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WIEN / Vienna’s English Theatre: WITNESS FOR THE PROSECUTION

13.11.2013 | Theater

Zeugin der Anklage 1 x  Zeugin der Anklage 2x 
Fotos: Vienna’s English Theatre

WIEN / Vienna’s English Theatre:
WITNESS FOR THE PROSECUTION von Agatha Christie
Premiere: 4. November 2013,
Besucht wurde die Vorstellung am 12. November 2013 

So ganz ist es ja nicht zu verstehen. Da geht es um einen Krimi, den buchstäblich jeder kennt, denn wer hätte die berühmte Billy Wilder-Verfilmung von „Zeugin der Anklage“ nicht gesehen (am Ende sogar mehrmals)? Das heißt, dass man auch nicht der Lösung entgegenfiebert, denn die ist ja bekannt. Und dennoch drängt sich das Publikum – erfreulicherweise, denn man kann ja seine 50. Jubiläumssaison nicht besser feiern als mit vielen Zuschauern! – in Vienna’s English Theatre, um „Witness For The Prosecution“ zu sehen.

Dafür gibt es wohl nur zwei Erklärungen: Erstens hat der Name der guten alten „Dame Agatha Christie“ offenbar unwiderstehlichen Nostalgie-Glanz (die Josefstädter Kammerspiele werden im Dezember auf ihre unverwüstliche  „Mausefalle“ zurück greifen), und zweitens wollen die Wiener, immer neugierig auf Schauspieler, vermutlich sehen, wie Katharina Stemberger „die Marlene Dietrich“ spielt. Und, keine Frage, die Rechnung geht auf.

Die Story ist simpel: Ein junger Mann wird verdächtigt, eine reiche alte Dame, die ihn zu ihrem Alleinerben gemacht hat, ermordet zu haben. Aber er schaut auch  wirklich ganz unschuldig drein, offenbar ein Opfer unglückseliger Umstände. Und als man sieht (das Stück kam in England 1953 heraus, als die Nachwehen der Nazi-Zeit noch überall zu spüren waren und die Ressentiments waberten), dass er eine böse deutsche Frau hat – da steht seine Unschuld fest. Na, man weiß ja, mit welchen Trick Dame Agatha das Ende gestaltet hat, Doppelpointe sozusagen.

Auf der Bühne braucht das Stück nur zwei Schauplätze, erst die Kanzlei von Sir Wilfrid Robarts, dem berühmten Verteidiger, dann den Gerichtssaal (damals sah man ja auch noch gerne die Perry-Mason-Krimis im Fernsehen, die fast nur aus Gerichtssaal-Debatten bestanden) – für beides hat Sue Mayes eine schnell verwandelbare, stimmungsvolle Dekoration geschaffen. Und Regisseur Philip Dart sorgt dafür, dass es von Anfang an „very british“ zugeht, da wird das Englische Upper-Classig genäselt, dass es nur so eine Freude ist.

Die Besetzung ist sehr ordentlich, aber wenn Sir Wilfrid nicht die gewaltigen Fleischmassen von Charles Laughton herumwuchtet wie im Film 1958, macht er als Rolle nicht viel her: Robin Kingsland fehlt die Skurrilität, aber er erregt sich sympathisch für den Fall. (Freilich, die Krankenschwester, die Laughton im Film in Gestalt seiner köstlich-komischen Gattin Elsa Lanchester bekam und die in der auch hoch besetzten Fernsehverfilmung später Deborah Kerr verkörperte, gibt es hier nicht – nur eine törichte Sekretärin in Gestalt von Clare Scott.)

Chris Polick ist als Angeklagter von Typ her fast noch besser als der Schönling Tyrone Power im Film, weil er dem Angeklagten eine Aura von Schlichtheit und Unschuld verleihen kann, die verblüffend ist. John Fleming verwandelt sich vom Faktotum in einen urigen Richter, Martyn Stanbridge macht als Anwalt gute Figur, Charles Armstrong eifert als Staatsanwalt, Margaret Fraser versprüht Gift und Galle, kurz, das stimmt alles.

Das Hauptinteresse des Wiener Publikums gilt jedoch Katharina Stemberger, die sich längst aus dem Schlagschatten ihrer älteren Schwester befreit hat und als sehr eigene Persönlichkeit ihren Platz behauptet. In grellrotem Kostüm, mit Fünfziger-Jahre-Hütchen, spielt sie die Rolle, die Marlene Dietrich innehatte, und bei der ein deutscher Akzent nichts schadet. In der Verkleidung als ordinäre Blondine outriert sie schrecklich (so wie einst die Dietrich), aber hier geht es ja nicht um differenzierte Schauspielkunst, sondern um die Hohe Schule des Krimis, und da ist die Stemberger so schillernd und undurchsichtig, wie es die Titelrolle verlangt.

Dem Publikum hat der nur leicht überlange Abend offenbar vorzüglich gefallen.

Renate Wagner

To December 21st 2013 at 7:30pm, daily shows except Sundays. No performances on November 29th and December 5th 2013

 

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