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WIEN/ Volksoper: LE NOZZE DI FIGARO

31.01.2023 | Oper in Österreich

29.01.2023: LE NOZZE DI FIGARO (Volksoper)

Zwei Tage nach Mozarts 267. Geburtstag hat die Volksoper nun die von Marco Arturo Marelli geschaffene Inszenierung seiner komischen Oper in vier Akten wiederaufgenommen, wobei von den elf Solisten gleich neun (in Abwandlung der Thematik des Stücks) in ihren Partien ihre prima nox begingen, dreieinhalb unter ihnen zugleich auch als Haus-Debut in Wiens zweitem Opernhaus (das halbe betraf Orhan Yildiz, der bereits im Vorjahr am 29.12. für den erkrankten Marcello in der durch „Massen-Ausfälle“ legendären Boheme aus dem Graben singend eingesprungen ist).

Gesungen wurde erstmals in italienischer Sprache – über den (vor allem pädagogischen) Wert von Aufführungen in deutscher Sprache mag an anderer Stelle diskutiert werden, insbesondere wenn es sich um ein so „textreiches“ Werk handelt, dessen zahlreiche Wendungen und Windungen (z.B. im Verlauf des 2. Aktes) auch für sehr flinke Leser über eine Unter/Übertitel-Anlage nicht wirklich vermittelt werden können. Aus musikalischer Sicht (und, wenn man des Italienischen mächtig ist, auch aufgrund des quasi unübersetzbaren Esprits des Da Ponte’schen Librettos) ist die Originalsprache auf jeden Fall vorzuziehen.

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Che bel colpo, che bel caso“ Finale 2. Akt (Dutkowska, Urquhart, Hughes, Yildiz, Peebo, Hörl, Chaundy, Ohlenschläger) © Barbara Pállfy

Die Produktion ist jedenfalls nach wie vor sehenswert in ihrer spritzigen einfallsreichen Personenführung, die – man ist an einer „Volks“-Oper – gelegentlich humoristisch durchaus in die Vollen geht, in entscheidenden Momenten aber stilsicher zum nötigen Ernst und zu authentischem Gefühl zurückkehrt. Bühne (ebenfalls Marelli) und Kostüme (Dagmar Niefind) unterstützen die Phantasie des Publikums auf ansprechende Weise bei ihrer Reise ins spätbarocke Sevilla, wenn auch die Farbe der üppigen Fresken im Hause Almaviva schon ein wenig zu verblassen scheint – wie die Liebe des Conte zu seiner Rosina? Zeitgemäße Oper, die ohne Zeitgeistigkeit auskommt – eine Steilvorlage für die bevorstehende Neuproduktion am Ring …

Und auch sängerisch bestand größtenteils Anlass zur Freude über ein hervorragend eingespieltes junges Ensemble, an dessen Spitze, wenn man es nach dem alten Feudalsystem betrachten möchte, wie erwähnt Orhan Yildiz mit samtig timbriertem Bariton als Conte di Almaviva stand: nicht so sehr ein Feudalherr als vielmehr ein Mann, der seine erotischen Triebe nicht unter Kontrolle hat (und dabei, genau besehen, dem Pagen ähnlicher ist, als es ihm vermutlich lieb ist). Die polnische Sopranistin Kamila Dutkowska nutzte souverän die Chance, die ihr eine zugegebenermaßen nicht ganz alltägliche Besetzungspolitik bot, indem sie ihr, einem Mitglied des Opernstudios, zum Hausdebut gleich einmal die Contessa anvertraute: wobei das Risiko angesichts ihres ausgesprochen interessanten, ein wenig slawisch „eingedunkelten“ Timbres und ihrer stupenden, auf anscheinend endlosen Atembögen sich entfaltenden Legato-Kultur wohl nicht allzu groß gewesen sein mag. Darstellerisch vermeidet sie wohltuend die der Gräfin gelegentlich eignende Larmoyanz und bewahrt angesichts der ehelichen Demütigungen Würde und Standpunkt.

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„Il resto capira“ – Briefduett (Urquhart, Dutkowska)l Foto: Barbara Palffy

Dabei ist sie in den zahlreichen gemeinsamen Szenen in bestem harmonischem Einklang mit Lauren Urquhart: die junge US-Amerikanerin, die bereits vom Vorgänger der amtierenden Direktorin entdeckt und ans Haus verpflichtet worden ist, berührt – wie schon als Sophie im Rosenkavalier – durch ihre frische, authentische Jugendlichkeit. Ihre Susanna gerät durch die gräflichen Nachstellungen tatsächlich in Bedrängnis, hat sie ihnen gegenüber doch noch wenig Erfahrung entgegenzusetzen und wehrt sich weniger durch schnippische Finte als durch aufrichtiges Beharren auf der ungetrübt aufrichtigen Zuneigung zu ihrem Verlobten. Zu alledem passt ihre zwar nicht allzu große, dafür aber klare und höhensichere Stimme, mit der sie die fordernde Partie beinahe im Dauereinsatz bewältigt und mit einer makellosen Rosen-Arie krönt. Dem gegenüber könnte ihr Figaro, der ebenfalls aus den USA stammende Bass-Bariton Evan Hughes, der sich erstmals dem Publikum der Volksoper vorstellte, noch ein wenig mehr Sicherheit vertragen: hätte man sich im Spiel gegenüber der geballten „Frauenpower“ ein wenig mehr „Tausendsassa“ und „Spitzbübigkeit“ erwartet, ist der Einsatz seiner vokalen Mittel, die, man hört es wohl, zweifellos vorhanden sind – noch – nicht ganz kontrolliert, bricht hier der eine oder andere hohe Ton dynamisch aus der Reihe oder geht da eine Passage in einem Ensemble unter. Insgesamt jedoch ein sympathischer Künstler mit Potenzial.

Die Reihe des weiteren Personals am gräflichen Hof führte Wallis Giunta als Cherubino an, der die Regie vor allem im ersten und zweiten Akt wahrhaft Artistisches abverlangt, was die kanadische Mezzo-Sopranistin aber ungeniert und waghalsig bewältigte. Mit großem darstellerischen Engagement heimste sie zahlreiche Lacher ein, während sie gesanglich den seidenen Bändern und Häubchen schon ein wenig entwachsen ist. Stephen Chaundy ist für den Don Basilio eine sehr lyrische, gar nicht nach Charaktertenor klingende Luxusbesetzung mit reichlich Hang zur Komik, Daniel Ohlenschläger konnte für den Gärtner, den er vollmundig beisteuerte, bereits auf Erfahrung aus zurückliegenden Aufführungen verweisen. Wie auch David Sitka, als Don Curzio in einer der undankbarsten Rollen bei Mozart. Mit der Australierin Gemma Nha war auch die Barbarina mit einer Hausdebutantin besetzt, die von der – man verzeihe den Ausdruck, er ist ausschließlich positiv gemeint – putzigen Statur her wohl als ideale Verkörperung des halbwüchsigen, vorlauten Mädchens gelten mochte. Ob sie, die noch vor einigen Jahren in ihrer Heimat in Casting Shows zu hören war, damit einen ersten Schritt in Richtung klassischer Karriere getan hat, wird man schwer beurteilen können – im Moment weist sie stimmlich eher in andere Sparten, die an der Volksoper aber bekanntlich auch bedient werden.

Mit der Marzellina fügt Volksopern-Lady Annely Peebo der langen Reihe ihrer Partien am Haus nun eine weitere hinzu. Erfreulicherweise kommt sie dabei nicht als „komische Alte“ daher, sondern als eine Frau „in den besten Jahren“, für die der Wunsch, Figaro zu heiraten, nicht gänzlich grotesk erscheinen muss – und Peebo untermauert diese Vitalität auch durch entsprechende sängerische Präsenz. Dem Don Bartolo, sozusagen ihrem Ehemaligen und Zukünftigen, ist von der Inszenierung her wenig Würde des Standes und dafür einiges an Slapstick zugedacht. Für den Geschmack des Rezensenten stürzte (teilweise buchstäblich) sich der österreichische Bassist Andreas Hörl vielleicht fast etwas zu sehr ins Geschehen, zumal er auch musikalisch sehr forsch ans Werk ging. Wie gesagt: vielleicht … der Sympathie des (auch jungen) Publikums tat dies jedenfalls keinen Abbruch.

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„Pace, pace, mio dolce tesoro“ (Urquhart, Hughes, Yildiz). Foto: Barbara Palffy

Erstmals am Pult der Volksoper stand Stargeiger Julian Rachlin und leitete das Geschehen im Graben und auf der Bühne – was ihm, sei es aus Nervosität oder aus Mangel an Erfahrung, nicht immer gelang. So kam es häufig zu erheblichen Ungereimtheiten, nicht nur in den zweifellos koordinativ anspruchsvollen Ensembles, sondern auch in den Arien. Es ist den Sängerinnen und Sängern, immerhin wie gesagt fast durchwegs zumindest Rollen-Debütanten, hoch anzurechnen, dass sie sich von solcher Unbill anscheinend nicht beirren ließen und eine so gelungene Vorstellung zustande gebracht haben.

Valentino Hribernig-Körber

 

 

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