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WIEN / Volkstheater-Bezirke: MR. & MRS. NOBEL

03.12.2012 | Theater

  

WIEN / Volkstheater in den Bezirken:
MR. & MRS. NOBEL von Esther Vilar
Uraufführung
Premiere: 28. November 2012,
besucht wurde die Vorstellung am 3. Dezember 2012

Die Zeit vergeht, vor vier Jahrzehnten (Anfang der siebziger Jahre) war die aus Argentinien gebürtige Esther Vilar ein Medienstar, nicht nur, weil sie Alice Schwarzer (auch diese damals ein Medienstar…) antifeministisch Paroli bot. Die Vilar schrieb in den folgenden Jahren und Jahrzehnten eine Menge mittelmäßig guter, aber doch viel gespielter Theaterstücke – und verschwand dann aus dem Aufmerksamkeitshorizont. Heute muss sie froh sein, wenn ein Haus wie das Volkstheater in Wien in seiner Nebendependance, den Spielorten in den Bezirken, ein Stück von ihr zur Uraufführung bringt. Sic transit gloria mundi.

Die Vilar ist handzahm geworden. Wer hätte je gedacht, von ihr ein braves Biopic-Kostümstück zu sehen? Es handelt zwar von Bertha von Suttner, Österreichs immer repräsentativer Trägerin des Friedens-Nobelpreises (wenngleich deren Roman „Die Waffen nieder“ kaum jemand gelesen hat) – einst, als Österreich noch den Schilling hatte, zierte diese Dame immerhin den Tausendschillingschein, höher ging es nicht. Brigitte Hamann hat der Suttner eine Biographie gewidmet – und die Vilar kommt nun mit einer These, die natürlich niemanden aufregt: Sie spekuliert, die Suttner und Alfred Nobel seien ein heimliches Liebespaar gewesen. Gut möglich. Aber, wenn ja – na und?

Dann wäre die Suttner dafür zuständig, dass es die Nobelpreise gibt, meint Esther Vilar und baut auch darauf ihr Stück auf. Zeigt die alte Dame, als sie 1906 ihre Rede zur Entgegennahme des Preises in einem Hotelzimmer in Oslo „übt“. Geht dabei in ihre eigene Vergangenheit – und gibt die „heimliche“ Liebesgeschichte preis. Viel mehr ist dazu nicht zu sagen, und das lässt sich in eindreiviertel Stunden kurz und bündig abhandeln. Gibt ein wenig zu denken und gefällt dem Publikum sehr. Das ist immerhin ein Ergebnis.

Der Abend, den Regisseurin Doris Weiner in dem Plüsch-Bühnenbild von Hans Kudlich (geschmackvolle Kostüme des 19. Jahrhunderts: Erika Navas) zwar nicht übermäßig spannend, aber überzeugend durchzieht, befreit die exzellente Elfriede Schüsseleder von ihrem ewigen Schicksal, in der Josefstadt auf Nebenrollen warten zu müssen. Sie hat die Präsenz der großen Dame, die in Österreich eine Schulbuch-Ikone ist, und füllt sie mit Erleben und Gefühl von einst. Laut Vilar hat die Suttner sehr bedauert, den armen Baron Suttner anstelle des unendlich reichen Alfred Nobel gewählt zu haben, aber das ist natürlich pure Spekulation. Die alte Bertha als Erzählerin ihres Schicksals, die ihr eigenes jüngeres Ich kommentiert und auch kritisiert, ist jedenfalls jenes höchst lebendige Zentrum, um das sich alles dreht.

Aber auch Alexander Lhotzky liefert (bei nicht ganz lupenrein aufgeklebter Perücke) als Nobel eine noble Leistung, wenn die Figur von der Autorin her auch etwas flach bleibt: Dass einer Milliardär wird, weil er damals mit dem Dynamit ein Massenvernichtungsmittel gefunden hat, hätte man etwas nachdrücklicher diskutieren können –  Lhotzky darf nicht mehr als Berthas eleganten Anbeter und später Liebhaber sein. Immerhin, und das ist die These des Stücks: Sie hat ihm angeblich den Nobelpreis eingeredet, um sein „Blutgeld“ reinzuwaschen… Hätte ja sein können.

Sympathisch, lebendig, intelligent gibt Nina Horváth die junge Bertha, eine wahre Bombe an Dummheit lässt Irene Pernsteiner als Nobels Geliebte Sophie los, wenig Raum ist Michael Schusser als Berthas Gatten gegeben, Christoph Fath hat als Diener eine „Die Pferde sind gesattelt“-Rolle.

So schlicht und brav, wie das alles verläuft, fragt man sich, wo der einstige Biss der Autorin geblieben ist. Allerdings schadet es nicht, an die Suttner zu erinnern – diese Frau hat einen aufrechten Kampf um den Frieden geführt, wenn auch, wie wir wissen, einen ganz und gar nicht erfolgreichen. Das Stück über sie war beim Publikum erfolgreicher als die Friedensappelle bei den Politikern…

Renate Wagner

 

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