beschreibt in „My Fierce Ignorant Step“ einen Prozess. Den der Abkehr vom exzessiven Individualismus und die durch Selbstermächtigung und -Ermutigung sowie die Rück-Besinnung auf die Ursprünglichkeit furchtlosen, jugendlichen Strebens ermöglichte Hinwendung zu dem, was der Menschheit ihre Handlungsfähigkeit zurückgeben kann: Die Gemeinschaft. Und gleichzeitig appelliert es an die Völker der Welt, sich zur Lösung der vielen drängenden, ja existenziellen Fragen zusammenzuschließen.

4 Christos Papadopoulos: „My Fierce Ignorant Step“ (c) Pinelopi Gerasimou
Dass sich die Welt rasant verändert, erschwert die simple Transposition eines vor 25 Jahren empfundenen, hierfür erinnerten Optimismus. Die Anpassungsfähigkeit der zehn auf der Bühne jedoch rückt das Stück weit weg von jeder Naivität. Der Rausch von Kraft, Energie, Tanz, Musik und Rhythmus, gemeinschaftlich erzeugt und erlebt, wird zu einer mit dem begeisterten Publikum geteilten, bewegenden Utopie für eine Gesellschaft, die aktuell auf vielen Ebenen um ihr Überleben kämpft (respektive kämpfen sollte).
Christos Papadopoulos mit „My Fierce Ignorant Step“ am 09.07.2026 im Volkstheater Wien im Rahmen von ImPulsTanz.
Rando Hannemann

