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WIEN/ Volksoper: ROXY UND IHR WUNDERTEAM – mit Roxy retour in andere Zeiten. Premiere

12.09.2021 | Operette/Musical

Wiener Volksoper:“Roxy und ihr Wunderteam“ – mit Roxy retour in andere Zeiten (11.9.2021)

Ein Wunderteam? Nun ja, wohl keines. Doch ein gut gelauntes Show-Team kümmert sich mit Spielfreude und unermüdlichem Elan um „Roxy und ihr Wunderteam“. Die Wiener Volksoper wirbt mit einer ‚Fußballer-Operette‘ für ihren Start in die neue Saison. Um diese Roxy-Show frisch und originell zu finden, wird man sich schon so an die 80, 90 Jahre zurückversetzen müssen. Gelingt dies, dann darf man wohl sagen: Eine fein gelungene Revue für diese heikle Zeit zwischen den beiden Weltkriegen.

Paul Abraham (1892 –1960), toller Melodienzauberer mit jüdisch-ungarischem Blut und vor den Nationalsozialisten flüchtender Unglücklicher, ist in den ausklingenden Operettenjahren mit „Viktoria und ihr Husar“ oder „Die Blume von Hawaii“ der ganz große Unterhaltungsmusiker für Bühne und Tonfilm gewesen. „Roxy und ihr Wunderteam“, 1937 im Theater an der Wien mit einem Libretto von Alfred Grünwald und Hans Weigel uraufgeführt (nach einem „3:1 a szerelem javara“ in Budapest – bitte, 3:1 für die Liebe) ist musikalisch eine perfekte Bühnenshow. Nicht mehr mit ganz so einprägsamer Melodik wie in seinen etwas früheren allerbesten Werken, doch mit Csárdás-Trubel und so manch anderen sehr flotten Tanzschritten dieser Jahre lässt es sich in der Volksoper nun ganz gut leben.

Die Story? Ist zu vergessen. Alte Glücksbringerwelt. Doch halt: Die Wunderteam-Epsiode im österreichischen Fussball ist der Aufhänger. Allerdings …. Kicker aus Ungarn hüpfen hier herum zwischen dem Londoner Wembley Stadion, einer Villa am Plattensee und einem Budapester Mädchenpensionat. Nette harmlose Szene reiht sich an ebenso nette harmlose Szene, eine chaotische Zugfahrt ist sehr anschaulich mitzuerleben, immer wieder macht sich die Fussballmanschaft – komplett angetreten, doch ohne Ersatzmänner – in wechselnden bunten Dressen oder auch in Unterhosen recht lautstark und mit und ohne Ball bewegungsfreudig bemerkbar. Und zu diesem Team gesellt sich erlebnishungrig eine ebenso stark besetzte Mädchenriege eines streng geführten Pensionates. Ja, so läuft es. Nichts steckt dahinter, außer dass die stimmigen Musiknummern dazu tadellos funktionieren.

Auf Roxy dürfen wir nicht vergessen. In einem Londoner Hotel flüchtet sie vor ihrem unerwünschten Bräutigam, hält sich an die ungarische Mannschaft, reist mit ihr ab, am Plattensee taut sie dann so richtig auf. Das kann sie auch wirklich, die junge im Haus aufgewachsene Katharina Gorgi. Vielleicht kein Sangeswunderkind, doch toll aufgehend im Spiel, locker sich in jede Situation hineinwerfend. Regisseur Andreas Gergen hat besonders darauf geachtet, dass sich kein Stillstand im nicht allzu spannenden Ablauf bemerkbar macht. Ständig ist immer etwas los, und im wirbeligen großen Aufgebot an Mitwirkenden kann sich wohl jeder in mehr oder weniger dankbaren Rollen irgendwie seinen Platz sichern.

Als schottischer Fabrikant Sam Cheswick steht Hausherr Robert Meyer an der Spitze der Besetzungsliste, und er spaziert als zudringlicher Arger auf seinem allerbesten Niveau. Jörn-Felix Alt und Peter Lesiak sind die gut trainierten Wortführer untern den Ballesterern, Marco Di Sapia muss aber als deren adeliger Chef mehr Disziplin von ihnen fordern. Julia Koci verlangt sehr autoritär solch eine von den aufmüpfigen Mädels. Sie alle lässt Francesc Abós in seiner weniger anspruchsvollen, doch stets rassigen Choreographie durchaus unterhaltsam herum tanzen. Noch effektvoller wirken die verblüffenden Wechsel der Bühnenbilder von Sam Madwar mit den die Phantasie ansprechenden Videos (Andreas Ivancsics). Allen Tapferen in diesem drunter und drüber hat Aleksandra Kica viel buntes Zeug angepasst.

Wo passt sie hin, solch eine Musikrevue aus den 1930er Jahren? Csárdás funktioniert wohl immer, und zum bewusst überdrehten Regie-Ringelspiel von Andreas Gergen vermittelt Dirigent Kai Tietje Paul Abrahams Fülle an funkelnden Rhythmen mit ordentlichem Druck und Schmiss, vielleicht nicht so ganz auf Charme bedacht. Allzu lange Lebensdauer ist dieser wirklich guten Unterhaltungsmusik der politischen Horrorjahre wegen nicht gegeben gewesen – doch man darf sich wohl fühlen beim Rückblick auf diese kurze Blütezeit. 

Meinhard Rüdenauer

 

 

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