WIEN/ 07.06.2026 Volksoper „Hoffmanns Erzählungen“

Foto: Volksoper/ Marco Sommer
Wenn eine Neuinszenierung von Offenbachs Meisterwerk am Programm steht, ist Vorsicht geboten. Die absolut einzigartige Produktion bei den Salzburger Festspielen (Schlagwort „Mülltonnen-Hoffmann“) hat bleibende Schäden hinterlassen. Lotte de Beers Bemühungen, wieder eine normale Interpretation zu schaffen, sind gelungen. Sie bespielt eine recht karg ausgestattete Bühne (Christof Hetzer) mit minimalen, aber ausreichenden Mitteln. Einzig herausragend die Puppe Olympia in Überlebensgröße. Auch Antonia darf sich in bekanntem Ambiente bewegen, bei Giulietta geht es allerdings drunter und drüber. Hätte man nicht schon zahllose andere Inszenierungen gesehen, wäre man ein wenig ratlos. Dapertutto spielt kaum eine Rolle, seine „Spiegelarie“ wurde weggelassen, dafür empfiehlt ein Tribunal Hoffmann dem Henker.
Auch sind hier einige musikalische Neuerungen eingebaut, die nicht besonders passend erscheinen. Jorine van Beek sorgte für annehmbare Kostüme. Ein wunder Punkt waren die (zu) vielen Vorhänge, die den Rahmen der Handlung, ein Zwiegespräch zwischen Hoffmann und der Muse, vom eigentlichen Geschehen trennen. Musikalisch war sehr viel Gutes zu hören: Das prächtig spielende Orchester unter dem kompetenten Dirigenten Emmanuel Villaume wurde vom ausgezeichneten Chor (Einstudierung Roger Diaz-Cajamarca) unterstützt. Die Titelrolle war mit Attilio Glaser bestens besetzt. Der Tenor glänzte durch fast durchwegs sichere Höhen und einer angenehmen Mittellage. Vielleicht war er durch die Zwischentexte doch etwas zu sehr gefordert, denn im Giulietta-Bild ließ die Stimmkraft etwas nach. Als Muse/Nicklausse konnte Wallis Giunta prächtig reüssieren. Ihr kräftiger Mezzo überzeugte mit schönem Timbre. Als Olympia hatte Anna Siminska die nötige Höhe, wenn auch etwas zu wenig Stimmvolumen. Antonia war bei Axelle Fanyo in guten Händen, man fragte sich (das ist offenbar ein Dauerproblem dieser Rolle), wieso eine Sängerin mit dieser Stimmgewalt eines so schnellen Todes sterben muss. Hedwig Ritter sang die Giulietta mit sehr viel Kraft und sicherer Höhe. Die vier Bösewichte waren mit Josef Wagner rollendeckend besetzt. Seinem kräftigen Bass fehlte vielleicht etwas an dämonischer Schwärze. Robert Bartneck hatte die kleinen Rollen Andres/Cochenille/Frantz/Pitichinaccio sicher im Griff. Annely Peebo sang die Stimme der Mutter ausgezeichnet.
Ein erfreulicher Abend, der nur einen Mangel hatte. Angesichts der schütter besetzten Ränge war (vielleicht war der Termin nicht gut gewählt am Ende eines langen Wochenendes) war man geneigt, einen Ausruf Hoffmanns (in der deutschen Fassung, falls die noch jemand kennt) „Ein Schauder erfasst mich“ zu zitieren. Diese Premiere hätte sich mehr Besucher mit größerer Begeisterung verdient.
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Johannes Marksteiner

