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WIEN / Volkstheater: DIE SIEBEN TODSÜNDEN

10.10.2014 | Theater

VT 7 Todsünden Brecht Weill x
Alle Fotos: © Christoph Sebastian

WIEN / Volkstheater: 
DIE SIEBEN TODSÜNDEN von Bert Brecht / Kurt Weill
Premiere: 10. Oktober 2014 

Erst am Tag der Premiere wurde bekannt, dass Maria Bill sich an diesem Abend vom Volkstheater verabschiedet, dem Haus, an dem sie in den letzten zehn Jahren so viele unvergessliche Glanzleistungen geliefert hat. Sie geht gemeinsam mit ihrem (Ex-)Gatten Michael Schottenberg und will sich vermutlich gar nicht der möglichen Demütigung aussetzen, von der künftigen Direktorin Anna Badora (die anscheinend vor hat, das gesamte Schottenberg-Ensemble gehen zu lassen) gar nicht gefragt oder eingeladen zu werden. Das hat „die Bill“, der sich gewiß in Zukunft andere Häuser und Orte begeistert öffnen werden, nicht nötig…

Es war ein großer, ganz auf sie zugeschnittener Abend, den Michael Schottenberg als Regisseur Maria Bill gewidmet hat, und ihr zuliebe ließ man sich als Publikum auch auf die alte Brecht / Weill-Geschichte der „Sieben Todsünden“ noch einmal ein, die nicht unbedingt ein Meisterwerk sind (schon gar nicht in der so reduzierten Fassung, die Schottenberg auf die Bühne bringt).

Wobei man, damit der Abend zumindest eineinviertel Stunden Spielzeit erreicht (es gibt kein „nach der Pause“, denn ist es noch vor 21 Uhr „aus“), dem Hauptwerk auch noch neun Weill-Songs und –Lieder vorangestellt hat. Da singt die Bill in einem 35minütigen Durchlauf (faktisch wie ohne Luft zu holen) vier bekannte Nummern aus der „Dreigroschenoper“ und fünf weitere aus anderen Weill-Werken, ob Solo-Nummer, ob aus einem seiner in den USA entstandenen Musicals zu den Texten von Roger Fernay, Maurice Magre oder Ogden Nash.

Sie singt nicht nur Französisch perfekt und Englisch sehr gut, sie hat vor allem die wunderbare „Chanson“-Stimme, die nicht im opernhaften Sinn „schön“, aber ungemein faszinierend, facettiert und ausdrucksstark ist und in so vielen Farben schimmert.

Diese halbe Stunde lässt den Zuschauer/Zuhörer wie in einen Sog geraten, man hätte nichts dagegen, wenn die Bill einfach endlos weitersänge… Aber nahtlos fügen sich die „Sieben Todsünden“ daran – das heißt, eine durchaus reduzierte Form der Geschichte, denn der Abend ist von Schottenberg einfach als „One Woman Show“ für die Bill gestaltet, mit nur den allernötigsten Beigaben. Dafür wurde gestrichen, was nur möglich war…

VT 7 Todsünden Bill Diseuse  VT 7 Todsünden Bill im Koffer x

„Die sieben Todsünden“, eine Dreiviertelstunde mit 9 Kurzszenen (zu den Sünden kommen noch Prolog und Epilog), im Krach zwischen Brecht/Weill entstanden, 1933 in Paris uraufgeführt, schicken zwei Schwestern in den dreißiger Jahren durch die großen Städte der USA (sowohl die großen Städte wie auch die USA waren ein Brecht-Faszinosum, bevor er sie wirklich kennen lernte).

Hier stockt man schon – was einst die Sängerin Lotte Lenya und die Tänzerin Tilly Losch verkörpert haben, nämlich die Schwestern Anna I und Anna II, gibt es hier nicht. Die Bill reicht für zwei, ist offenbar Schottenbergs Meinung, sie singt und spielt und tänzelt auch gelegentlich, keine Notwendigkeit für mehr, kein tanzendes Alter Ego.

An sich geschieht in den Szenen der Todsünden einiges Konkrete, und es gibt auch noch andere Protagonisten. Schottenberg hat nur das nötige Quartett der Familie belassen, vier Herren (wie vorgesehen), die vorzüglich singen, gelegentlich (aber selten) wie Marionetten herumstaksen, aber eigentlich bloß nicht stören sollen.

Zwischen dem Klavier links, dem Orchester im Hintergrund, dem Quartett rechts steht in der Mitte die Bill – und macht alles alleine. Hat sie ihre Songs zu Beginn noch mit der Attitüde der großen Diseuse gesungen, schwarzes Abendkleid mit weißer Federboa, die Haare streng zurückgekämmt, so verwandelt sie sich als Anna/Anna (ohne je die Bühne zu verlassen) in ein hilfloses kleines Mädchen im kurzen Kleidchen, das als Requisit einzig einen Koffer bekommt, aus dem sie allerlei hervorholt oder den sie sich bei Bedarf auch „überzieht“…

VT 7 Todsünden Bill sitzt im Koffer x

Diese Sparflammen-Inszenierung (es scheint Schottenbergs Ehrgeiz, in seiner letzten Spielzeit so wenig Geld auszugeben wie möglich) funktioniert nur durch den Einsatz der Bill, die gar nicht die Idee aufkommen lässt, dass man etwas vom Original vermisst, so sehr ist sie singend, spielend, dauernd etwas an sich verändernd präsent. Es ist ihr Abend, und so ist er auch gemeint.

Das Einzige, was hätte teuer kommen können, ist ein komplettes Orchester, für das Weill geschrieben hat – nun, hier ist man eine Kooperation mit dem Theater an der Wien eingegangen, das Orchester der Vereinigten Bühnen Wien spielt unter der Leitung von Milan Turković, am Klavier war Michael Hornek ein rhythmisch geradezu vorzüglicher Song-Begleiter. Ein Bühnenbild gibt es nicht, aber das Kostüm, das der Bill so viele Möglichkeiten gibt, stammt von Erika Navas.

Es war im schäbigen Rahmen dieser „Todsünden“ – der üblichen Brecht’schen Kapitalismus-Kritik, die hier nicht wirklich zum Tragen kommt – dennoch ein Gala-Abend. Abschied von der  Bill. Leidtragend ist das Volkstheater. Dem Publikum wird sie, davon ist man überzeugt, in irgendeiner Form erhalten bleiben. Die Ovationen entsprachen der Leistung: stark.

Renate Wagner

 

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