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WIEN/ Volksoper: GRÄFIN MARIZA

12.02.2016 | Operette/Musical

Wiener Volksoper: 11.2.2016: „GRÄFIN MARIZA“

Aus den traditionellen Wiener Operetten, die angeblich so veraltet sind, lässt sich eine ganze Menge lernen. Zum Beispiel, wie man zu einer Zeit (Uraufführung 1924), als die Österreichisch-Ungarische Monarchie bereits der Vergangenheit angehörte, nicht nur nostalgisch, sondern sehr kritisch mit dem Geld-Adel umging. Emmerich Kálmán tat dies allerdings auf so unterhaltsame Weise, dass sich der Ernst des Sujets mit hellem Vergnügen daran mischte und die schmissigen Rhythmen und eingängigen Melodien nicht nur die Probleme verklärten, sondern der ganz schön gesellschaftskritische Text für so manche Aufklärung über die Wahrheiten hinter dem schönen Schein sorgten. Wenn man am Vorabend gerade einmal wieder die hochdramatische „Tosca“ mit der schrecklichen Gewaltanwendung eines Machthabers zwecks Erhaltung dieser Position erlebt hat, tut so eine gut gemachte Operette richtig wohl, die justament im Todesjahr Puccinis das Licht der Bühnenwelt erblickte.

Während das Verhalten des großen Liebespaars, der reichen Gräfin Mariza und des verarmten, deshalb bei ihr als Verwalter arbeitenden Graf Tassilo, nach dem Muster „Sie konnten zusammen nicht kommen…“ – bis ganz knapp vor den letzten Takten – gestrickt ist und dafür zwei eher „seriöse“ Sänger zum Einsatz kommen, wimmelt es rundum vor grotesken Figuren – den eigentlich dankbareren Rollen. Die Volksoper bot an diesem Abend für alle Fächer die „Richtigen“ auf.

Ursula Pfitzner st eine attraktive Titelheldin, die mit viel Spielwitz und Emotion einen glaubwürdigen Charakter im Zwiespalt zwischen Standesbewusstsein und fraulichen Bedürfnissen darstellt und so richtig durchdreht, wenn sie glaubt, auf ihre Liebe zu Tassilo endgültig verzichten zu müssen. Sie ist eine gute Sängerin, die auf ihre Technik bauen kann, nur erwies sich ihr Sopran als mitunter nicht groß genug, wenn das Orchester auch nur in mittlerer Lautstärke loslegte. Graf Tassilo in der ansehnlichen Gestalt von Carsten Süss, dem man auch im Auftreten den Adeligen ohne weiteres abnahm, konnte sich mit seinem kräftigen Tenor besser durchsetzen. (Wie dem „Merker-Interview“ im Heft 5/2015 zu entnehmen war, strebt dieses künstlerische Multitalent – auch Regisseur, Dirigent, Librettist und Moderator – nach bereits mit Erfolg gesungenem Loge und Steuermann in Richtung Lohengrin und Stolzing.) Beeindruckend war, mit welcher Würde er das abweisende Verhalten seiner „Chefin“ einsteckte und sich immer wieder dezent zurückzog, um sie nicht zu inkommodieren. Auch sein liebevolles Verhalten dem kleinen „Schwesterlein“ gegenüber konnte er gut herüberbringen. Diese quicke kleine Romantikerin war bei Anita Götz in besten Händen und bester Kehle.

Beim übrigen „Bagagi“ fragt man eigentlich nicht nach der Stimme, obwohl alle Darsteller, von denen es gefordert wird, mit Singstimmen aufwarten konnten – in der richtigen Operetten-Manier mit Schwerpunkt auf deutlichem Text. Der hinreißende Kurt Schreibmayer, nach seinen langen Jahren im ersten Operettenfach, erweitert bis zum Lohengrin und einem geplanten Siegfried in Liège (der leider einer Erkrankung zum Opfer fiel), springt nun mit Charakterrollen jeglicher Art von einem Großerfolg zum anderen. Dieser Fürst Populescu (an sich schon ein köstlicher Name) ist ein quicklebendiger, gutaussehender Möchtegern-Liebhaber der begehrten Gräfin Mariza, was angesichts seiner Körpergröße sowohl bei heftigen Bewegungen wie bei standesgemäßen Habt-Acht-Positionen unweigerlich zu Lacherfolgen führt, mit bester Diktion beim Sprechen und Singen nebst immer noch erstaunlichem Stimmaterial. Wenn er am Ende seine Jugendliebe, Tassilos Tante Božena, das Bild einer wohlerhaltenen alten Fürstin, die reizend-witzige Helga Papouschek, wiederfindet, so ist der Freude kein Ende – sehr glaubwürdig!

Die weissagende Zigeunerin Manja, Elvira Soukop, kann auch – mit jugendlich dramatischem Mezzo/Sopran – singen. Während Tassilos Freund, Karl Stephan Liebenberg, seinem guten Darsteller, Nicolaus Hagg, wenig Entfaltungsmöglichkeiten bietet, kann sich Boris Eder als sog. Baron Koloman Zsupán (von Straußens Gnaden) mit seinem Imponiergehaben, seiner tänzerischen Begabung und vor allem seiner ungarischen Beredsamkeit als begnadeter Komiker präsentieren, dem man zuletzt das hübsche Lischen gönnt. Tschekko, der devote alte Diener des Hauses, wird in der katzbuckelnden Gestalt von Michael Gampert noch an Publikumsgunst übertroffen durch den Kammerdiener Penižek von Günter Rainer, Schauspieler und Kritiker von Beruf, der sich in jede Figur verwandeln kann, und blitzschnell reagiert, wenn es die verlangten Gesichter zu schneiden gilt und er die der Fürstin gerade erwünschte Haltung einnimmt – der größte Heiterkeitserfolg! Und eine gute Lehre, wie man es im Leben zu etwas bringt….

Zum Zigeunerprimas, Gregory Rogers, gesellte sich an solistischem Personal noch das Mädchen, Paloma Siblik, das von Anbeginn die märchenhafte Story verfolgt und sie mit einigen klugen Bemerkugnen kommentiert.

In der hellen, ästhetischen Drehbühnen-Inszenierung von Thomas Enzinger, inmitten der Bühnenräume sowie in den Kostümen von Toto, bewegten sich die Sänger, der Chor und Kinderchor (einstudiert von Holger Kristen), sowie das Wiener Staatsballett (mit fulminanten Zigeunereinlagen, choreographiert von Bobdana Szivacz) sowie die Komparserie handlungsgemäß lustvoll.

Das Volksopernorchester spielte unter Leitung von Gerrit Prießnitz die hinreißende Kálmán-Musik so selbstverständlich, dass die meisten Zuschauer im gut gefüllten Saal angesichts der amüsanten Bühnengeschehnisse wohl nur instinktiv mitbekommen haben, wie gut Dirigent und Orchester waren.

So trefflich dargeboten, braucht die Kunstgattung Operette nicht über mangelnden Zuspruch klagen.  

Sieglinde Pfabigan

 

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