25.01.2026 : Volksoper : DER ROSENKAVALIER (Wiederaufnahme)
Vor nicht ganz vollem Haus feierte die 2021 erstmals gezeigte Produktion des „Rosenkavalier“ in der Inszenierung von Josef E. Köpplinger, des höchst erfolgreichen Impressario vom Münchner Gärtnerplatz (und Fast-Direktors der Wiener Volksoper), nach fünfjähriger Absenz am Gürtel ihre zu Recht bejubelte Wiederaufnahme – in größtenteils neuer Besetzung, doch in dem atmosphärischen (technisch eindrucksvoll „funktionselastischen“) Bühnenbild und all den liebevollen Details der Personenführung, deretwegen man mit einem Mal Anschauen gar nicht das Auslangen findet … Was Köpplinger hier gelungen ist, darf – man möchte es kaum glauben – neben der „kanonischen Deutung“ des Altmeisters Schenk, die am Ring gezeigt wird, erhobenen Hauptes bestehen, ja erfreut durch eine wohl dosierte Mischung aus schwärmerischer Melancholie, je nachdem übermütigem oder bissigem Humor (der bisweilen auch – ganz im Sinn und nach dem Naturell des Komponisten – derb ausfallen darf), warmer Empathie für die Freuden und Nöte der Figuren und einer Prise Kitsch, die, man wird es zugeben, wie alles andere Genannte auch, in der Musik durchaus angelegt ist.

„Ich möchte mich bei ihm verstecken“ – Duett Octavian (Müller) – Sophie (Urquhart) 2. Akt © Barbara Pálffy/Volksoper Wien
Wer (wie beispielsweise der Rezensent) Hedwig Ritter bis dato nur als etwas soubrettenhafte Lisa in der „Gräfin Mariza“ erlebt hat, wird ob der Entwicklung der jungen burgenländischen Sopranistin „aus dem Staunen nicht heraus“ kommen – jedenfalls konnte sie stimmlich von ein paar kleinen Intonationstrübungen abgesehen, die der Nervosität geschuldet gewesen sein mögen, mit fülligem, warm fließendem Sopran ein erfreuliches Debut als Feldmarschallin begehen. Da steht – nach langer Vakanz – an der Volksoper wohl endlich auch für die Operette eine frische Repräsentantin für das erste Fach in den Startlöchern. Darstellerisch muss sie freilich in die Rolle erst hineinwachsen – die Lebenserfahrung und die daraus erwachsene Würde der Erscheinung, die diese Figur auszeichnen und über die anderen Personen der Handlung zumindest ein wenig emporheben sollte, kann sie noch nicht glaubhaft machen. Ebenfalls Debütantin war Annelie Sophie Müller als fescher, burschikoser Oktavian, die gleich einmal sehr kräftig loslegte, um sich dann aber in kluger Einteilung ihrer Mittel mit sicherer Höhe und bruchloser Mittellage durch das turbulente Geschehen zu kämpfen. Das ungestüme Temperament der Jugend, die am Ende dann doch ein wenig kleinlaut „in der Mitten steht“, brachte sie sympathisch zum Ausdruck. Die Seele des Abends war aber ohne Zweifel Lauren Urquhart als Sophie, die schon 2021 in dieser Partie zu erleben war und von daher in bester Erinnerung ist. Doch hat die Amerikanerin unterdessen stimmlich an Substanz noch gewonnen und meistert die halsbrecherische Partie, als wäre es ein Kinderspiel, bleibt dabei durchgehend präzise wortdeutlich. Ihr Spiel ist von einer liebenswürdigen Anmut, dass es einem schier unvorstellbar ist, dass der „junge Herr aus gutem Hause“ sich nicht Hals über Kopf in sie verliebt – ihre Wandlung vom doch einigermaßen kindlichen Ding zur in ersten Ansätzen selbstbewussten jungen Braut berührt von Herzen.
Dass Martin Winkler wahrhaftig ein hoch präsentes, urkomisches „Bühnenviech“ ist, ist für regelmäßige Besucher der Volksoper keine Neuigkeit. Dieses Talent spielt er auch als Ochs auf Lerchenau nach Kräften aus – für eine ideale Besetzung des Barons von zweifelhaftem Stand reicht es dennoch leider nicht. Dazu fehlt ihm das Rusikale, das Großtuerische, die selbstgefällige Gemütlichkeit, einfach der „corpo di bacco“, denn er wirkt mit seinem staksigen Auftreten eher wie ein „Oberlehrer auf Abwegen“. Und stimmlich, nun, da liegt er mit seinem relativ hellen Timbre durchaus in der Nähe der Interpretation seines Lehrers Walter Berry, es sitzt in der Höhe „das Heu“, und er wird auch in der Tiefe nicht „beschämt“ – doch was sich dazwischen phrasenweise an freier, man möchte fast sagen: entfesselter Intonation abspielt … das ist nicht mehr mit der Aufregung des Rollendebuts zu rechtfertigen, ebenso wenig wie die zahlreichen „Fehltritte“ im Taktmaß.
Aus Holland stammt Thomas Oliemans, der nicht nur als Faninal, sondern überhaupt an der Volksoper erstmals in Erscheinung trat, sich dabei – durchaus der Rolle, weniger seinen stimmlichen Reserven entsprechend – gehörig echauffierte, optisch aber durchaus gute Figur machte. Schmierig und fast ein bisschen bedrohlich wirkten Karl-Michael Ebner und die Hausdebütantin Christel Loetzsch als Intrigantenpaar.
Ein wahres Kabinettstück lieferte Volksopern-Urgestein Ulrike Steinsky mit nach wie vor klug eingesetzter intakter Höhe als höchst präsente, in letzter Konsequenz energische, mütterlich solidarische Jungfer Marianne Leitmetzerin ab, die als Figur in der Sicht Köpplingers im 2. Akt sehr nahe ans Zentrum des Geschehens gerückt ist. JunHo You wirkte vermutlich doch angestrengter, als Komponist und Librettist sich das für die leicht ironisierte Figur des italienischen Sängers vorgestellt haben; beherzt, wenn auch immer erfolgreich um den wienerischen Slang im „gemeinen Beisl“ kämpfte Seiyoung Kim als Wirt, Daniel Ohlenschläger, der den Polizeikommissar gab, ersuchte beim Schlussapplaus mit einer deutlichen Geste Richtung Hals um Nachsicht mit seiner (nicht angesagten) Indisposition. In den weiteren Partien trugen die Mitglieder des Ensembles des Hauses das personenreiche Geschehen.
Erstmals für den Rosenkavalier am Pult stand Alexander Joel, der das Vorspiel zum ersten Akt sehr energisch anlegte – man wähnte sich nicht im Schlafzimmer der Marschallin, sondern eher auf der Opernkreuzung – dann aber zu einer geschmeidigeren Leseart fand, wobei ihm die Solisten des Orchesters der Volksoper mit sehr viel Einfühlungsvermögen folgten – besonders hervorgehoben seien die Konzertmeisterin für das Ende des ersten Akts sowie die Solo-Trompete für den Beginn des finalen Terzetts.
Valentino Hribernig-Körber

