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WIEN / Vienna’s English Theatre: OTHER DESERT CITIES

04.02.2014 | Theater

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Fotos: Reinhard Reidinger

WIEN / Vienna’s English Theatre: 
OTHER DESERT CITIES by Jon Robin Baitz
European Premiere
Premiere:  4. Februar 2014,
Besucht wurde die Voraufführung

Es ist ein interessantes Stück, das hier in den Räumlichkeiten von Vienna’s English Theatre seine europäische Premiere feiert. Der Autor Jon Robin Baitz, Jahrgang 1961, hat schon eine Menge Stücke geschrieben, es allerdings bei uns noch nicht zu breiter Popularität gebracht. Für „Other Desert Cities“ war er 2012 immerhin für den Pulitzer-Preis für das beste Drama nominiert. Verständlich, denn es ist ein klassisches „Well Made Play“ für hier und heute – allerdings ist es eine amerikanische Gegenwart. Aber warum soll uns das nicht interessieren?

Man begegnet der Familie Wyeth. Papa Lyman war einmal ein berühmter Hollywood-Star, Mama Polly beim Fernsehen nicht unbekannt. Sie leben jetzt in Palm Springs, einer Wüstenregion in Californien, weg vom Trubel Hollywoods. Sohn Trip ist Produzent einer erfolgreichen, wenn auch seichten Fernsehshow. Tochter Brooke ist das depressionsgefährdete Sorgenkind der Familie, Pollys Schwester Silda Alkoholikerin. Man könnte sich ein weihnachtliches Zusammentreffen von diesen Fünf schon problematisch genug vorstellen, hat der Autor ihnen doch die ganze Ideologie der amerikanischen Geschichte der letzten Jahrzehnte mitgegeben.

Das Stück spielt 2004, der Irak-Krieg ist im Gange, die alten Wyeths sind straffe Republikaner, ehemalige Reagan-Freunde, während Sohn Trip von Politik nichts wissen will, Silda eine ewige Alt-Liberale ist und Tochter Brooke für die intellektuellen „Lefties“ steht, linke politische Korrektheit einfordernd.

Allein, wie der Autor diese Positionen darstellt, bietet ein faszinierendes Auseinanderklaffen der Generationen – und der Verächtlichkeit, mit der man einander begegnet. Die Alten halten eine Welt der Jungen, die sich in Sex und Rauschgift gestürzt und die einstigen Werte abgelegt haben, nur für ekelhaft, und die Jungen sehen in den Alten üble, reaktionäre Faschisten und Kapitalisten. Da wabern die Ressentiments nur so durch das elegante Zimmer.

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Aber der Autor hat sich eine weitere Verschärfung der Geschichte ausgedacht: Es gab einen ältesten Sohn, der resigniert aus dem Vietnam-Krieg zurückkehrte, sich an der Sprengung eines Veteranen-Heims beteiligte und dann Selbstmord beging. Und wie in so vielen Familien wird die Geschichte unter den Tisch gekehrt und möglichst nicht darüber gesprochen. Bloß dass Brooke jetzt ein Buch darüber geschrieben hat, das ihre berühmten Eltern bloßstellen wird. Logisch, dass die Emotionen nun geradezu explodieren.

Da ist nun viel aufzuarbeiten und Autor Baitz findet auch noch eine bemerkenswerte Schlusswendung, die vielleicht zu versöhnlich ist – aber andererseits hat man alle Figuren des Spiels die ganze Zeit nicht wirklich gemocht. Gegen Ende kann man doch noch für alle einiges an Verständnis aufbringen, sogar Versöhnlichkeit ist angesagt.

Politik und Familie sind eng verknüpft, die Auseinandersetzungen spannend, die Regie von Jane Page hält die Geschichte bestens am Laufen. Als Zuschauer sucht man instinktiv jemanden, auf dessen Seite man sich schlagen kann, aber auf welche? Die Eltern (schroff: Victoria Lennox, offensichtlich innerlich schwächer: Roger Forbes) sind wohl zu sehr Republikaner der Reagan- und Bush-Welt, um sympathisch zu wirken, der freundlich alles analysierende Bruder (Peter Stickney) und die zynische Tante (Carmen Rodriguez) bleiben ja doch zu sehr am Rande, aber auch „Heldin“ Brooke (schlank und energisch: Kate Sissons) macht sich das Leben wohl zu einfach, indem sie für alles Versagen nur die Eltern verantwortlich macht. Es ist gar nicht so einfach, die Positionen abzuwägen, und genau das macht dieses Stück so interessant, das viel davon transportiert, wie radikal sich die Welt verändert hat – und die Menschen mit ihr.  

Renate Wagner

 

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