Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/ Volksoper: ROMÉO ET JULIETTE – dem Markenartikel vertrauend

09.12.2017 | Ballett/Tanz

RomeoetJuliette_die zwei hoch
Maria Yakovleva, Masayu Kimoto. Copyright: Ashley Taylor/ Wiener Staatsballett

9.12.2017 : Ballettpremiere in der Wiener Volksoper – dem Markenartikel „ROMÉO ET JULIETTE“ vertrauend

Es ist einer der besten Markenartikel in der Welt des heutigen Kulturkonsums – und dazu ein nicht einmal patentierter: ‚Romeo & Julia‘. William Shakespeare schuf um 1595 dieses Superprodukt, welches ab romantischen Zeiten so richtig zu boomen begann. Ja, super, nach wie vor! Der von der Mailänder Scala und Béjarts ‚Ballett des XX. Jahrhunderts‘ kommende Choreograf Davide Bombana, sympathisch und von den Tänzern des Wiener Staatsballetts gern gesehen, hat sich eingelassen, als potenter Könner eine eigene Version dieser Liebesgeschichte für die Wiener Volksoper zurecht zu zimmern. Handwerksarbeit, eine seriöse? Ja. „Roméo et Juliette“ heißt es somit hier nun auf französisch. Denn den musikalischen Raster bietet Hector Berlioz‘  gleichnamige ausladende Chorsymphonie mit ihren manch allzu sehr in die Länge gezogenen Einschüben für die Choristen oder drei Gesangssolisten. Echter Berlioz des Jahres 1839 – doch das auf große Dramatik zielende Werk ist trotz manch pompöser Ausbrüche mehr mit feinen Lyrismen durchwoben als dass es melodisch umwerfend aufzutrumpfen vermag.

Für diesen neuen Romeo & Julia-Verschnitt mussten also jene umspannenden Bindeglieder gefunden werden, welche den Zusammenhalt zwischen Orchestergraben (Gerrit Prißnitz als einfühlsam vermittelnder Dirigent) und Choristen (in wechselnden Gruppierungen auf der Bühne herumwandernd) sowie den Tänzern und noch dazu in Interaktionen mit diesen die Gesangssolisten plausibel erwirken könnten. Dies ist in der modernen, leicht verspielt, doch völlig neutral wirkenden Ausstattung mit ihren Leuchtröhren und deren dezenten Farbenspielen von der heuer verstorbenen schwäbischen Installationskünstlerin rosalie (Gudrun Müller) einigermaßen gelungen.

rom2
Martin Winter (Tybalt). Copyright: Ashley Taylor / Wiener Staatsballett

Die Musik aber, die Musik? Bombana nimmt zwar deren Duktus und deren Stimmungen wahr, doch das romantische Klangbad des Berlioz versprüht so einen ganz anderen aromatischen Duft als die von Bombana vorgegebenen so perfekt in moderner Dance-Manier standarisierten tänzerischen Gustostückerln. Das Wiener Staatsballett präsentiert sich einmal mehr in Bestfassung, doch große Liebespoesie verlangt nun einmal mehr als artistisch beherrschte Zeitstil-Automatik. Wenn subtile musikalische Nuancen und die dynamischen Aktionen nicht zusammenfinden, wirkt es wohl eher wie eine Staffage. Die Fallen an diesem Abend: Der Reihe nach zu lange Musiksequenzen oder verinnerlichende Gesangsepisoden müssen gefüllt werden, und bei den vielen repetierenden Bewegungsabläufen scheint dann manches sinnentleert oder auch zuwenig präzise charakterisiert. Trotz tänzerischem Drive und kraftvoller Geschmeidigkeit gehen die Spannungsbögen bald wieder verloren.

Rebecca Horner als die nicht so ganz glaubwürdig herbeigezauberte skurrile Fee Mab, gedacht als eine Art von Spielverderberin, eine Spukgestalt des Irrationalen, muss sich bei ihren bizarren Verhexungen wie eine Schlange winden – grotesk gemacht, eher aber fehl am Platz. Roman Lazik als eleganter Pater Lorenzo hat sich im ausladenden finalen Schlusslamento mit stereotypen Beschwörungsgesten abzumühen. Masayu Kimoto ist ein Romeo edelsten Zuschnitts im rauhen Klima der Veroneser Macht- und Unterdrückungskämpfe. Darüber steht Maria Yakovleva, die unter Bombanas Anleitungen ihre volle Palette an fraulich liebender Ausdruckskraft, als anschmiegende, höchst gefühlstief reagierende Juliette ausspielen darf. Sehr positiv an diesem Abend: Orchester und Sänger wie Chor der Volksoper finden zur gemeinsamen Wiedergabe einer hierzulande so gut wie unbekannten hörenswerten Musik organisch zusammen. Und die Tänzer erfreuen, keine Überraschung, mit absolut feinen Leistungen und werden gefeiert. Dazu steht lockend über allem: Romeo & Julia. Pardon: ausnahmsweise diesmal ‚Roméo et Juliette‘.

Meinhard Rüdenauer

 

 

Diese Seite drucken