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WIEN/ Theatermuseum/ Eroica-Saal: ROSALIA CHLADEK REENACTED -PART II

14.10.2019 | Ballett/Tanz

WIEN/ Theatermuseum: „Rosalia Chladek Reenacted – Part II“ –

Das Theatermuseum Wien präsentierte im Rahmen seiner noch bis 10.02.2020 laufenden Ausstellung „Alles tanzt. Kosmos Wiener Tanzmoderne“ die Wiederaufnahme der bereits Ende März aufgeführten und hier leicht modifizierten Tanz-Performance „Rosalia Chladek Reenacted“, nun „Part II“. Sechs Wiener Tänzerinnen setzten sich in zehn Soli mit Choreografien von Rosalia Chladek, Gertrud Kraus und Hanna Berger, drei Wegbereiterinnen der Wiener Moderne, auseinander. Der Eroica-Saal war bis auf den letzten Stehplatz gefüllt.

Eva-Maria Schaller leitet den Abend ein mit der Premiere ihres Stückes „Aufruf – A study (in dance and politics)“. Diese „Rekonstruktion und Variation“ basiert auf einer während ihrer Haft in Berlin entstandenen und 1944 in der Urania Wien aufgeführten Choreografie von Hanna Berger. Das Aufbegehren eines Proletariers und dessen kämpferischer Aufruf zum Widerstand werden gefasst in unmissverständliche Körpersprache und Mimik. Zur elektronischen Musik von Matthias Kranebitter entsteht ein kraftvolles politisches Stück mit historischen wie aktuellen Bezügen, getanzt im stahlblauen Kostüm, beeinflusst auch von den Bewegungsstudien des Rudolf von Laban.


Katharina Senk in Tanz mit dem Stab. Foto Armin Bardel

Der „Tanz. Mit dem Stab.“ von Katharina Senk orientiert sich in der Einstudierung von Martina Haager an der 1930 im Theater an der Josefstadt uraufgeführten gleichnamigen Choreografie von Rosalia Chladek. Erst später einsetzende Trommel-Rhythmen des Schlagwerkers Harald Demmer begleiten Katharina Senk, die in kräftig roter Latzhose den Stab zum ebenbürtigen Partner erhebt und damit auf aktuelle Tendenzen, Objekten die Rolle performativer Kollaborateure zuzuweisen, referenziert. Dass dieser Stab auch erotische Phantasien induziert, würzt dieses physisch anspruchsvolle Stück, in dem Katharina Senk mit ihrer Flexibilität und Präsenz beeindruckt.


Eva-Maria Kraft in blending: Foto Armin Bardel

„blending“ (zur Sarabande aus der „Suite im alten Stil“) von 1925 nach Rosalia Chladek nennt Eva-Maria Kraft ihre Choreografie, die sie, in gelbem Shirt und blauer Hose, sehr weich beginnt. Auf der Stelle stehend bewegt sie ihren Körper, die Arme und Hände mit fließenden Bewegungen. Die Musik von Rupert Huber, elektronisch verfremdete, kaum kenntliche Originalmusik wird zum Ende hin von klarer strukturierten Klavierklängen überlagert, begleitet den Prozess der physischen Annäherung an das Chladeksche Bewegungsmaterial auf akustischer Ebene. Mit ihrer ungeheuren Zärtlichkeit, die von fast kampfsport-artigen Moves der Arme gebrochen wird, beeindruckt Eva-Maria Kraft. Ihre Sinnlichkeit überstrahlt die formale Ästhetik der Chladek.


Katharina Illnar in Totengeleite. Foto Armin Bardel

Für die verletzte Farah Deen, die im März ihr „Urban Luzifer“ zeigte, sprang Katharina Illnar mit ihrem Reenactment der 1936 entstandenen Choreografie „Totengeleite“ von Rosalia Chladek ein. Im grauen, dem Original nachempfundenen Umhang (Barbara Auersperg) tanzt Katharina Illnar zur Musik von Nikolai K. Medtner (Volker Nemmer am Klavier, Live 2006) eine mit skulpturalen Elementen durchsetzte Klage, die trotz, besser wohl wegen ihrer bewegungstechnischen Askese emotionale Wirkung entfaltet. Diese Bewegungsfolge erhält im zweiten Teil, nun ohne Umhang in grauem Shirt, kurzer grauer Hose und ohne Musik wiederholt, eine überraschend andere Bedeutung. Wie seiner schmückenden Kleider beraubter Formalismus kommt diese Sequenz daher. Im dritten Teil überführt sie das Material ins Jetzt, ins Zeitgenössische. Wunderbar.


Martina Haager im Rhythmen-Zyklus_Foto Armin Bardel

Martina Haager stellt in ihrer Rekonstruktion von Rosalia Chladeks 1930 im Theater an der Josefstadt uraufgeführtem, ursprünglich vierteiligem „Rhythmen-Zyklus“ die Teile „gestampft“, „fließend“ und „gebunden – Tanz mit dem Stab“ vor. Begleitet von der Musik des Percussionisten Mathias Koch (Teil 1 und 3) und des Oboisten Ernest Rombout präsentiert Martina Haager die Ergebnisse ihrer Recherchen (es existiert nur wenig Material zu diesen Stücken) und der darauf aufbauenden choreografischen Umsetzung. Die Professorin an der MUK, u. a. für das Chladek®System, erweist sich als Meisterin ihres Faches. Mit kühler Anmut und schmuckloser Präzision präsentiert sie das reduzierte und abstrahierte Material.

Loulou Omer Portrait: Foto Sivan Shavit

Ganz anderen Charakters ist die Performance der gebürtigen Israelitin Loulou Omer, die gemeinsam mit dem Filmregisseur und Drehbuchautor Goran Rebić eine Gertrud Kraus gewidmete Arbeit inszenierte. Kraus, die 1934 emigrierte und ein Jahr später nach Israel, Tel-Aviv kam, wurde dort zu einer der WegbereiterInnen des, letztlich auch amerikanisch beeinflussten, modernen israelischen Tanzes.

Das Foto einer an die Rückwand projizierten Frau, die von der Seite betrachtet sitzend posiert, initiiert ein assoziatives Spiel mit Stuhl und Tisch, Tanz und Schauspiel, Sprache und Gesang, Text und Musik. Loulou Omer, Pianistin, Komponistin, Dichterin, Tänzerin und Performerin, spricht und singt zu einer selbst eingespielten Eigenkomposition am Klavier eine sehr poetische, vielsprachige Hommage an ihre Mutter, die als Schülerin von Gertrud Kraus „gesegnet“ war. Loulou Omers feinsinnige Strahlkraft verzaubert immer wieder.


Eva-Maria Schaller in Die Unbekannte aus der Seine von Hanna Berger. Foto Armin Bardel

Mit einem zweiten Stück nach Hanna Berger beschließt Eva-Maria Schaller diesen Abend. „Die Unbekannte aus der Seine“, 1942 in der Urania Wien uraufgeführt, bildet die Grundlage für ihre „Re-Imagination“ der drei Teile „In das Wasser gehen“, „Von den Wellen getragen werden“ und „Das Erstarren“, hier einstudiert von Esther Koller. Matthias Kranebitter benutzte für seine Komposition elektronisch bearbeite Zitate aus Claude Debussy’s „Reflêts dans l’eau“. Im ersten Teil rückwärts gespielt, bewegt sich Eva-Maria Schaller in ihrem wasserblauen langen Kleid (Christiane Gruber) langsam, weich und sehr gefühlvoll, ausladend und fließend. Zeitgenössisch anmutend. Nun vorwärts gespielt mündet die Musik ins Dramatische, die Tänzerin sucht, unsicher tastend, steht dann wie ein Kreuz in der plötzlichen Stille. Zum Plätschern der unverfremdeten Klaviermusik lässt sie sich von den Wellen am Boden bewegen, um sich nach einem vorüber gezogenen Sturm langsam aufzurichten. Sie steht vor uns, gerade ins Publikum schauend. Denn jedem Ende wohnt ein Anfang inne … Eva-Maria Schallers direkte und unbedingte Emotionalität geht unter die Haut.

Die künstlerische Gesamtleitung oblag Professorin Dr. Andrea Amort, die als wissenschaftliche Leiterin des Tanzarchives des MUK mit ihren Forschungsarbeiten zur Erschließung des Nachlasses von Rosalia Chladek und als Kuratorin der Ausstellung „Alles tanzt. Kosmos Wiener Tanzmoderne“ ganz wesentlichen Anteil am Erfolg dieser ein zweites Mal präsentierten, erweiterten „Reenactments“ hat. Alle sechs Tänzerinnen/Performerinnen zeigen Tanzkunst auf hohem Niveau. Ihre individuellen Prägungen färben die Auseinandersetzungen mit den choreografischen Ausgangsmaterialien, die mit ihrem geradlinigen Formalismus, ihrer klaren Ästhetik, ihrer abstrakten Reduziertheit, ihrer Experimentierfreude und insbesondere durch das Chladek®System bis in die heutige, „postmoderne“ choreografische Praxis wirken.

Rando Hannemann

„Rosalia Chladek Reenacted – Part II“, aufgeführt am 11., 12. und 13. Oktober 2019 im Eroica-Saal des Theatermuseums Wien.

 

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