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WIEN / Vestibül des Burgtheaters: AM BEISPIEL DER BUTTER

22.12.2014 | Theater

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Peter Knaack   /   Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Vestibül des Burgtheaters:
AM BEISPIEL DER BUTTER von Ferdinand Schmalz
Premiere: 18. Dezember 2014,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 22. Dezember 2014 

„am beispiel der butter“ – so der Titel eines Stücks, dessen  Autor Schmalz heißt – lässt sich auch eine Parabel zeigen. Die ist an sich in ihren Grundzügen simpel: In einer großen Fabrik, wo offenbar jeder jeden belauert und das System seine Mitarbeiter durchaus einengt, fällt einer aus dem Rahmen der Ökonomie durch seltsamen Idealismus. Egal, wie – mit kleinen, subversiven Gesten, die an sich nichts ändern können, aber die Mächtigen ärgern. Jedenfalls wird an der Kantinentheke (im Stücktext nennt der Autor es „Bahnhofsreste“) heftig über den „Abweichler“ diskutiert. Als sich der Außenseiter nicht sehr diensteifrig zeigt, dem Medienmann zu schmeicheln und beim Verklären des  Betriebs zu helfen, als er dann noch die neue junge Mitarbeiterin ganz offen auf seine Seite alternativer Anschauungen bringt, sind Vergeltungsschläge angesagt. Mit Buttersäure, die offenbar wie k.o.-Tropfen wirken. Der Außenseiter überlebt es nach Alpträumen, wie es seiner Kollegin geht, erfährt man nicht…

Denn Klarheit – obwohl das politische Gleichnis des  Alltags dergleichen durchaus vertragen könnte – bekommt man absolut nicht von Ferdinand Schmalz, 1985 in Graz geboren, wieder ein schon vielfach preisgekrönte „Bundesländer“-Talent („Provinz“ ist ja sicher auch politisch unkorrekt, oder?). Er verfremdet die Geschichte gleich doppelt. Einerseits packt er sie geradezu in Butter ein, alles in dieser Molkerei-Welt ist buttrig-fettiges Gleichnis, Molkereiarbeiter Adi, der im Zentrum des Geschehens steht, vermag von nichts anderem zu reden.

Und weil gerade die österreichische Dramatik für ihre „Kunstsprache“ berühmt ist – dass Handke, Bernhard, Schwab alle aus den Bundesländern kamen, ist dabei interessant -, ergeht sich auch Schmalz in Sprachtiraden, die teils (von begabten Schauspielern so halb und halb in die Realität „heruntergeholt“) witzig wirken, teils nur hochgestrudelter Selbstzweck sind. Motto: Wie mache ich mich interessant? Was das Publikum denkt, hat noch selten einen jungen Autor interessiert, solange in den Jurys, die Preise verteilen, Seinesgleichen sitzen.

Immerhin, es sind zumindest 70 einigermaßen legitime Theaterminuten, die da über die nicht vorhandene Bühne des winzigen Vestibüls gehen. Alexander Wiegold setzt in dem aus Kacheln und Plastik bestehenden Bühnenbild (Claudia Vallant), in der weißen Kleidung derer, die mit Milch und Butter arbeiten (Moana Stemberger), auf ausreichend Bewegung und Interaktion, dass man bei der Sache bleibt.

Am leichtesten wird einem dies von Catrin Striebeck gemacht: Ihre Jenny, nein, nicht Seeräuber-, sondern „die Stilaugen-Jenny“ genannt, weil ihr nichts entgeht, ist von herrlicher Präsenz und Fiesheit. Dagegen kann die andere Dame des Stücks, die junge Molkereiarbeiterin Karina, in Gestalt von Jasna Fritzi Bauer eigentlich nur permanent ein Schnäuzchen ziehen.

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Catrin Striebeck /  Jasna Fritzi Bauer

Der „Futterer-Andi“, wie er genannt wird, weil er gerne mit dem Löffel anderen Leuten Joghurt in den Mund schiebt (nicht sehr appetitlich, wenn man es bedenkt), der dauernd über Butter philosophiert, Butter stiehlt, um eine riesige  Butterplastik zu bauen… weiß der Himmel, wie man dieses Gleichnis aufdröselt…, ist eine große Rolle für Peter Knaack, der nicht ganz normale Fanatiker, für den der Autor dennoch als „Widerstandskämpfer“ Sympathie hegt.

Nicht so für die anderen Herren, den Huber vom Mittleren Management, der für die Werbung zuständig ist und vor allem sich ins Zentrum stellen will (eitel genug wirkend: Michael Masula), und noch weniger für den Exekutivbeamten Hans, „der von der Staatsgewalt“, der so sehr bedauert, dass der Staat heute nichts mehr darf und man sich in seinen Hobbykeller zurückziehen muss, um die Gerechtigkeit ausleben zu können (und er hatte vermutlich noch nicht einmal Ulrich Seidls „Im Keller“ gesehen!): Diesen spielt Marcus Kiepe auch körperlich so „schief“, wie er geistig angelegt ist.

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Michael Masula,  Marcus Kiepe

Wenn am Ende ein Publikum ohne Widerspruch freundlich klatscht, ist im Theater im allgemeinen alles in  Butter. Das nächste Stück des Autors, „Dosenfleisch“, steht schon in den Burgtheater-Startlöchern…

Renate  Wagner

 

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