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WIEN / Volkstheater: ANNA KARENINA

01.12.2012 | Theater

WIEN / Volkstheater:
ANNA KARENINA
Theaterfassung von Armin Petras nach dem gleichnamigen Roman von Leo Tolstoj
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 23. November 2012, besucht wurde die Vorstellung am 1. Dezember 2012 

Wirklich erklären kann man das flächendeckende Interesse an Anna Karenina nicht. Gut, der voluminöse Roman von Leo Tolstoj, 1877 veröffentlicht, erzählt von einer der drei großen Ehebrecherinnen der Weltliteratur (die anderen sind Fontanes Effi Briest und Flauberts Madame Bovary), und große Liebe ist immer ein großes Thema. Zumal die Verfilmungen mit der Garbo und der schönen Vivien Leigh haben enorm dazu beigetragen, das Bewusstsein des Romans (an sich sollte man ihn lesen, er ist ein singuläres Meisterwerk) zu „romantisieren“ – tragische Gefühle im zaristischen Russland, in den besten Kreisen spielend, da ist die Opulenz vorgegeben.

Sieht man genauer hin, dann hatte Tolstoj, der ein genaues Gesellschaftsporträt des Adels seiner Zeit mitliefert, für seine Heldin gar nicht so viel übrig. Nein, die große Revolutionärin, die für Liebe und Freiheit gegen die Gesellschaft anrennt, ist sie wahrlich nicht. Weit mehr als die große Liebende kommt die unentschlossene Hysterikerin zum Vorschein, die sich aus den Armen eines trockenen Gatten in die eines sinnlichen Liebhabers wirft, sich zu konsequentem Handeln aber nicht wirklich entscheiden kann – und schon von ihrem Autor (nicht nur von ihrer Mitwelt im Roman) dafür bestraft wird. Zu Tolstojs Meisterleistungen zählt die parallele Schilderung der Gefühle von Anna Karenina und ihres Geliebten Graf Wronski – und die Erkenntnis, dass dieser der ganzen großen Liebe und der zerstörerischen Gefühle längst müde ist, während sich Anna immer verzweifelter und hektischer daran klammert…

Ein Buch wie dieses zu dramatisieren – es ist ein Ding der Unmöglichkeit, und dennoch wird es immer wieder unternommen. Letzten Sommer im Reichenau, nun im Volkstheater in der Fassung von Armin Petras, der absolut nicht versucht hat, wirklich ein aus Szenen und Dialogen bestehendes, zusammenhängendes „Stück“ daraus zu machen. Im Bewusstsein, dass Tolstojs Schilderungen der Psychologie, vom Innenleben der einzelnen Figuren, des Romans größte Leistung ist, belässt er diese „erzählende“ Form, indem die Gestalten immer in Richtung Publikum wieder von sich berichten. Dieser Brecht’sche Verfremdungseffekt zieht höchste Stilisierung nach sich, und darauf, nur darauf hat sich Regisseur Stephan Müller eingelassen.

Das Bühnenbild von Hyun Chu ist einfach nur Bühne – und das in tiefem Blutrot. Man braucht keine Versatzstücke, nur die Darsteller in bewusst unauffälligen und damit angedeutet zeitlosen Kostümen (Birgit Hutter). Keinerlei „Atmosphäre“, und da fehlt dann doch einiges – und sei es nur die Eisenbahn, die an sich ziemlich am Anfang und am Ende des Werks steht. Anna Karenina, die anfangs mit der Bahn ankommt – und die sich am Ende vor den Zug wirft, weil ihr Autor sie an einen Punkt getrieben hat, wo es nicht mehr weitergehen kann. Nein, keine Eisenbahn, und zu Beginn auch (eher unpassend) Lewin und Kitty, das zweite Paar (obwohl die Geschichte an sich mit Annas Bruder beginnt). Die Dramaturgie der Bearbeitung ist etwas seltsam, aber bei einem solchen Riesenwerk ist gewissermaßen alles erlaubt – die Bearbeiter sind ja frei, mit rechtlosen, weil lange verstorbenen Autoren umzugehen, wie sie wollen.

Was sich in diesem blutroten Ambiente abspielt, ist kunstvoll stilisiertes Theater, das nicht aus den Figuren heraus, sondern durch deren Ausstellen Elemente des Romans demonstriert. Die Analyse treibt das Geschehen von einem normalen Theaterpublikum, das mit seinen Helden auf der Bühne „mitleben“ will, natürlich weg. Aber heutzutage schmückt sich ein Regisseur natürlich mit einer solchen Interpretation, und immerhin gelingen Stephan Müller und seinen Darstellern immer wieder starke Szenen – dort, wo die Manier nicht einförmig wird.

 

Martina Stilp, seit voriger Spielzeit neu am Haus, immer gut eingesetzt und doch bisher noch nie wirklich im Zentrum eines Abends stehend, hat mit der Anna Karenina eine Rolle gefunden, die sich das Volkstheaterpublikum merken wird. Sie ist nicht filmstarartig schön, aber sehr attraktiv, und sie hat vor allem die Kraft für die Emotionen dieser von Tolstoj so schwankend gezeichneten Frau, die es in ihren Handlungen durchaus an Konsequenz missen lässt. Auch das macht sie verständlich, und das ist gar nicht so einfach.

Sie steht zwischen zwei Männern: Roman Schmelzer (der als Riese vom Steinfeld auf Stelzen seinen Eintritt ins Haus gefeiert hat) als Wronski, dem es ein wenig an der leidenschaftlichen Ausstrahlung fehlt, der aber sehr überzeugend wird, wenn er sich (durchaus leicht belästigt) aus dem Gefühlswahn zurückzieht. Durchwegs glänzend ist Michael Wenninger als Karenin, der seine Ehe vor allem seiner Karriere wegen aufrecht erhalten möchte.

Wer den Roman liebt, wird die Reduktion des Lewin auf eine verliebte Kasperlfigur eher schmerzhaft empfinden, aber Till Firit spielt das wenige, das von dem tragisch ernsthaften jungen Mann mit den unsicheren Gefühlen bleibt, bezaubernd, und Hanna Binder ist, leicht lispelnd, ein liebliches und lustiges Objekt der Begierde. Da machen Bearbeiter und Regisseur es sich leicht. In den Hintergrund gedrängt ist das für das allgemeine Gefüge so wichtige Paar Stefan und Dascha (Patrick O. Beck und Susa Meyer, an den seltenen Stellen präsent, wo sie es sein dürfen), aber es wird ja ohnedies niemand glauben, dass er jetzt „Anna Karenina“ kennt. Die Lektüre sei dringend anbefohlen. Sie ist zwar nicht in zweieinhalb Stunden zu bewältigen, wie dieser Theaterabend, bringt aber entschieden mehr.

Renate Wagner

 

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