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WIEN / Volkstheater-Bezirke: DIE RADIOFAMILIE

22.03.2013 | Theater

WIEN / Volkstheater in den Bezirken: 
DIE RADIOFAMILIE von Ingeborg Bachmann
Bühnenfassung: Andy Hallwaxx
Premiere: 6. März 2013
Besucht wurde die Vorstellung am 21. März 2013 

Auch eine später sehr ambitionierte und noch später sehr berühmte Autorin musste sich in ihrer Jugend ihre Brötchen verdienen, wo sie sie fand. Ingeborg Bachmann tat es zu Beginn der fünfziger Jahre beim Sender Rot-Weiß-Rot, und angeblich hat sie auch an der „Radiofamilie“ mitgeschrieben. Bevor die „Leitners“ dann ins Fernsehen kamen, gab es die „Floriani“ aus dem Radioapparat – und man kann sie heute kaum noch als „Unterhaltung“ oder gar „Nostalgie“ nehmen (so kostbar sind sie nicht), höchstens als Stück Zeitgeschichte. Im „Gedenkjahr“ des Anschlusses sieht man hier, wie die Österreicher überlebt und sich wieder angepasst haben, wie es jedes kluge Volk tut, das mehr oder minder unbeschädigt durch die Wirren der Zeit kommen will…

Viel passiert ja nicht im Alltag der Floriani, die kreuzbraven Eltern, die scheinbar „schlimmen“ Kinder (was in den fünfziger Jahren schon schlimm war!), und als Salz in der faden Familiensuppe der Onkel Guido. Der muss beschönigen, einmal ein Nazi gewesen zu sein, und schwelgt wie viele seiner Landsleute in Habsburger-Nostalgie – solcherart wehte sogar ein Hauch von politischem Bewusstsein der Zeit durch die Serie. Sonst? Der Traum vom Italien-Urlaub (ja, wenn der Papa Oberlandesgerichtsrat sich hätte bestechen lassen) oder ein Theaterbesuch, damals noch aufregender als heute…

Andy Hallwaxx ist ja für die Bezirkstourneen des Volkstheaters alljährlich für ein Stück „musikalischer Unterhaltung“ zuständig. Er hat also was er vorfand solcherart aufgemotzt, was die Floriani dazu bringt, sich alle paar Minuten aufzustellen und in einen Schlager von einst auszubrechen (manche mögen zeitlich etwas später liegen als die fünfziger Jahre, aber sei’s drum): Vom „Kriminaltango“ bis zu den „Süßesten Früchten“, die nur die großen Tiere fressen, hat man noch einiges im Ohr, wenn man die entsprechenden Jahre auf dem Buckel hat…

Und immerhin ist Herbert Prikopa (aus irgendwelchen Versenkungen geholt) nicht nur ein Oberlandesgerichtsrat, dem man das gewissermaßen noch „altösterreichische“ Beamtentum glaubt, sondern er setzt sich auch ans Klavier und spielt vorzüglich. Und Doris Weiner gibt ein so tolles Muttchen, dass man geradezu darauf wartet, wie sie in der nächsten Saison von Hallwaxx’ Gnaden die Doris Day sein wird – ihren Song über die Reise nach Venedig, die Wiener Kleinbürgermentalität in Essenz verbreitend, macht sie zu einem persönlichen Höhepunkt des Abends.

Tania Golden als Tochter ist sozusagen eine Bombe und eine Wucht, wenn man sie lässt, allzu viel ist in der Rolle nicht drin, auch beim Söhnchen von Wolf Dähne nicht. Dafür darf Günter Tolar als „Onkel Guido“ sich so sehr austoben, dass er einem auf die Nerven geht. Aber das ist vielleicht die Funktion der Figur…

Dramaturgisch lässt Andy Hallwaxx auf der Bühne von Hans Kudlich (Rundfunkstudio und Küche in einem) anfangs die Situation der Radiosendung imaginieren, die Darsteller sind Schauspieler, die ihre Texte ablesen und selbst für die Geräuschkulisse sorgen, nur nach und nach gleiten sie als scheinbar „echt“ in ihre Rollen. Aber es macht wenig Unterschied: So richtig nostalgische Begeisterung über unsere austriakische Nachkriegsvergangenheit stellt sich nicht ein… Da musste man eben einfach durch.

Renate Wagner

 

 

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