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WIEN/ Volksoper/ Staatsballett: „EIN DEUTSCHES REQUIEM – Brahms romantischer Atem vs. feine Tanzartistik

30.09.2021 | Ballett/Tanz

Wiener Staatsballett in der Volksoper:

„Ein Deutsches Requiem“ – Brahms´ romantischer Atem vs. feine Tanzartistik (30.9.2021)

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Damenensemble. Foto: Ashley Taylor/Wiener Staatsballett

Ein ganz schöner Kraftakt, solch ein gewichtiges Chorwerk wie Johannes Brahms´ „Ein Deutsches Requiem“ als tönenden Raster für eine weit ausladende einstündige Choreographie auszuwählen. Als Ballettchef der Deutschen Oper am Rhein hatte Martin Schläpfer dies 2011 gewagt und damit einen schönen Erfolg erringen können. Jetzt, nach seiner Übersiedlung mit seinem Team vom Rhein an die Donau, hat er seine choreographische Deutung dieses Oratoriums, eine seelenvolle doch keine dramatische Komposition, mit dem Wiener Staatsballett in der Volksoper einstudiert. Mit viel Beifall für das Ensemble ist diese Tanzschöpfung mit ihrem Massenaufgebot an Choristen und Tänzern am Premierenabend angenommen worden. Gleichsam als eine virtuose Bühnenschau: Brahms´ romantischer Atem versus tolle Tanzartistik. 

Des Lockdowns wegen konnte sich Schläpfer in seiner ersten Saison 2020/21 als Ballettchef in Wien noch nicht so richtig profilieren, ist er weiterhin ein Unbekannter geblieben. Nun, nach seinen beiden in der Staatsoper bereits zwei anderen erarbeiteten ausgedehnten Ballettkreationen – auf Gustav Mahlers Symphonie Nr. 4 und Dmitri Schostakowitschs ‘Fünfzehnte‘ – gibt sich sein Konstruktionssystem klar erkennbar. Jedenfalls die künstlerische Machart in diesen letzten zehn Jahren des Schweizer Choreographen in seiner bereits sehr reifen Schaffenszeit.

Hier, in diesem „Ein Deutsches Requiem“ finden sich zwei Parallelen, die wohl die gleichen Ansätze haben, doch nur gelegentlich auf gleicher Ebene laufen und nicht allzu oft auch übereinstimmen. Brahms lässt in seiner Partitur den Chor als Hauptperson pausenlos über das Orchester dominieren. Zwar als Requiem bezeichnet, ist das Werk keine katholische Sakralmusik, sondern der noch junge Brahms hat in Wien die verschiedensten Texte aus Altem und Neuem Testament sehr frei zusammengefügt – als gebürtiger evangelischer Hamburger der Luther-Bibel folgend. Der Chor der Volksoper ist nun über dem Orchestergraben und in den Logen platziert. Das klingt im großen Raum wohlig und gut, das Orchester unter Christoph Altstaedt steuert die sich einprägenden Harmonien als seriöse Begleitung bei. Auch die beiden Gesangssolisten Athanasia Zöhrer und Alexandre Beuchat vermögen in ihren knappen Soli anzusprechen. Allerdings, so von der Partitur wohl vorgegeben: Die gesungenen Worte der sieben Sätze des Requiems wie etwa „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt“ oder „Wie lieblich sind Deine Wohnungen“ bleiben doch ziemlich unverständlich – Brahms´ wunderbare Klangbilder ersetzen eine spannungsgeladene Handlung.  

Ebene zwei, auf der auch hier von ihm dunkel und leer gehaltenen Bühne: Schläpfer geht seinen Weg, setzt seine kraftvollen Markenzeichen gekonnt in aller Fülle ein. Genau so, wie er es bereits auch in  seinen beiden anderen Wiener Tanzstücken vorgeführt hat. Die Tänzer, Tänzerinnen stürmen in größeren Gruppen oder zu zweit, zu dritt auf die Bühne, sehr, sehr dynamisch, vollführen artistische Kunststückerln oder wiegen sich in ekstatischem Gleichklang, treten hierauf meist bald im Laufschritt oder gelassen ruhig wieder ab. Und die nächsten Episoden folgen zwar mit verschiedenen Varianten, doch auf ähnliche Art. Da gibt es einiges an virtuos aufbereiteter Akrobatik zu sehen: Tänzerinnen werden wie Puppen in die Höhe gehoben und gehalten, verschrobene hohe Sprünge, abrupte Drehungen, eine wirkungsvolle Ornamentierung in den Gruppenbildungen, eine lang auf dem Boden kauernde Schar, zeitgeistige Tanzgestik, eingefügte groteske Schritte. Schläpfer beherrscht diese Mechanismen seines Handwerks. Starke dramatische Momente müssen aber noch keine dramatisch packende Erzählung ergeben, und die seelenvolle Aussage dieser romantischen Musik scheint auf körperliche Dynamik umgelenkt zu sein. 

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Ketevan Papava, Markus Menha. Foto: Ashley Taylor/ Wiener Staatsballett

Schläpfer führt die so zahlreich aufgebotenen TänzerInnen als gleichsam anonyme Masse (eine an diesem Abend immer barfuß tanzende), erlaubt den exzellenten Solisten, gerade noch erkennbaren wie etwa Ketevan Papava oder Davide Dato, eindringliche kleine Auftritte. Solche Tanzgymnastik verfehlt nicht ihre Wirkung und die Körperbeherrschung aller auf der Bühne imponiert. Die Choreographie erweist dieser Edelromantik ihre Reverenz, springt mutig auf deren Größe auf …. Brahms´ Seelenlandschaft driftet aber in andere Höhen. Interessant wird sein, welche künstlerische Weiterentwicklung Martin Schläpfer in dieser Saison mit den Tänzern in Wien vollziehen kann. Nach seinen drei bis jetzt gar so ähnlich gearbeiteten Tanzstücken auf klassische Konzertmusik folgt seine Deutung von Joseph Haydns „Die Jahreszeiten“ im Frühjahr. Angekündigt wird: Ein Gang durchs Jahr als Metapher des Lebens.

Meinhard Rüdenauer 

 

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