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WIEN/ Volksoper: PORGY AND BESS. Konzertante Premiere

Eine Intensivpackung an Menschlichkeit

10.02.2019 | Oper

Konzertant in der Wiener Volksoper, 10.2.2019:

Gershwins „PORGY AND BESS“ – eine Intensivpackung an Menschlichkeit

Ein erfolgreicher Abend in der Volksoper. Für eine musikalisch besonders inspirierte wie berührende  Oper. Ohne atmosphärisch verführende Szenerie präsentiert, konzertant nur. Auf der Bühne: Eine riesige elegante Konzertmuschel anstatt changierender Meeresstimmungen oder des Prospektes der heruntergekommenen Catfish Row, der Straße armer Schwarzen in Charleston, South Carolina, anno 1866. Der Bühnenraum voll geräumt mit Orchestermusikern und einem übermäßig groß besetzten Chor. Vorne an der Rampe eine Sesselreihe mit den jeweils wechselnden  Sängern, und in der Mitte thronend das Podest für den die farbig leuchtende und Funken sprühende Klangkulisse regulierenden Dirigenten

George Gershwins „Porgy and Bess“, 1935 in New York uraufgeführt, ist an sich ein Wunderwerk, welches heute nur selten den Eingang in die Repertoires der europäischen Opernhäuser findet. In Wien wurde es zuletzt vor über einem halben Jahrhundert von Marcel Prawy in der Volksoper produziert. Heute scheint die kreative Kraft zu eigener Gestaltung hier nicht gegeben zu sein. Der erste von fünf Abenden der konzertanten Einstudierung, die wohl allererste Begegnung des Großteils des Publikums mit dieser ‚Folk Opera‘ aus den USA, wurde jedenfalls groß gefeiert. Und …. „Summertime“, „Oh, I Got Plenty o‘ Nuttin'“, „Bess, You Is My Woman Now“, „It Ain’t Necessarily So“ – das zählt zu den besten an Gefühlstiefe oder dramatischen Eruptionen reichen Arien, Songs des 20. Jahrhunderts.

Hinzu kommt, dass faktisch jeder Szene, jedem dieser Hits eine bohrende, ungemeine intensiv beschreibende Sozialkritik unterlegt ist. Gershwin wurde von Edwin Du Bose Heywards Roman „Porgy“ (1925) angeregt. Als vertontes Drama ist es eine rasante Bilderfolge mit erniedrigter farbiger Bevölkerung im Süden der Vereinigten Staaten geworden, mit zahlreichen folkloristischen Pointen, mit Spielsüchtigen und deren Verführern, viel Weltschmerz, den Leiden unterdrückter Frauen, heftigen Gewaltausbrüchen, dazwischen aber glimmen Sehnsüchte, Hoffnungen auf ein besseres Leben auf. Der Name Jesus („Oh, Doctor Jesus … „) fällt immer wieder. Und auch der auf seinem Ziegenwägelchen herumziehende verkrüppelte Porgy, der die dem Kokain verfallene Bess, seine kurze ihn beglückende Liebe, schließlich wieder verloren hat, hofft auf Gottes Hilfe. „Porgy and Bess“ spiegelt die Stärken dieser in den früheren Jahren in Amerika so literarischen Größe: Ein mitempfindendes Hinzielen mit realistischer Schärfe auf seelische Befindlichkeiten, die sezierenden Schilderungen von Menschlichkeit in allen ihren Spielformen.

Dirigent Joseph R. Olefirowicz setzte weniger auf philharmonischen Feinschliff oder poesievolle Phrasierungen, sondern lenkte mit enormem Schwung und kernigen Impulsen seine Scharen durch diese so überwältigende farbenfreudige Klangwelt. Sehr plastisch hat alles gewirkt. Manches mag schon etwas rauher, leicht kratzig geklungen haben, a fresco hingepinselt, doch die an der Rampe total mitlebenden, spielerisch andeutenden und sich voll einsetzenden Solisten habe eine echte Intensivpackung abgeliefert. Morris Robinson als der Liebe suchende Porgy mit gewaltiger schwarzer Stimme und Ausdruckskraft; Melba Ramos als eine in ihrer Hilflosigkeit berührende Bess; Lester Lynch als impulsiver gewalttätiger Crown; Ray M.Wade Jr. als der gefinkelte Sporting Life. Weiters total hingegeben in ihren Rollen: Julia Koci, Rebecca Nelsen, Bongiwe NakaniMehrzad Montazeri …. sie alle schaffen eine dichte Atmosphäre, leben mehr und mehr mit, werden lebendiger, heißblütiger. Auch wenn in „Porgy and Bess“ so einiges von funkelndem Musical-Sound getragen wird: Das ist eine richtige Oper, eine der Allerbesten.

Meinhard Rüdenauer

 

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