Wiener Volksoper: DIE ZAUBERFLÖTE
Wie ein Kind mit der Trennung der Eltern umgehen lernt 11.10 2026

Ernennt man eine Regiegröße in ein Intendantenamt, dann wird sie diesem Haus auch durch Inszenierungen ihren Stempel aufdrücken. Das ist so an der Wien und auch am Währinger Gürtel. So kam es zu einer Zauberflöteninterpretation von Lotte de Beer. Sie liest die Zauberflöte als Aufarbeitung eines Trennungskonflikts. Ein Bub imaginiert sich aus den Streitigkeiten seines verkopften, emotionsarmen Vaters und seiner depressiven Mutter eine Märchengeschichte. Dort ist allerdings ein Mädchen im Zentrum des Geschehens und er der dazwischengeratene Prinz. Das funktioniert grundsätzlich, aber nicht in allen Details. Papageno als unreifes, jüngeres Ich mag im ersten Moment eine passende Idee sein, aber ein Fünfjähriger, der fast nur dem Weine und dem Weibe nachgeht, funktioniert denn doch nicht. Politisch korrekt geht de Beer mit Monostatos um – aber sollte man das Original nicht eher als Mahnung vor grauslichem Rassismus und Sexismus belassen und auf die Mündigkeit des Publikums vertrauen? Wie schlimm es doch im Original ist, dass die traurige, einsame Figur selbst davon ausgeht, dass „ein Schwarzer hässlich ist“? Und wie abgründig kritisch die Zeichnung der ach so aufgeklärten Sarastrowelt als misogyner Herrenclub im Original doch ist und zeitweise selbst Tamino infiziert! Das lässt de Beer nicht aus, da zeigt Barbora Horakovas Inszenierung am Ring weniger Kante. Christoph Hetzer und Jorine van Beek sind de Beers favorisierte Ausstatter, wobei Hetzers herzige Cartoons – technisch sehr ordentlich realisiert – das Äußere der Produktion dominieren. Kurz zur Fassung: Wie nicht anders zu erwarten gibt es neue Dialoge und wie meist überzeugen sie nicht mehr als die Originale. Das Terzett Pamina/Tamino/Sarastro steht nach dem „Isis und Osiris“-Chor (was zwar der Originalfassung entspricht, dramaturgisch aber nicht überzeugt: Warum verzweifelt Pamina, wenn Tamino nach der Gesprächsverweigerung doch noch wortreich Abschied nimmt?). Ganz neu steht Papagenos Selbstmordversuch und das „Pa-pa-pa“ vor „Bald prangt, den Morgen zu verkünden“. Mit Papagenos neuem Text: „Warum?“
Höchstes Lob verdient an diesem (mit 18.00 Uhr früh startenden) Abend Alfred Eschwé mit einem Dirigat, wie es nicht schöner sein könnte. Organische Tempi, grundsätzlich eher flott (mir nur beim Geharnischtenchoral zu flott), hervorragende Dynamik, sehr rasche Reaktion auf falsche Einsätze der Knaben (diese Sängerknabenterzette sind immer Glückssache, manchmal beglückend, diesmal weniger), die Sänger möglichst unterstützend. Das Orchester ist wieder einmal nicht zu knallig und erfreut mit rundem Ton, wobei ein junger Oboist heraussticht. Der Chor überzeugt vollständig.
Erfreulich die Begegnung mit Gemma Nha als Pamina. Jugendfrisch, gut gestaltend, wenn auch ab und mit zu gar viel Vibrato. Sehr sympathisch in seiner pummeligen Liebenswürdigkeit Timothy Fallons Tamino, der stimmlich allerdings schon bessere Abende hatte. Anna Siminska bewältigt die Partie der Königin sehr gut, szenisch steht sie in Bademantel und Badewanne als suizidale Trennungsdepressive auf verlorenem Posten. Morris Robinson verfügt als Sarastro über einen mächtigen Bass, den er subtiler und mit besserer deutscher Artikulation führen könnte. Alexander Fritze, sonst meist Sarastro, ist als solider Sprecher (eine Verkörperung des uralten alter Ego Taminos) fast nicht zu erkennen, Carsten Süss überrascht als Monostatos mit gut ausgeruhter Stimme und feinsinniger Interpretation des Underdogs. Die drei Damen, groteske alte Tanten (Julia Koci, Wallis Giunta und Annely Peebo), singen zufriedenstellend. Unter den ganz kleinen Rollen ragt Marco di Sapia mit präzise trockenem Humor als erster Priester heraus.
Darstellerisch ist das Paar Papageno/Papagena der Knaller, was bei Jakob Semotan, dem Publikumsliebling mit dem unfehlbaren Pointentiming, und der für Paula Nocker einspringenden Juliette Khalil, seinem pfiffig-pfeffrigen weiblichen Pendant, keineswegs überrascht. Dass Papageno stimmlich so gar nicht das Fach Semotans ist, muss man ebenso wenig betonen, wie dass er dies mit großem Geschick überspielt. Als singender Komiker hat er schon in jungen Jahren Kultstatus.
Dem Publikum – darunter viele im Teenageralter – gefiel es.
Robert Fucik

