Wiener Volksoper: Hallo, ist’s die richtige Liebe? (7. und 9.6.2026)

Die Wiener Volksoper gibt sich so ein bisschen queer. Den Zarewitsch auf schwul umzupolen, wie es vor kurzem in einer Neuinszenierung geschehen ist, ist sicher nIcht als nett gegenüber Franz Lehár anzusehen. Und jetzt, im Regenbogen-Monat, ist auf Johann Strauss‘ Schultern seine „Fledermaus“ als ‚Pride Edition‘ herausgegeben worden. Nun, ist harmlos geblieben; an dem Walzerkönig lässt es sich nicht rütteln. Und die vielen Pärchen in Saal haben die ansprechende Aufführung genussvoll aufgenommen.
Innerhalb von drei Tagen hat die Volksoper eine und eine halbe Premiere angesetzt. Die halbe: Die bewährte „Fledermaus“-Inszenierung des Robert Herzl nun verbrämt in der Regie von Florian Hurler mit brav gehaltenen Homo-Texten (Jürgen Bauer, Moritz Franz Beichl). Und die neue Inszenierung: Hausherrin und Regiedame Lotte de Beer hat sich Jacques Offenbachs traumhaften „Hoffmanns Erzählungen“ angenommen. Hier wie dort, Oper wie Operette: Die richtige Liebe, was ist sie? Haben wir sie gefunden? In die Musik zu flüchten fällt weit leichter.
„Hoffmanns Erzählungen“ zählt zu den ganz großem Fantasiestücken der Opernliteratur. Zwar als Fragment von Jacques Offenbach hinterlassen und immer in diversen Fassungen in Szene gesetzt, doch abgesehen von der ausschweifenden Handlung reich an faszinierendem melodischen Zauber. Magie gewachsen aus romantischer Seele. Lotte de Beer setzt den Phantasten Hoffmann mit seinen überbordenden Liebesfantasien in ein Einheitsbühnenbild (Bühne: Christof Hetzer) und lässt ihrem Hausdramaturgen Peter de Nuyl in einer Neufassung der Dialoge ein zu ausladendes und überzeichnendes Spiel in die Richtung Psycho-Gegenwart rücken. Eher abseits musikalischer Verzauberung und mit einer des öfteren dröhnenden Orchesterbegleitung (Dirigent: Emmanuel Vilaume).
Attilio Glaser als Hoffmann wirbt stimmkräftig und doch so vergeblich um die offensichtlich bewusst nicht auf Schönheit getrimmten Damen Olympia (Anna Siminska), Antonia (Axelle Fanyo) und Giulietta (Hedwig Ritter). Wallis Giunta mimt eine sich immer wieder ins Spiel einbringende wendige Muse. Josef Wagner ist den wechselnden Rollen Hoffmanns stattlicher wie überlegener Gegenspieler. Manche kraftvolle Töne und so einige Actions und der Spiegelbildtrug geleiten von Liebesleid und schwerer Verzweiflung zur Barcarole. Ein liebevolles Versetzen in eine andere Welt ist nicht so ganz gegeben – doch am Premierenabend hat sich das Publikum als durchaus zufrieden gestellt gezeigt.
Ob der bärtige Conchita Wurst (oder wie es im Programmheftchen steht: Tom Neuwirth) als Gerichtsdiener Frosch mit seiner weichen Stimme und schüchternen Trippelschritten und gefälligem Posieren alle seine Fans auch begeistert hat? Jedenfalls sehr, sehr viel Beifall wurde ihm von seiner Gemeinde gespendet. Und positiv sollte sein, dass er so viele Jahre nach seinem Erfolg wieder ins künstlerische Blickfeld gerückt ist. Unter Dirigent Tobias Wögerer ist im Ensemble Daniel Schmutzhard ein anständiger, sich schließlich als schwul bekennender Gabriel von Eisenstein. Die Damen sind aber doch die gesanglich interessanteren: Johanna Arrouas als Rosalinde, Jaye Simmons als deren freches Stubenmädchen Adele. Und Katia Ledoux führt, als Prinz Orlofsky auf übertrieben gekleidet, bestimmend die es munter treibenden Feiernden in ihrem Palais an. Die Volksoper hat nicht falsch kalkuliert: Wiens Pride-Gesellschaft hat sich eingefunden und diese Edition – wird sie nun die echte „Fledermaus“ zur Seite drängen? – mit voller Freude aufgenommen.
Meinhard Rüdenauer

