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WIEN / Volkstheater: ICH GEHE

15.11.2013 | Theater

Maux Schwaiger Volkstheater 2

WIEN / Volkstheater, Schwarzer Salon: 
ICH GEHE. Ein szenischer Essay nach Texten von Brigitte Schwaiger
Premiere: 15. November 2013 

Brigitte Schwaiger wurde am 6. April 1949 im oberösterreichischen Freistadt geboren. Nach – wie sie selbst berichtete – einer extrem unglücklichen Kindheit und einer ebenso unglücklichen ersten Ehe in Spanien, wurde ihr erster Roman „Wie kommt das Salz ins Meer“ 1977, in dem sie sich ihre negativen Erfahrungen von der Seele schrieb, ein Bestseller. Dem Erfolgsdruck nicht gewachsen, stets eine „autobiographische“ Schreiberin, die nach ihrem Durchbruch nie wieder dasselbe Interesse der Öffentlichkeit fand, glitt sie in eine tödliche Spirale von Alkohol, Depressionen, Zwangsvorstellungen, Todessehnsucht. Am 26. Juli 2010 endete sie ihr Leben in der Donau.

Brigitte Schwaiger hat – eines ihrer wenigen Werke, in dem sie sich nicht mit sich selbst beschäftigte – 1982 das Buch „Die Galizianerin“ herausgebracht, in dem sie die Erinnerungen der Jüdin Eva Deutsch, die eigentlich Chawa Fränkel hieß, aufzeichnete – eine Holocaust-Überlebende der besonderen Art, eine Frau, deren Sprachduktus sie ebenso einfing wie ihre zutiefst jüdische Denkweise und ihre erstaunliche Kraft. Zwei Schicksale, die an sich wenig verbindet, die aber nun, durch die Person von Brigitte Schwaiger als „Ich“ und als Sprachrohr von Eva Deutsch, im Schwarzen Salon des Volkstheater (sprich: dem Dachboden des Hauses) unter dem Titel „Ich gehe.“ zusammen geschmiedet werden.

Veronika Barnaš verantwortet Text, Raum, Inszenierung. Der Text ist stark, vielleicht zu Schwaiger-lastig, denn oft erscheint Eva Deutsch allein durch ihre Vitalität wie die interessantere Persönlichkeit. Auch wird das Besondere ihres Überlebens – dass sie kühn den Judenstern abnahm und sich als Arierin ausgab, was ihr jüdisches Bewusstsein schwer belastete – nicht klar genug ausgesprochen und thematisiert. Da hätte man gerne mehr gehört. Hingegen erlebt man die Abgründe der Brigitte Schwaiger an diesem Eineinhalbstunden-Abend in aller Ausführlichkeit. Ein bedauernswertes, missbrauchtes Kind, dessen Sensibilität so groß war, dass ihre Intelligenz sie nicht davor bewahre, an ihrer Umwelt zugrunde zu gehen. Mit erbitterter Menschenkenntnis schildert sie beispielsweise die Demütigungen, die Nervenkranke über sich ergehen lassen müssen (sie war eine hochbegabte Schilderin). Es sind Texte, die regelrecht schmerzen.

Die Raumlösung, die Veronika Barnaš am Dach gefunden hat, ist so phantasievoll wie aufwendig, indem sie die Schwaiger nach und nach in einer Unmasse von Papier (das auf seidenen Schnüren quasi blattweise hochgezogen wird) untergehen lässt. Dass sie meinte, ihre außerordentliche Hauptdarstellerin nach mit zahlreichen Projektionen „anreichern“ zu müssen, ist hingegen eine eindeutige Fehlentscheidung: Damit stört sie nur die Konzentration des Publikums.

Maux Schwaiger Volkstheater sie am Schreibtisch  Maux Schwaiger Volkstheater Blaetterwald

Es ist der Abend der Inge Maux, die am Volkstheater so oft als Komödiantin brillieren durfte und sich hier als hochkonzentrierte „Tragödin“ ohne große Gesten präsentiert. An einem Schreibtisch sitzend, ist sie einmal die ihr Leben und Denken zerbröselnde Brigitte Schwaiger, dann wieder unverkennbar (auch in dem perfekten Jüdeln) die sachliche Eva Deutsch, die Unfassliches erlebt hat – und überleben wollte. Keine der Figuren lässt in der Interpretation von Inge Maux auch nur das leiseste Quentchen von Jammern oder Selbstmitleid hochkommen. Gerade die leicht verbitterte Selbstverständlichkeit, mit der sie von sich erzählen, macht diese beiden Leben so hart, für den Zuschauer manchmal an der Grenze der Unerträglichkeit. Aber es sind echte Menschenschicksale, und das Theater ist natürlich der ideale Ort, sie zu vermitteln. Zumal so, mit einer so außerordentlichen Interpretin.

Renate Wagner

 

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