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WIEN / Volkstheater: ENDSPIEL

02.06.2021 | Theater

endspiel 4 xxx

WIEN / Volkstheater:
ENDSPIEL von Samuel Beckett
Wiener Premiere der Produktion aus Dortmund:
2. Juni 2021

Vor kurzem erst hätte man im Akademietheater gerne einen Regisseur in den Orkus geschickt, der Oscar Wilde und das Publikum mit dauernden sinnlosen Wiederholungen quälte. Doch er ist gegen Kay Voges und seine Wiederholungs-Manie (von der man auch schon betreffs seiner „Theatermacher“-Inszenierung gehört hat) geradezu unbedeutend. Becketts „Endspiel“ im Volkstheater hat noch gar nicht begonnen, da rufen die Herren auf der Bühne einander in Endlosschleife zu: „Ich werde dich verlassen!“ „Du kannst mich nicht verlassen.“ „Dann werde ich dich nicht verlassen.“ Und dies zu so starken Brummgeräuschen, dass die Darsteller brüllen müssen und das Publikum sich nur fragen kann, wann das eigene Kopfweh einsetzt. Zumal, wenn das Stück dann losgeht, diese Passage immer und immer wiederkehrt, bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit eingeschoben.

Mit der originalen Dramaturgie des Stücks hat sich Kay Voges nicht wirklich aufgehalten. Er bringt diese und jene Sequenz des Textes. Es wird sowohl die Tatsache ignoriert, dass Becketts „Endspiel“ in einer zerstörten Welt spielt (keine Ahnung davon), wie auch der gnadenlose Machtkampf, der sich zwischen Hamm und Clov abspielt…

Als man das „Endspiel“ zuletzt in Wien gesehen hat, in einer starken Dieter-Dorn-Inszenierung im Akademietheater, waren Nicholas Ofczarek ein abscheulich sadistischer Hamm und Michael Maertens ein sich tückisch durchlavierender Clov – Psychoterror vom Feinsten. Hamms Eltern vegetierten da auch noch, wie vorgesehen, in Mülltonnen, während sie im Volkstheater ganz verschwunden sind. Immerhin kommt der Regisseur solcherart mit 100 Minuten Spielzeit durch – das kann man aushalten, obwohl seine Licht- und Tonspiele (mit dazu gedichteten Gewehrsalven) enervieren. Dass sie sich immer wiederholen, kann Voges allerdings, wenn er so will, aus der Struktur des Stücks erklären: Schließlich ist dem Geschehen immanent, dass es zu nichts führt.

Ganz zweifellos geht es in Becketts Stück aber um die Erkenntnis, dass auch die „letzten Menschen“ sich nicht friedlich zusammen schließen werden, sondern ihre Herr / Diener-Konstellationen gnaden- und endlos weiter spielen. Hamm mag blind sein, in den Rollstuhl gefesselt, aber er hat den Zugang zur Nahrung. Clov mag sich bewegen können, immer wieder die Türe suchen, aber die Befreiung wäre (nahrungslos) sein Untergang. Eine teuflische Situation, die im Volkstheater in einem schwarz-weißen Bühnenbild, das wie gezeichnet wirkt (Michael Sieberock-Serafimowitsch), fast ironische Heiterkeit ausstrahlt, zumal man es (Kostüm Mona Ulrich) quasi mit Clowns zu tun hat.

uwe schmiederfrank genser

Foto: Volkstheater

Die tun einander nun nicht wirklich etwas Böses, sondern plaudern hin und her, ohne dass die existenzielle Verzweiflung der „End“-Situation klar würde. Nur dass Clov eben immer wieder, bei verschiedener Beleuchtung und erschreckenden Geräuschen auf seinen Lärm-erzeugenden Schuhsohlen herumhetzen muss, um nirgendwo zu landen, Auch wenn es nervt, hat es doch Symbolkraft. Ersetzt es die vielen (berühmten) Themen des Stücks, die bei Voges in seiner Fassung, die schon recht willkürlich ist, gar nicht vorkommen?

Der Abend lebt weniger von der Inszenierung selbst, als davon, was die beiden Darsteller daraus machen, deren Konzentrations- und Gedächtnisleistung schlechtweg bewundernswert ist und die ihre Rituale mit starker menschlicher Präsenz ausführen. Der junge, zappelige Clov des Frank Genser und der alte, erstaunlich lebhafte Hamm des Uwe Schmieder agieren auf einer hohen Ebene und außerdem auf jener eines extrem geforderten darstellerischen Handwerks.

Das Publikum applaudierte – wohl auch in Bewunderung für die Leistungen der überbeanspruchten Darsteller – lang und echt und bezog auch den Direktor / Regisseur Voges in den Beifall ein. Er könnte hoffen, sich ein Publikum für das Haus und für seine Art von Theater erobert zu haben. Fest scheint allerdings zu stehen, dass ihm Form entschieden vor Inhalt geht. Und das ist auf die Dauer sicher nicht gut.

Renate Wagner

 

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